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Darf der Staat vorschreibend in die Sprache eingreifen?
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Grammatiker
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Anmeldungsdatum: 03.01.2006
Beiträge: 89

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2008 - 15:07:39    Titel: Darf der Staat vorschreibend in die Sprache eingreifen?

Darf der Staat regelnd (präskriptiv) in die Sprache eingreifen?

Einige Gedanken zu diesem Thema. Ich beziehe mich im wesentlichen auf ein Zitat von Vesar.

Vesar hat folgendes geschrieben:


Du willst doch nicht allen Ernstes behaupten, dass die NP "Leid" zu einer Partikel (bzw. Präfix) oder gar zu einem Lexem ohne Kategorie (nach traditioneller Grammatik Adverb) verkommen ist. Es hat innerhalb dieser VP KEINE Grammatikalisierung stattgefunden. Das erkennt man noch immer an VPs wie "jemandem ein Leid (an)tun", innerhalb derer die nominalen Eigenschaften des Wortes klar zum Ausdruck kommen (wie GEN, NUM, KAS etc. sowie Indefinitpronomen als Determinant).

[...]

Wie ich bereits gestern in einem anderen Thread geschrieben habe, geht es in der [Rechtschreib-]Reform u. a. darum, den Wortkategorien graphemisch ihren ursprünglichen kategoriellen und grammatischen Status zurück zu geben, der durch diverse Rechtschreibkonventionen in den 20er, 60er, 70er und 80er Jahren verkorkst worden ist. [...] Am obigen Beispiel gibt es aber endlich eine Logik. Die "inkompetenten" Professoren wussten also, worauf sie sich stützten, was eigentlich nur ihre Kompetenz an den Tag legt.


Es ist seit Adelung (1782) bekannt, daß Sprachwandel unweigerlich zu Störungen der Sprachrichtigkeit führt. Im Mündlichen verschwinden die Flexionsmorpheme; das System der starken Verben löst sich auf. In der Schreibung kommt es z. B. zu Transpositionen (Wortartwechsel).

Darf nun der Staat präskriptiv (vorschreibend) in die Sprache eingreifen, um konventionalisierte Systemabweichungen, Unschärfen und Uneindeutigkeiten per Verwaltungsvorschrift wieder abzuschaffen? Darf er Sprachwandelprozesse stoppen, um "Wortkategorien graphemisch ihren ursprünglichen kategoriellen und grammatischen Status zurück zu geben?"

Er darf es nicht.

Der Mensch gestaltet Sprache nicht in Kenntnis abstrakter Regeln; er folgt "dunkel empfundenen Ähnlichkeiten" (Adelung 1782). Dadurch kommt es unweigerlich zu Verstößen gegen die sog. "Sprachrichtigkeit".

Die Entwicklung der Sprache kann man vergleichen mit der Entwicklung einer Stadt. Mit der Zeit entstehen kleine Gäßchen, Trampelpfade, Abkürzungen, ein paar gefährliche Kreuzungen und so manche Einbahnstraße: Alles ist durcheinander geschmiert und ineinander geschachtelt. Doch wer in der Stadt zu Hause ist, findet sich zurecht.

Hier liegt der Eintrittspunkt der Pragmatik. Sprache besitzt keine Eindeutigkeit auf Grundlage einer bestimmten Struktur. Sprache ist nach modernem linguistischem Verständnis kein "von oben" zu planendes Gebilde. Sprache - und damit ist auch die geschriebene Form gemeint - dient der Verständigung...und ist somit sprecherabhängig.

Sprache ist ein lebendiger Organismus; er wächst und formt sich in Jahrhunderten auf spontane Weise. Systemabweichungen sind daher ein fester Bestandteil jeder Kultursprache. Im Sprachgebrauch etablierte "Systemabweichungen" sind im Sinne der Verständigung zu akzeptieren. Sie werden ja ohnehin nur von Sprachforschern als Verstöße wahrgenommen. Das Volk hingegen verwendet die "falschen" Formen...und gerade deswegen funktioniert die Verständigung.

Nach Adelung (1782) ist der Grammatiker daher "nicht Gesetzgeber der Nation, sondern nur der Sammler und Herausgeber der von ihr gemachten Gesetze, ihr Sprecher und der Dollmetscher ihrer Gesinnungen. Er entscheidet nie, sondern sammelt nur die entscheidenden Stimmen der meisten. Nie läßt er sich durch Vorurtheil oder Eigenliebe verleiten, die Gesetze der Nation zu verfälschen, oder ihr seine Meinungen unterzuschieben. Er stellet die Sprache so dar, wie sie wirklich ist, nicht wie sie seyn könnte, oder seiner Einbildung nach seyn sollte."

Oder modern ausgedrückt:

"Nicht Regierungen, Ämter und staatliche Schulmeistereien sind Sprachbildner, sondern das Volk und seine Dichter und Sänger, Erfinder und Entdecker." (Günter Zehm)

Zurück zum Stadt-Vergleich:

Wer in der Stadt wohnt, benötigt keine Karte, um von A nach B zu kommen. Wer in der Stadt wohnt, muß auch nicht vor jedem Gang zum Supermarkt das Gehen mit Hilfe einer ministeriellen Handreichung neu erlernen.

Mit der Sprache verhält es sich nicht anders. Präskriptive Sprachregelungen, die darauf abzielen, konventionalisierte Systemabweichungen rückgängig zu machen, beschädigen das Sprachgefühl der Menschen. Und das Sprachgefühl ist nun einmal die wichtigste Leitgröße in der Orthographie. Das erkannte Adelung Ende des 18. Jahrhunderts. Damit war er den "modernen" Rechtschreibreformern weit überlegen.

Abschließend ein paar Worte zu "Leid tun":

Du schreibst da einen großen Unfug. Wendungen wie "sehr Leid tun", "gar nicht Leid tun" oder "so Leid es mir tut" sind grammatisch falsch und legen darüber hinaus ein Verständnis nahe, das am Gemeinten vorbeigeht. Schon Wilhelm Busch schrieb: "Du tust uns auch gar zu leid." (Wilhelm Busch: Das traurige Röslein)
neleabels
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Anmeldungsdatum: 28.11.2008
Beiträge: 184

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2008 - 16:15:25    Titel:

Nunja, all deine klugen geisteshistorischen Überlegungen ändern nichts an der Tatsache, dass "der Staat" auf dem Gesetzesweg eine Reform der Rechtschreibung beschlossen hat und ohnehin seit Ewigkeiten über den Deutschunterricht inklusive der Sprachnoten steuernd und regulierend in den Sprachgebrauch eingreift. Er darf es also offensichtlich. Wink

Das sehe ich, abgesehen davon, so dramatisch nicht....

Nele
Vesar
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Anmeldungsdatum: 24.04.2008
Beiträge: 1360
Wohnort: Toulouse/Frankreich

BeitragVerfasst am: 12 Dez 2008 - 17:21:39    Titel:

Zu deinem Exkurs über konventionalisierende Eingriffe des Staates vielleicht später mehr. Im Moment fehlt mir die Zeit dazu. Nur soviel: Wenn du so argumentierst, kommst du leider nicht sehr weit. Jedes Land hat seine eigene sprache und Rechtschreibung im Laufe seiner Geschichte normiert und konventionalisiert. Dies war fester Bestandteil des historischen Zentralisierungs- und Nationalisierungsprozesses in der Entwicklung der modernen Nationalstaaten. Die Notwendigkeit dazu bestand bei den einst über 2000 einzelnen Fürstentümern, Königreichen, Grafschaften etc. im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation noch viel mehr als in anderen Ländern, da in diesen unterschiedliche Dialekte gesprochen wurden (selbstverständlich nicht in allen 2000).

Wenn du so argumentierst, müsstest du ebenfalls die Bibelübersetzung von Luther anprangern, die ja erst zu einer Tendenz der Vereinheitlichung der deutschen Sprache führte, ebenso wenig wirst du die Grammatik der Gebrüder Grimm nicht akzeptieren können, die erstmal ein wirkliches Regelwerk der deutschen (einheitlichen) Rechtschreibung entworfen haben, und sich dabei auf den zu ihrer Zeit aktuellen Stand der linguistischen Kenntnisse stützten (Stichwort Unterscheidung nach Aristoteles und Plato von onoma und rhema). Seitdem ist die Linguistik weiter vorangeschritten. Sprache ist dabei aber nicht nur dem Wandel der Sprachakzeptanz durch die Gesamtheit der Sprachteilnehmer unterworfen. Wie könnte Sprache sonst beigebracht werden, wenn sich nicht auf einheitliche Punkte gestützt werden kann? Sprache muss aus rein pragmatischen Gründen immer zu einem gewissen Teil präskriptiv sein. Das bedeutet aber nicht, dass die Sprachteilnehmer Sprache nicht verändern, was am Wegfall des Genitivs bei bestimmten Präpositionen und Ersetzung durch den Dativ ersichtlich ist, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder, wie du richtig sagst, der Umschwung der starken Verben in eine schwache Konjugation. Das ist nicht neu, das hat es immer gegeben, da enorm viele Verben enderen Sprachen entlehnt wurden. Dieser Prozess der Eindeutschung läuft dabei über drei Etappen. Das gleiche Phänomen lässt sich ebenfalls bei der Pluralflektion der Substantive beobachten. So sind auch manche Änderungen innerhalb der Rechtschreibreform in diesen Prozess der Eindeutschung verankert, Beispiel der Umschwung von ph zu f bei Delfin oder selbst Fotografie, ein Wort übrigens, das lange Zeit eine Zwischenstufe darstellte (Fotographie).

Auch Sprachgefühl ist veränderlich. Ich habe noch die alte Rechtschreibung in der Schule erlernt. Während meiner Schulzeit wurde dann allmählich auf die neue Rechtschreibung umgestellt. Natürlich war das in einer ersten Zeit komisch. Aber heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, "dass" ohne das doppelte "s" zu schreiben. In diesem Sinne hat sich mein Sprachgefühl verändert. Man muss sich nur die Mühe machen, verstehen zu wollen. Ich betone allerdings noch einaml, dass nicht alles in dieser Reform logisch ist. Aber dieses Beispiel steht stellvertretend dafür, dass auch dein Sprachgefühl nur auf dem Zusammenlaufen von Konventionen und natürlicher Sprachentwicklung basiert. Die nächste Generation, die schreiben lernen wird, wird beispielsweise die neue Rechtschreibung von Anfang integrieren und darauf ihr Sprachgefühl zumindest im Schriftlichen aufbauen. Sie wird Bücher älterer Ausgaben lesen und sich wundern, warum "dass" denn mit ß geschrieben wird, wie sie sich auch über die anderen, für sie merkwürdigen Schreibweisen wundern wird. Nein, Sprache, ihre Entwicklung, Sprachgefühl kann nicht losgelöst von Konvention, Normierung UND natürlicher Entwicklung durch die Sprachbenutzer betrachtet werden. Beides ist ein Zusammenspiel.

Was deinen letzten Absatz bezüglich meiner Angaben betrifft, so bedaure ich zutiefst, dass durch diese zwar als Unsinn abstempelst, allerdings keinelei Argumentation an den Tag legst. Denn du wirst doch sicherlich erkannt haben, dass die VP zu den Funktionsverbgefügen gehört, damit in die Kategorie der Phraseologismen gehört und demnach das Fregesche Gesetz nicht mehr gilt. (Die Bedeutung eines Ausdrucks entspricht der Summe der Einzelbedeutungen der Element sowie ihrer Grammatik zueinander.) Du sagst, dass die Bedeutung des Nomen "Leid" nichts mit seiner prototypischen Bedeutung zu tun hat. Du irrst dich. Wenn ich heute sage "Du tust mir Leid", was sage ich damit? Ich sage, und das willst du eigentlich mit deiner Bedeutung sagen, dass ich Mitleid habe. Aber analysiere mal dieses Wort. Was bedeutet es denn? Wenn ich sage, dass mir jemand Leid tut, dann sage ich, dass mein Gegenüber zumindest geistig sein Leid (im Sinne von Schmerz, hier natürlich nicht im physischen Sinne) auf mich überträgt, mir sein Leid antut, ich also mitempfinden kann, was mein Gegenüber empfindet (mentale Repräsentation), ich also mit ihm leide. Aus dieser Bedeutung von Mitleid, welches, wie gesagt, im wahrsten Sinne des Wortes "das Leid des Anderen durch mentale Repräsentation mitempfinden können" bedeutet, ist eine lexikalisierte, periphere, ja beinahe, metaphorische Bedeutung geworden, was der ursprünglichen Bedeutung allerdings keinen Abbruch tut.

Des Weiteren hat dieser (falsche, da unüberlegte) Hinweis auf eine nicht entsprechende Bedeutung nichts mit der Kategorisierung des Wortes "Leid" in eine Wortklasse, nämlich jener der Substantive, zu tun. Das ändert also nichts an meiner Argumentation, die du somit nicht widerlegen konntest.
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