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"Ausreißer" im Barocklyrikmetrum?
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Sina123
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Anmeldungsdatum: 25.09.2007
Beiträge: 137

BeitragVerfasst am: 27 Jan 2009 - 12:52:12    Titel: "Ausreißer" im Barocklyrikmetrum?

Hallöchen,

könnt Ihr mir weiterhelfen? Es geht um Gryphius` "Abend":

Andreas Gryphius: Abend
Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.

Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten
Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten.
Dein ewig heller glantz sei vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
Und wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
So reiß mich auß dem thal der Finsterniß zu dir.

Nun ist ja bekannt, dass im Barock größten Wert auf die Form gelegt wurde - ein richtiges barockes Sonett wie dieses hier wurde in Alexandrinern (6-heb. Jambus mit Zäsur) verfasst. Alles gut und schön und auch fast geradezu lehrbuchreif - nur schaut Euch mal in der 1. Strophe den 4. Vers an: Das ist def. kein Alexandriner, sondern einer mit "Auftakt", sprich, es beginnt mit einer betonten Silbe.
Ich habe schon herumgefragt, doch niemand konnte sich dies Phänomen erklären. Was hat Gryphius da angestellt? Inhaltlich lässt sich die Unstimmigkeit ja erklären, aber die Barockdichter setzten generell Form über Inhalt.

Habt Ihr eine Idee? Ein "Übersetzungs"fehler?

Gruß
Sina
Generaltoni
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Anmeldungsdatum: 30.12.2005
Beiträge: 1729
Wohnort: Im Ruhrpott

BeitragVerfasst am: 27 Jan 2009 - 17:41:41    Titel:

Wenn du alle vier Auftaktstellen der letzten Verszeilen jeder Strophe vergleichst, hast du dasselbe Rhythmus-Phänomen: die einleitende Metrumverschiebung:

Diese Stellen sidn natürlich variantenreich und effektvoll.

So wird hier ein Jambus durch einen Spondeus am Versbeginn (sowie nach der Zäsur) - auch wohl ab und an, aber seltener, durch einen Trochäus - ersetzt.
Sina123
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Anmeldungsdatum: 25.09.2007
Beiträge: 137

BeitragVerfasst am: 27 Jan 2009 - 17:50:34    Titel:

Hi,

danke schonmal fürs Mit-Nachdenken. Das mit dem Spondeus finde ich allerdings nicht wirklich nachvollziehbar (abgesehen davon soll es den Spondeus im Dt. nicht geben), denn "Diß" und "So" müssen nicht betont werden - allerdings wohl streitbar.
Warum aber diese Ausreißer im sonst so konsequenten Alexandriner?

Gruß
Sina
Ajarion
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Anmeldungsdatum: 29.08.2008
Beiträge: 106

BeitragVerfasst am: 27 Jan 2009 - 23:11:53    Titel:

Wie würdest Du diese Metrumvarianz inhaltlich erklären?
Und wenn Du sie inhaltlich erklären kannst und ein metrisches Phänomen sich derart semantisch aufladen lässt, dann scheint Gryphius hier wohl eine Abweichung von er Form vorzunehmen... das kommt mEn ein Vers später auch vor:

Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.

Sind in den vorigen vier Versen die Zäsuren durch Satzende oder Virgeln markiert, so zeigt mEn die Virgel hier eine latente Verschiebung der Zäsur um eine Silbe an, wodurch die Bewegung des "port[s]" in Richtung "der glieder Kahn" nur noch verstärkt wird: Der Vers drängt in Richtung "Kahn" über die Zäsur hinaus, die der Alexandriner eigentlich vorgibt....

Und wenn das alles hingenommen wird, dann hat sich Gryphius hier wohl über Vorgaben den Alexandriner betreffend in cooler Weise hinweggesetzt Wink
Ajarion
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Anmeldungsdatum: 29.08.2008
Beiträge: 106

BeitragVerfasst am: 08 Feb 2009 - 11:14:40    Titel:

@Sina123

Hat sich dieses interessante Phänomen nun aufgelöst oder ist es noch diskutabel? Ich finde metrische Verschiebungen heftigst interessant Smile
Sina123
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Anmeldungsdatum: 25.09.2007
Beiträge: 137

BeitragVerfasst am: 08 Feb 2009 - 17:13:34    Titel:

@Ajarion: Ich habe es erstmal gedanklich ad acta gelegt Wink bzw. lasse es im Unterbewusstsein weiter gären.
Viele Grüße
Sina
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