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Richtig interpretiert?
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Monstershausen
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Anmeldungsdatum: 08.02.2009
Beiträge: 4

BeitragVerfasst am: 09 Feb 2009 - 10:25:42    Titel: Richtig interpretiert?

Der Millionär
"Hier möcht ich wohnen!" rief ein Millionär
Und brachte seine Familie her.
Ein freies Aussichtplätzchen sucht er aus
Und baute sich ein pompejanisch Haus.
 
Die Eingebornen wussten wohl zu schätzen
Den werten Gast; denn jeder wollt ihn pfetzen.
Der Architekt vor allem, laut Vertrag,
Stahl ihm zweihunderttausend Mark mit einem Schlag.
Dann, um den Handel etwas auszugleichen,
Liess er ihm eine Zuschlagsrechnung überreichen,
Die forderte nachträglich ungezwungen
Zweiundeinhalbmal mehr als ausbedungen.
Der Gärtner, bei der passenden Gelegenheit,
Fand sich zu jedem Dienste gern bereit,
"Verfaulter Flor? verdorrte Bäumchen? Was Sie nur befehlen,
Gnädiger Herr, Sie brauchen bloss zu wählen."
Vom Milcher bis zum Metzger schnitt
Ein jeder seinen saftigen Profit.
Die Nachbarn links und rechts indessen
Versüssten ihm das Dasein mit Prozessen.
Und als er endlich, alles wohl erwogen,
Fluchend mit Weib und Kind davon gezogen,
Nackter
als Adam vor dem Fall: "Ein schwieriger Charakter!"
Munkten die Frommen:
"Nicht auszukommen!"
 
Carl Spitteler






Es geht doch darum, dass die Bewohner zum Schluss sagen, dass es schwierig mit ihm war & er einen schwierigen Charakter habe, obwohl ja eigentlich die Bewohner des Dorfes diesen nur ausgebeutet haben oder?
Was hat das mit "Adam vor dem Fall" zu bedeuten?
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 09 Feb 2009 - 11:10:57    Titel: Re: Richtig interpretiert?

Monstershausen hat folgendes geschrieben:
Was hat das mit "Adam vor dem Fall" zu bedeuten?


Ich finde, es ist egal, ob man religiös ist oder nicht: Die biblische Geschichte vom Sündenfall zu kennen gehört zur Allgemeinbildung. Und wenn du sie wirklich nicht kennst, würde ich sie an deiner Stelle mal in der Bibel nachlesen. Dann ist sofort klar, was gemeint ist.

"Nackter als Adam vor dem Fall" soll ja ein Vergleich zur Verdeutlichung sein. Vermutlich ist Spitteler gar nicht auf die Idee gekommen, dass ein Leser die nicht kennen könnte ... Razz


P.S.: Ich würde auch die Gesamtinterpretation mal ins Forum stellen. Ich bin mir nicht sicher, ob du es richtig interpretiert hast.
Monstershausen
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Anmeldungsdatum: 08.02.2009
Beiträge: 4

BeitragVerfasst am: 09 Feb 2009 - 13:41:02    Titel:

Was würdet ihr denn als Hauptaussage dieses Gedichtes sehen? Ich denke schon, dass ich das alles richtig verstanden habe....
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 09 Feb 2009 - 14:11:09    Titel:

Monstershausen hat folgendes geschrieben:
Ich denke schon, dass ich das alles richtig verstanden habe....


Na, dann schreib es doch mal hin. Wink

Der Satz da oben kann es doch wohl nicht sein.
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 10 Feb 2009 - 12:39:03    Titel:

Monstershausen hat folgendes geschrieben:
Ich kenne sehr wohl die Geschichte vom Sündenfall, ...


Du schreibst zwar, dass du alles kennst, aber du schreibst es nicht auf. Daher bin ich mir immer unsicher, ob du es wirklich kennst oder nur so tust, als ob du es kennen würdest.

Also vor dem Sündenfall lebten Adam und Eva nackt im Paradies. Dann hat Eva ihn dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Dadurch wurden sie sich ihrer Blöße bewusst und schämten sich voreinander. Jeder band sich ein Feigenblatt um.

"Nackter als Adam vor dem Fall" ist daher ein Widerspruch. Adam war vor dem Fall nackt. Wörtlich hieße das: nackter als nackt. Die Bewohner haben den armen Millionär so geschröpft, dass er noch nackter als Adam floh. Das ist natürlich eine Übertreibung. Ein Stilmittel der Ironie. Das Gedicht muss man mit Humor lesen. Man vergleiche die Formanalyse:

"Nackter
als Adam vor dem Fall: "Ein schwieriger Charakter!"

Der ganze Vers besteht nur aus einem einzigen Wort. Der nachfolgende Vers hat dafür umso mehr Worte, gleich acht Stück. Das passt überhaupt nicht zusammen. Es ist völlig übertrieben, was umso mehr auffällt, wenn beide Verse direkt hintereinander stehen. Man erkennt den Witz sofort im Sprechrhythmus, wenn man versucht, das Gedicht laut zu lesen. Form und Inhalt korrespondieren miteinander (beides = Übertreibung). Hier macht sich jemand lustig.

Versuche mal, die humoristischen Elemente in dem Gedicht herauszulesen. Was du in deinem Ansatz bringst, ist nur die erste Ebene - das, was man liest, wenn man das Gedicht wörtlich nimmt.
Knalltüte
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Anmeldungsdatum: 31.08.2007
Beiträge: 2932
Wohnort: gleich um die Ecke

BeitragVerfasst am: 10 Feb 2009 - 15:16:38    Titel:

Dort werden doch letztlich alle Beteiligten auf ’s Korn genommen. Schon die Bezeichnung des örtlichen Volkes als Eingeborene und die Bezeichnung des Millionärs als Gast (ein Gast ist man ja nur, wenn man kommt, mit der Aussicht wieder zu gehen). Dazu ist es ja noch ein werter Gast. Ebenso bekommen die Berufe ihr Fett weg.

Und die bloße Opferrolle kann man dem Millionär auch nicht zukommen lassen. Schließlich platzt er ja großspurig in die Szene mit „Hier möcht ich wohnen!“.
Monstershausen
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Anmeldungsdatum: 08.02.2009
Beiträge: 4

BeitragVerfasst am: 11 Feb 2009 - 09:08:56    Titel:

Ah...jetzt wird mir einiges klar Smile

Dankeschön für eure Hilfe!
mephisopheles
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Anmeldungsdatum: 09.09.2008
Beiträge: 125

BeitragVerfasst am: 12 Feb 2009 - 14:17:48    Titel:

Zitat:
[...] Ich bin mir nicht sicher, ob du es richtig interpretiert hast.


Ob Du es richtig interpretiert hast, kann in letzter Konsequenz nur Herr Spitteler sagen. Nur Deutschlehrer und ihre Derivate meinen stets, sie hätten die Gottesgabe, alles richtig(er) zu interpretieren (als jeder andere, selbst der Autor).
Sorry, konnt's mir mal wieder nicht verkneifen Wink

Ich denke, die Kernaussage ist die, dass alle Beteiligten nicht am Menschen an sich interessiert waren, sondern an anderen Werten und dem persönlichen Vorteil. Das gilt für beide Seiten. Die Bewohner freuen sich nicht über den Menschen, der da kommt und bei ihnen wohnen will (immerhin kommt er ja mit seiner ganzen Familie, es wären also wohl genügend Berührungspunkte gegeben), sondern über sein Geld. Sehr schön wird das deutlich an dem Punkt, wo die Nachbarn ins Spiel kommen. Alle, die regulär Geld an ihm verdienen können, sind (aufgesetzt) freundlich zu ihm, wer aber, wie die Nachbarn, nicht an seinem Vermögen teilhaben kann, der sucht nur Streit. (Eventuell, um über einen Prozess an Geld zu kommen? Das ist aber nur eine Möglichkeit, denn zum Grund der Prozessiererei wird der Autor nicht konkret.)
Der Millionär wiederum kommt ja auch nicht wegen der netten Leute, sondern wegen der Aussicht.

Erst mal also:
Es geht allen Beteiligten nicht um das harmonische Zusammenleben, sondern stets nur um den eigenen Vorteil.

Am Ende des Gedichts folgt die selbstgemachte moralische Reinwaschung der "Eingeborenen", mit der Behauptung, der Zugezogene hätte einen schwierigen Charakter gehabt und ein Zusammenleben wäre wohl schlicht unmöglich gewesen. Ganz klar: Woher wollen sie das wissen? Haben sie sich denn überhaupt die Mühe gemacht, ihn kennen zu lernen?
Es handelt sich also um eine kollektive "Geschichtsfälschung" zum Zwecke der eigenen weißen Weste und des eigenen Gewissens. Sie sind sicherlich von ihrem Standpunkt überzeugt, bestärken sie sich doch schließlich gegenseitig darin.
Die Brisanz besteht darin, dass am Ende der Charakter, also der Mensch an sich, ins Spiel kommt, aber nur oberflächlich und schlicht absichtlich (autosuggestiv) erlogen, einzig zu dem Zweck der eigenen moralischen Absolution:
Der Millionär sei ja selbst schuld, man hätte doch wohl versucht, ihn herzlich willkommen zu heißen und freundschaftlich mit ihm zusammen zu leben, man sei doch so gastfreundlich gewesen. Man selbst hat natürlich keine Schuld und man ist davon tatsächlich fest überzeugt.

Das Hauptfett bekommen schon die Ortsansässigen weg, sie trifft die Hauptkritik der Geschichte. Zwar ist auch der Millionär nicht ganz unschuldig, man sollte sich aber nicht dazu hinreißen zu lassen, einen Antikapitalismus zu unterstellen, wo keiner ist, und den "Millionär" per se als etwas Schlechtes anzusehen. Ich denke, der Autor hat hauptsächlich deshalb einen Millionär hergenommen, um genügend Geld für die Gier dr Einheimischen zur Verfügung zu haben, denn einem Nackten hätten sie ja nicht in die Tasche greifen können.

Was mich interessieren würde: Von wann ist der Text und was gibt es zum Leben des Autors zu erzählen? Möglicherweise werden ja reale Begebenheiten (ob persönlich oder zeitgenössisch gesellschaftlich) verarbeitet.
Leoni
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Anmeldungsdatum: 19.05.2005
Beiträge: 1096
Wohnort: Bochum

BeitragVerfasst am: 13 Feb 2009 - 01:27:39    Titel:

mephisopheles hat folgendes geschrieben:
Ich denke, der Autor hat hauptsächlich deshalb einen Millionär hergenommen, um genügend Geld für die Gier dr Einheimischen zur Verfügung zu haben, denn einem Nackten hätten sie ja nicht in die Tasche greifen können.


Das Problem bei deiner Interpretation ist meines Erachtens, dass du den Text nicht als Fiktion verstehst. Du nimmst den Inhalt des Gedichtes so, als wäre es wirklich passiert und beurteilst das Geschehen. Was du schreibst, steckt alles in dem Gedicht drin, und trotzdem kommst du nicht über die Ebene eines wörtlichen Verständnisses hinaus.

Dein oben zitierter Satz ist die einzige Ausnahme; du fragst hier nach der Autorenintention. Aber es wird schnell deutlich, dass das Gedicht nicht so gemeint sein kann. Die ganze Grundsituation ist übertrieben: Ein Millionär kann nicht von den Bewohnern dermaßen "gepfetzt" werden, dass er mittellos den Ort verlassen müsste. Das könnte eventuell noch in Bezug auf den Architekten passen (der eine hohe Summe bekommt), aber spätestens beim Gärtner, Milcher, Metzger und den Nachbarn wird es unsinnig, denn diese könnten niemals so viel Profit rausschlagen, um einen Millionär ernsthaft schaden und zum Davonlaufen zwingen zu können. Die Intention des Autors muss woanders liegen.
mephisopheles
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Anmeldungsdatum: 09.09.2008
Beiträge: 125

BeitragVerfasst am: 16 Feb 2009 - 12:31:19    Titel:

Gib mal Butter bei die Fische.
Wie würdest Du den Text interpretieren?
Ich lasse mich durchaus vom Fachmann überzeugen. Wink
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