Studium, Ausbildung und Beruf
 StudiumHome   FAQFAQ   RegelnRegeln   SuchenSuchen    RegistrierenRegistrieren   LoginLogin

Korrektur
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen
Foren-Übersicht -> Deutsch-Forum -> Korrektur
 
Autor Nachricht
Conny1990
Senior Member
Benutzer-Profile anzeigen
Senior Member


Anmeldungsdatum: 04.06.2006
Beiträge: 675

BeitragVerfasst am: 12 Jun 2009 - 13:11:35    Titel: Korrektur

Hallo liebe Deutsch-Könner,

ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mit einem kritischen Blick über meinen Text schauen könntet. Über jeden Verbesserungsvorschlag bin ich wirklich sehr dankbar.
_____________________________________________________________

Interpretation der Parabel „Gibs auf“ von Franz Kafka –12.06.09, Cornelia Knapp

Vorwort: Da mir durchaus bewusst ist, dass zum Verständnis von Texten oft die Biographie des Autors eine entscheidende Rolle spielt, habe ich mich intensiv mit der von Franz Kafka beschäftigt. Alle Informationen erhielt ich von den Internetseiten: http://www.franz-kafka.net/ und http://www.hallotiger.de/Gibs_auf.pdf

In der Parabel „Gibs auf“ von Franz Kafka geht es um eine Person, die zum Bahnhof irrt und letztendlich in ihrer Orientierungslosigkeit hilflos ausgeliefert ist.
Eine nicht näher beschriebene Person begibt sich am frühen Morgen auf den Weg zum Bahnhof. Ob es ihr Ziel ist, jemanden abzuholen oder zu verreisen, bleibt offen.
Plötzliche Unsicherheit tritt bei der Person auf, als sie bemerkt, dass sie sich verspätet hat und den Weg zum Bahnhof nicht kennt. Aufgrund der fehlenden Ortskundigkeit und mit Ängstlichkeit, den Bahnhof nicht pünktlich zu erreichen, fragt sie einen Schutzmann um Rat.
Dieser reagiert allerdings überraschenderweise nicht seiner Berufung entsprechend, indem er der Person den Weg erklärt. Stattdessen soll die Person „es aufgeben“ und der Schutzmann wendet sich mit einem großen Schwung ab.

Die Identität der erzählenden Person kann am Text nicht belegt werden, da keine Angaben zum Alter, Geschlecht und Erscheinungsbild vorliegen.
Die Handlung der Erzählung, der Ort und die Zeit wird mit einem kurzen und einfachen Satz eingeführt.
Der Text besteht aus fünf sehr langen Sätzen, die einer Parataxe unterliegen. Das heißt, dass selbstständige Sätze (Hauptsätze) aneinandergereiht sind.
In dem Text werden die Sätze durch Konjunktionen, Satzzeichen wie Komma und Punkten voneinander getrennt. Der Erzählstil ist einfach und wahrhaftig, wodurch er differenziert und trocken wirkt. Obwohl die Sätze sehr lang sind und Vergangenheitsformen aufweisen, kann die sachliche, nicht wertenden Textform des Autors einem Bericht zugeordnet werden. Keine indirekte Rede, jedoch Objektivität finden sich in der einfachen Stilebene. Der Text ist im Präteritum geschrieben (mit Ausnahme der wörtlichen Rede und „als ich geglaubt hatte“). Es werden durchgehend (bis auf die wörtliche Rede) indikativische Verbformen verwendet. Formal kommt die Panik des Erzählers aufgrund der Verspätung durch die atemlose Aneinanderreihung zum Ausdruck. Die Ereignisse werden aus der Ich-Perspektive des Erzählers präsentiert, was dazu führt, dass der Leser mit der Atemlosigkeit des Textes, wenigen Sprechpausen und der kontinuierlichen Aneinanderreihung der Hauptsätze konfrontiert wird. Durch den Stil bleibt dem Leser keine Möglichkeit, sich durch persönliche Überprüfungen (z.B. die Annahme, dass die eigene Uhr falsch ginge) vom Text abzuwenden. Die Verwendung des Passivs („...ließ mich unsicher werden...“) verdeutlicht die aussichtslose, ausgelieferte und hilflose Situation des Erzählers. Der Text wirkt durch den zweiten sehr langen Satz quälend, wird aber durch die wörtliche Rede kontrastierend beschleunigt. Am Ende der Erzählung bricht die Handlung plötzlich ab und der Leser ist somit aufgefordert, seine Deutungen vorzunehmen. Der Leser fragt sich überrascht, ob das schon das Ende der Handlung ist, oder ob eine Fortsetzung folgt.
Die Erzählung enthält die Metaphern der Straßen, des Bahnhofs, der Turmuhr, der Uhr, des Wegs, der Stadt und des Schutzmannes.
Auf diese Metaphern wird im Folgenden näher eingegangen:
Die positive Stimmung des ersten Satzes wird durch den zweiten Satz unterbrochen, der eine negative und bedrohliche Situation mit Unsicherheit zeigt. Die Aneinanderreihungen verdeutlichen das plötzliche Eintreten von Zeit. Die Vorgänge in der Stadt sind von ihr abhängig. Dadurch bekommt der Ich-Erzähler Panik, da er befürchtet den Zug nicht rechtzeitig zu erreichen und somit die Veränderung nicht wahrnehmen zu können. Mit dem Satz „er hatte geglaubt, es sei noch früher“ wird das wahrgenommene Irrtum des Ich-Erzählers deutlich, was durch die Verwendung des Plusquamperfekts unterstrichen wird. Er vertraut der öffentlichen Turmuhr und nicht seiner eigenen Uhr. Dieses Vertrauen auf Zeit ist ein wichtiger Aspekt für das weitere Geschehen, denn die Zeit entscheidet als Ordnung über den Wunsch des Ich-Erzählers, die Stadt zu verlassen. Durch die Zeit wird die Hauptfigur unter Druck gesetzt, den Zug schnell genug zu erreichen. Er versucht einen Ausweg zufinden, indem er den Schutzmann fragt, um seinem alten Leben zu entkommen und ein neues besseres zu beginnen. Schließlich wird dieser zunächst positiv wahrgenommen, seiner Aufgabe entsprechend als Helfer und Retter in einer aussichtslosen Situation.
Der Ich-Erzähler vertraut ein zweites Mal einer fremden Ordnung, der er eigentlich entfliehen möchte. Er vertraut erstens der Turmuhr und zweitens dem Schutzmann, der dem Erzähler überlegen ist. Vielleicht wird seine Panik jedoch unnütz durch die falsche Annahme der richtigen Zeit ausgelöst und nicht durch die tatsächliche Gegebenheit.
Das Lächeln des Schutzmann ist keineswegs freundlich, sondern arrogant gemeint. Der Ich-Erzähler wird sogar frech mit du angeredet. Der Schutzmann ist ein Repräsentant der Macht, der der Ich-Erzähler entkommen möchte. Da ist es kein Wunder und verständlich, dass der Schutzmann mit den Worten „Gibs auf“ reagiert. Die Abwendung mit einem Lachen lässt einen Triumph des selbstzufriedenen Schutzmannes bzw. der fremden Ordnung vermuten.

Die Parabel ist sehr offen, wodurch ihr Sinn schwer erkennbar bleibt, und viele Interpretationsmöglichkeiten vorliegen. Die Parabel weist gewisse Parallelen zum Ich-Erzähler und Franz Kafka auf, sodass sie biografisch interpretiert werden kann:
Franz Kafka. 1883 in Prag geboren und 1924 in Kierling (Österreich) gestorben, war von der Herkunft „deutscher Jude“. Er hat die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und deren Untergang im Jahre 1918 miterlebt. Eine Parallele der Parabel ist, dass der Schutzmann eine Amtfigur ist und ein Symbol für das Staatswesen, das heißt für die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Frank Kafka verschafft dem Leser Einblicke in die Doppelmonarchie. Aufgabe des Schutzmannes ist den Bürgern zu helfen und wie der Name sagt, sie zu schützen. Doch in dem Text „Gibs auf“ kommt der Schutzmann seiner Aufgabe nicht nach. Dieser erteilt dem Ich-Erzähler weder Auskunft noch gewährt er ihm Schutz. Der Schutzmann reagiert vielmehr ungewöhnlich überrascht mit einer Gegenfrage („von mir willst du den Weg erfahren?“). Dies ist ein Eingeständnis des eigenen Machtverlusts bzw. der eigenen Ausweglosigkeit, was auf die Situation der Doppelmonarchie hindeutet. Der Schutzmann spricht das Urteil „Gibs auf“ aus, was das Staatswesen über sich selbst verhängt. Damit wird die Einsicht unterstrichen, dass die Doppelmonarchie nicht mehr lange existieren kann. Das wird damit begründet, dass nach einer Realunion zwischen Österreich und Ungarn es zu Protesten von Seiten der anderen Volksgruppen kam. Der Untergang der Doppelmonarchie war vorhersehbar, da sie in eine Konföderation umgewandelt wurde.
Da aus der Ich-Perspektive erzählt wird, kann in der Person Franz Kafka vermutet werden. Wie der Ich-Erzähler kennt sich Franz Kafka in seiner Geburtsstadt Prag (,die in Tschechien liegt,) auch nicht gut aus. Auch er war alleine, da er kein Tschechisch, sondern Deutsch sprach und da er durch seine jüdische Herkunft keine Nähe zur österreichischen Oberschicht aufbauen konnte. Der Handlungszeitpunkt der Erzählung ist der Tagesbeginn, wodurch der Ich-Erzähler an einem Anfang oder sogar Neubeginn steht, was auch die frühe Stunde und noch menschenleeren Straßen bekräftigen. Die Straßen sind leer, übersichtlich und rein, was der Situation positive Qualität verschafft, als könne man jetzt das Vergangene hinter sich lassen. Franz Kafka war sehr kritisch mit seinem Leben und sich selbst. Er hat vermutlich den Zeitpunkt verpasst einen Neuanfang zu machen und stellt wie der Ich-Erzähler fest, dass es schon viel zu spät war. Die Stadt ist eine Metapher, die das aktuelle Leben des Ich-Erzählers darstellt. Sie ist fremd und der Ich-Erzähler möchte in eine andere Stadt und in ein anderes Leben, doch durch die Verspätung ist er wohlmöglich nicht in der Lage dies umzusetzen.
Der Ich-Erzähler kennt den Weg zum Bahnhof nicht, sodass Franz Kafka den Neuanfang nicht umsetzten kann. Der Schutzmann könnte den Vater von Franz Kafka symbolisieren, der ebenso oft Gegenfragen zur Erziehung der Kinder verwendete.
Der Ausdruck „Gibs auf“ ist das Eingeständnis des Vaters, dass er keine Chance für seinen Sohn sieht, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Die Abwendung zeigt die unüberwindbare Kluft in der Vater- Sohn-Beziehung. Aufgrund der ironische Erziehung des Vaters fühlte sich Franz Kafka nicht ernst genommen. Durch den Textausschnitt “Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen“ wird die Parallele zum Vater deutlich. Franz Kafka fühlte sich von seinem Vater ständig ausgelacht.

Allerdings ist auch ein Bezug zwischen der Parabel und der Religion herstellbar.
Das Fremdgefühl des Ich-Erzählers symbolisiert das der Menschen auf der Welt. Man hofft, in eine paradiesische himmlische Welt zugelangen. Dies ist jedoch aussichtslos, da es Franz Kafka nach zwei Hauptsünden gibt. Die beiden Sünden der Ungeduld und Lässigkeit begeht der Ich-Erzähler. Dieser überprüft seine Uhr nicht und wird durch die Feststellung des Zugspätkommens ungeduldig. Das „Gibs auf“ ist demnach das Gottesurteil über die Menschen.

Ob die Parabel tatsächlich ein Spiegel Franz Kafkas Seele, Vergangenheit und Beziehung zum Vater ist, lässt sich niemals eindeutig feststellen. Dazu müsste man ihn als Autor selber befragen. Man könnte die Parabel auch durchaus religiös interpretieren, was die Vielschichtigkeit der Interpretationsmöglichkeiten dieser Erzählung darstellt.
gavia
Newbie
Benutzer-Profile anzeigen
Newbie


Anmeldungsdatum: 30.05.2009
Beiträge: 36

BeitragVerfasst am: 13 Jun 2009 - 19:51:51    Titel: Re: Korrektur

Conny1990 hat folgendes geschrieben:
Hallo liebe Deutsch-Könner,
Deutsch-Könner ist vielleicht zu viel. Aber ein paar Fragen und Ideen kommen hier...


Zunächst drei Fragen:
Conny1990 hat folgendes geschrieben:
http://www.hallotiger.de/Gibs_auf.pdf
Diese Internetseite enthält bereits drei Interpretationsmöglichkeiten für die Parabel, die du ebenfalls verwendest. Ist das zulässig?
Conny1990 hat folgendes geschrieben:
Die Erzählung enthält die Metaphern der Straßen, des Bahnhofs, der Turmuhr, der Uhr, des Weges, der Stadt und des Schutzmannes. Auf diese Metaphern wird im Folgenden näher eingegangen:
Wo gehst du auf diese Metaphern ein?
Conny1990 hat folgendes geschrieben:
…den Wunsch des Ich-Erzählers, die Stadt zu verlassen.
…den Zug schnell genug zu erreichen.
…um seinem alten Leben zu entkommen und ein neues besseres zu beginnen.
…der er eigentlich entfliehen möchte.
Warum gehst du davon aus, dass er aus der Stadt fliehen möchte? Er sagt: „…ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus…“. Aus dem „noch“ in Kombination mit dem "sehr gut" würde ich eher schließen, dass er erst seit kurzem da ist, nicht aber, dass er bereits wieder weg möchte.


Und hier eine überarbeitete Variante deiner Interpretation:
In der Parabel „Gibs auf“ von Franz Kafka geht es um eine nicht näher beschriebene Person, die zum Bahnhof irrt und letztendlich ihrer Orientierungslosigkeit und mangelnder Hilfsbereitschaft ausgeliefert ist.
Der Ich-Erzähler begibt sich am frühen Morgen auf den ruhigen Weg zum Bahnhof. Ob sein Ziel ist, jemanden abzuholen, zu verreisen, dort zu arbeiten oder etwas anderes zu erledigen, bleibt offen. Plötzlich bemerkt er, dass er sich verspätet hat und wird unsicher. Aufgrund fehlender Ortskundigkeit und steigender Angst vor Unpünktlichkeit, bittet er einen Schutzmann um Hilfe. Dieser reagiert überraschenderweise nicht gemäß seiner Aufgabe, den Weg zu erklären. Stattdessen zögert er und meint schließlich „Gibs auf, gibs auf“, um sich mit einem großen Schwung abzuwenden.

Die Identität der erzählenden Person kann am Text nicht belegt werden, da keine Angaben zu Alter, Geschlecht und Erscheinungsbild vorliegen. Handlung der Parabel, Ort und Zeit werden mit einem dreiteiligen Satz eingeführt und ebenfalls nicht konkretisiert. Der Text besteht aus fünf langen Sätzen, die einer Parataxe – der Aneinanderreihung selbständiger Hauptsätze – unterliegen. Diese Hauptsätze beinhalten Konjunktionen und werden durch Kommata voneinander getrennt. Bis auf die wörtliche Rede ist der Text im Präteritum geschrieben und enthält indikativische Sätze, aber keinerlei indirekte Rede. Der Erzählstil gleicht einem Bericht. Er ist einfach und sachlich, wodurch er objektiv und trocken wirkt.

Das Bild, welches der Ich-Erzähler im ersten Satz erzeugt, wirkt friedlich. Insbesondere die Beschreibung „…die Straßen rein und leer…“ bekräftigt diese ruhige, entspannte Situation.

Die positive Stimmung des ersten Satzes wird durch den zweiten Satz unterbrochen, der einen Spannungsbogen vom zufälligen Blick auf die Turmuhr über die damit plötzlich negative und durch den Zeitdruck panisch werdende Haltung bis hin zur erlösenden Aussicht auf Hilfe durch einen Schutzmann aufbaut. Die Aneinanderreihung von sieben Handlungsschritten in einem einzigen Satz verdeutlicht diesen Spannungsbogen. Der Leser wird mit der Atemlosigkeit des Textes, wenigen Sprechpausen und der kontinuierlichen Aneinanderreihung der Hauptsätze konfrontiert. Ihm bleibt keine Möglichkeit, sich durch persönliche Überprüfung (bspw. der Annahme, dass die eigene Uhr falsch ginge) vom Text abzuwenden. Die Verwendung des Passivs („…der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich unsicher werden...“) verdeutlicht das Gefühl zunehmenden Ausgeliefertseins. Die Worte „lief“ und „atemlos“ spitzen die Situation zu.

Als starker Kontrast zur Parataxe folgt nun die wörtliche Rede, welche erstaunlicherweise nicht die Antwort des Schutzmanns, sondern seine Gegenfrage beinhaltet. Diese wirkt ausweichend und zögerlich. Der Leser stutzt, hatte er doch dem Ich-Erzähler folgend, die Problemlösung durch den „...glücklicherweise…“ in der Nähe stehenden Schutzmann erwartet. Doch mit den Worten des Titels der Parabel „Gibs auf.“ wendet sich der Schutzmann ab und lässt den Ich-Erzähler allein mit seinem Problem. Diese Situation und insbesondere die Beschreibung des Abwendens „…wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“ fordert den Leser regelrecht auf, seine Deutungen vorzunehmen. Überrascht fragt sich der Leser, ob das tatsächlich das unbefriedigende Ende der Handlung ist.

Zeit ist ein wichtiger Faktor im Leben des Ich-Erzählers und vermutlich ebenso im Leben eines jeden Lesers. Das Zu-spät-Kommen und in Folge dessen, etwas zu verpassen, verursacht Probleme. Unter dieser Maßgabe hat der Ich-Erzähler auch großes Vertrauen in öffentliche Institutionen. So glaubt er der Zeitangabe auf der öffentlichen Turmuhr mehr als seiner eigenen Uhr. Auch der Schutzmann wird als überlegene Instanz, als Helfer vom Ich-Erzähler wahrgenommen. Er vertraut also zweimal einer fremden Ordnung.

Eine interessanter Gedanke ist an dieser Stelle, ob Zeitdruck und Panik mit allen Folgen vielleicht zu unrecht ausgelöst wurden, weil die Uhr des Erzählers die richtige Zeit zeigt und die Turmuhr die falsche.

Das Vertrauen in den Schutzmann erweist sich als falsch. Außer der erstaunt und arrogant wirkenden Gegenfrage „Von mir willst du den Weg erfahren?“ erhält der Erzähler lediglich die Antwort „Gibs auf, gibs auf.“ Die Abwendung mit einem Lachen lässt den Triumph des selbstzufriedenen Schutzmannes über die Demonstration seiner Macht vermuten.

Die Parabel ist offen gestaltet, wodurch viele Interpretationsmöglichkeiten vorliegen. Bezieht man die Lebensgeschichte von Franz Kafka ein, kann die Parabel biografisch interpretiert werden:

Franz Kafka wurde 1883 in Prag geboren und war „deutscher Jude“. In Prag kannte sich Franz Kafka nicht gut aus – ebenso wie der Ich-Erzähler der Parabel. Auch Franz Kafka war allein, da er nicht tschechisch, sondern deutsch sprach und durch seine jüdische Herkunft nicht in der Oberschicht akzeptiert wurde. Die frühe Stunde als Handlungszeitpunkt der Parabel lässt auf einen Neubeginn schließen. Die Straßen sind „rein und leer“, was die Situation positiv wirken lässt, als könne der Erzähler jetzt das Vergangene hinter sich lassen. Doch dann kommt die Erkenntnis, dass es schon viel später ist. Franz Kafka war sehr kritisch mit seinem Leben und sich selbst. Er hat vermutlich häufiger den richtigen Zeitpunkt verpasst, einen Neuanfang zu wagen und stellte wie der Ich-Erzähler fest, „dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte“. Das Hilfegesuch bei einer Respektperson geschieht in der Parabel durch die Frage an den Schutzmann, im Leben von Franz Kafka möglicherweise als Frage an den Vater. Von ihm ist bekannt, dass er häufig mit Gegenfragen bei der Erziehung der Kinder reagierte. „Gibs auf.“ würde dementsprechend die vernichtende Kritik durch den Vater ausdrücken, der keine Chancen für seinen Sohn sieht, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Franz Kafka fühlte sich von seinem Vater nicht ernst genommen, sondern ständig ausgelacht. Die Abwendung zeigt die unüberwindbare Kluft in der Vater- Sohn-Beziehung.

Franz Kafka hat aber auch die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und deren Untergang im Jahre 1918 miterlebt. Der Schutzmann der Parabel kann auch als Symbol für das Staatswesen, das heißt für die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn stehen. Als Repräsentant des Staates sind die Aufgaben des Schutzmannes, den Bürgern zu helfen und sie zu schützen. Doch mit der Gegenfrage („Von mir willst du den Weg erfahren?“) und den Worten „Gibs auf“ kommt der Schutzmann seinen Aufgaben nicht nach. Interpretiert man die Gegenfrage als erstaunte Andeutung der eigenen Unfähigkeit, könnte dies für das Eingeständnis des Machtverlustes der Doppelmonarchie stehen. Die Worte „Gibs auf“ wirken wie das Urteil des Staatswesens über sich selbst. Der Untergang der Doppelmonarchie wird also erkennbar.

Auch eine religiöse Interpretation ist möglich. Das Situation des Ich-Erzählers, auf der Suche nach dem Bahnhof in einer noch fremden Stadt zu sein, symbolisiert die Situation der Menschen auf der Welt, die stets auf der Suche nach dem Weg in eine paradiesische himmlische Welt sind. Diese ist jedoch aussichtslos, weil es laut Franz Kafka zwei unüberwindbare Hauptsünden gibt, welche auch der Ich-Erzähler begeht: Ungeduld und Lässigkeit. Erst handelt der Erzähler zu lässig und überprüft seine Uhr nicht. Dann wird er durch die Feststellung, „dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte“ sehr ungeduldig. Das „Gibs auf“ könnte die Stimme des Teufels sein, der sich als Helfer tarnt, tatsächlich aber vom rechten Weg abbringen will.

Welche Interpretation von Franz Kafka intendiert war, lässt sich nicht feststellen. Dazu müsste man ihn selbst befragen. Die drei gewählten Interpretationsmöglichkeiten untermauern die Vielschichtigkeit dieser Parabel.
Conny1990
Senior Member
Benutzer-Profile anzeigen
Senior Member


Anmeldungsdatum: 04.06.2006
Beiträge: 675

BeitragVerfasst am: 13 Jun 2009 - 21:37:40    Titel:

Vielen Dank für die Überarbeitung!

Ich gehe davon aus, dass er die Stadt verlassen möchte, da er sich zum Bahnhof begibt. Denn mit einem Zug kann man durchaus in eine ihm vielleicht besser bekannte Stadt reisen. Das ist nur eine Vermutung und kann am Text jedoch nicht belegt werden. Da stimme ich zu.
annlein
Full Member
Benutzer-Profile anzeigen
Full Member


Anmeldungsdatum: 07.06.2009
Beiträge: 101
Wohnort: Aachen

BeitragVerfasst am: 13 Jun 2009 - 22:11:15    Titel:

da feglt noch die eigene meinung!!!
ganz wichtig bei einigen die ihre schüler ausspannen Wink, und in abschlüssprüfungen gibts für nur einen einzigen satz schon manchmal 8 punkte. sehr wichtig Wink

also nur 'ich finde die Parabel gut/ schön/ nicht gut/... , weil bla bla bla.

da sollte man aber auch nicht lügen.

soviel von mir
Rhyeira
Senior Member
Benutzer-Profile anzeigen
Senior Member


Anmeldungsdatum: 18.03.2008
Beiträge: 3012

BeitragVerfasst am: 13 Jun 2009 - 22:40:12    Titel:

Man muss aber doch nicht in jeder Interpretation zwingend die eigene Meinung bringen. Ich habe das in objektiven Interpretationen in meiner ganzen Schulzeit noch nie gemacht (außer natürlich, wenn es explizit verlangt war), und es wurde nie irgendwo bemängelt.

Ich persönlich finde, etwas wie "Ich finde die Parabel schön, weil..." gehört auch nicht wirklich in eine objektiv-wissenschaftliche Interpretation.
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Foren-Übersicht -> Deutsch-Forum -> Korrektur
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.

Chat :: Nachrichten:: Lexikon :: Bücher :: Impressum