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Ulla Hahn "Mein Vater"
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A3
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Anmeldungsdatum: 27.11.2008
Beiträge: 11

BeitragVerfasst am: 24 Nov 2009 - 19:54:33    Titel: Ulla Hahn "Mein Vater"

Hallo
ich habe bei folgendem Gedicht beim Verständnis der letzten Strophe Probleme:
Heißt das, dass der Vater sich selbst fotografiert hat oder das der Fotograf vergessen hat dem Vater zu sagen, dass er lächeln soll? Oder heißt es was ganz anderes?

Mein Vater


Wer ist das?

fragen meine Freunde

und deuten auf das Foto

des Mannes über meinem Schreibtisch

zwischen Salvador Allende

und Angela Davis.

Ich sage:

Mein Vater. Tot.

Dann fragt niemand weiter.





Wer ist das?

frage ich den Mann,

der nicht einmal

für das Paßfoto lächelt,

der an mir vorbeischaut

wie beim Grüßen

an Menschen,

die er nicht mochte.





Bauernkind, eines von Zwölf,

und mit elf von der Schule;

hatte ausgelernt,

mit geducktem Kopf nach

oben zu sehen.

Ist krumm geworden

als Arbeiter an der Maschine

und als Soldat

verführt gegen die Roten.





Nachher noch einmal:

geglaubt, nicht begriffen.

Aber weitergemacht.

Als Arbeiter an der Maschine

als Vater in der Familie

und sonntags in die Kirche

wegen der Frau

und der Leute im Dorf





Den hab ich gehaßt.





Abends, wenn er aus der Fabrik

nach Hause kam,

schrie ich ihm entgegen

Vokabeln, Latein, Englisch.

Am Tisch bei Professors,

als mir der Tee

aus zitternden Händen

auf die Knie tropfte,

hab ich Witze gestammelt

über Tatzen,

die nach Maschinenöl stinken.





Hab das Glauben verlernt mit Mühe.

Hab begreifen gelernt und begriffen:





Den will ich lieben

bis in den Tod

all derer,

die schuld sind

an seinem Leben

und meinem Haß.





Manchmal,

da lag schon die Decke

auf seinen Knien

im Rollstuhl,

nahm er meine Hand,

hat sie abgemessen

mit Fingern und Blicken

und mich gefragt,

wie ich sie damit machen will,

die neue Welt.





Mit Dir,

hab ich gesagt

und meine Faust

geballt in der seinen.





Da machten wir die Zeit

zu der unseren,

als ich ein Sechstel

der Erde ihm

rot auf den Tisch hinzählte

und er es stückweis

und bedächtig

für bare Münze

und für sich nahm.





Wer ist das?

fragen meine Freunde

und ich sage:

Einer von uns.

Nur der Fotograf

hat vergessen,

daß er mich anschaut

und lacht.





1974
Generaltoni
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Anmeldungsdatum: 30.12.2005
Beiträge: 1729
Wohnort: Im Ruhrpott

BeitragVerfasst am: 25 Nov 2009 - 10:06:25    Titel:

Das Gedicht ist, wie du angibst, von 1974; wohl zuletzt erschienen in: Ulla Hahn: Liebesgedichte. Stuttgart, 1993.

Die Schlussstrophe ist m. M. n. wirklich doppelsinnig. Sie verrät nicht die zweifache Bedeutung, die dieser Vater, der selber Opfer einer politischen Demagogie im Deutschen Reich und in der frühen BRD ist, für die weibliche Ich-Figur hat: die individuelle, verhindernde, lieblose – und die Vorbildfigur für die junge Frau, die der angebotenen Hand des alten, kranken Vaters ihre Faust entgegen hält, um ihre emanzipatorische und politische Zielsetzung trotz dieser familiären, religiösen und sozialen Einschänkungen durchzusetzen.

Ulla Hahn hat ihren autobiografischen, analphabetischen Vater (Arbeiter, Soldat, religiös herrschsüchtiges Oberhaupt in einer proletarischen Familie), der die geistige und berufliche und politische Selbstständigkeit seiner Tochter verhindern wollte, in dem kollektiven Roman „Das verborgene Wort“ (2001) genauestens beschrieben.

Vgl. einmal die Übertragung dieses Gedichts ins Englische, die die letzte Strophe wegläßt:

U.H.: "My father":

http://www.arlindo-correia.com/060301.html#Mein_Vater
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