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Wie eine DIW-Meldung die Bürger täuscht - wer sind Reiche?
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Foren-Übersicht -> Politik-Forum -> Wie eine DIW-Meldung die Bürger täuscht - wer sind Reiche?
 
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Heison
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Anmeldungsdatum: 05.12.2006
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BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 18:27:54    Titel: Wie eine DIW-Meldung die Bürger täuscht - wer sind Reiche?

Heute lief eine Meldung des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW über die Ticker der Nachrichtenagenturen. Das Fazit: Die Reichen gewinnen, die Armen verlieren.

Andrea Nahles (SPD) äußerte sich z.B. heute dazu wie folgt: "Wir haben immer mehr Reiche, die immer reicher werden, und wir haben immer mehr Arme, die immer ärmer werden." Auch die Süddeutsche schreibt: "Die Armen in der Bevölkerung werden noch ärmer."

Ein Skandal!

Ein Skandal?

Wie ist "reich" eigentlich laut DIW definiert? Die Antwort: Reich ist, wer ein Monatseinkommen von 1844 Euro aufwärts hat! [1]

Ab ca. 1800 Euro darf man sich also heutzutage vorwerfen lassen, zu "reich" zu sein bzw. die Armen auszubeuten.

Überhaupt ist die Definition von "arm" und "reich" laut des DIW zweifelhaft. Es wird nämlich nach dem Median des Einkommens berechnet: 30% darunter gilt als "arm", 50% mehr als "reich".

Diese Logik hat für folgende Szenarien folgende Konsequenzen:

a) In Deutschland gibt es mehr Akademiker ---> Die Anzahl der Armen steigt, weil Akademiker höhere Einkommen erzielen.
b) Eine Börsenkrise zieht die Depots auch etwas vermögenderer Bürger in Mitleidenschaft ---> Die Anzahl der Armen sinkt, weil das mittlere Einkommen (u.a. wegen fehlender Dividenden) sinkt, während die Lohneinkommen gleichbleiben.
c) Viele Wohlhabende Menschen ziehen nach Deutschland ---> Die Anzahl der Armen steigt, die Anzahl der Reichen sinkt, weil der Median steigt, während die meisten Einkommen unangetastet bleiben.
d) Viele arme Migranten wandern ein ---> Zwar sinkt das mittlere Einkommen, da aber die meisten Neuzänge auch unter dem neuen Wert liegen, steigt die Zahl der Armen, während die Zahl der Reichen steigt, auch wenn diese nicht mehr verdienen als vorher, inflationsbereinigt evtl. sogar weniger.
e) Die Einkommen aller Bürger verdoppeln sich durch hohes Wirtschaftswachstum und Produktivitätsforschritte, auch inflationsbereinigt -> Die Anzahl der Armen bleibt gleich. Die Anzahl der Reichen bleibt gleich.

An diesen Beispielen kann man erkennen, wie vorsichtig Presse- und Parteistatements zu sogenannter "Armutgefährdung" oder "Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich" gelesen werden sollten.

(Mit entsprechender Definition und Jahresbezug lassen sich leicht beliebige Schlagzeilen produzieren, je nachdem, welches politische Ziel man damit rechtfertigen will. So sind etwa Vergleiche mit Zeiträumen vor Einführung von Hartz4 schon deshalb schwierig, weil diese Reform vor allem arbeitslose Niedrigqualifzierte in Arbeit gebracht hat. Diese verfügen naturgemäß eher über ein niedriges Einkommen, erhöhen also die "Armenzahl".)

Auch das Auseinanderdriften ist bei genauerer Betrachtung als unwesentlich zu bezeichnen, wie ein Blick auf die letzten 17 Jahre zeigt:

http://www.spiegel.de/images/image-99043-galleryV9-uhnw.jpg

Ich prophezeihe daher, dass Forderungen nach sog. "Reichensteuern" oder "mehr Belastung für die Reichen" zur größten Wählertäuschung des Jahrzehnts werden können. Der Staat wird immer dazu tendieren, mehr haben zu wollen, und das schön verpackt verkaufen.

Während früher etwa der "Spitzensteuersatz" gezahlt werden musste, wenn man ca. das 20fache des Brutto-Durchschnittseinkommens erzielte, so reicht heute schon weniger als doppelte. Die Inflation bzw. "kalte Progression" hat dazu geführt, dass das, was die Bürger an den Staat abgeben müssen, abzüglich der Inflation innerhalb der letzten Jahrzehnte um den Faktor 3 gestiegen ist.

Es kann einem daher Angst machen, wenn jetzt schon Menschen ab Einkommen über 1800 Einkommen als "reich" und damit schröpfenswert dargestellt werden.

[1] Quelle: http://www.focus.de/panorama/gutscheine/deutschland-die-armen-werden-immer-aermer-und-die-reichen-immer-reicher_aid_519646.html


Zuletzt bearbeitet von Heison am 17 Jun 2010 - 14:13:28, insgesamt 2-mal bearbeitet
cyrix42
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Anmeldungsdatum: 14.08.2006
Beiträge: 24257

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 18:29:36    Titel: Re: Wie eine DIW-Meldung die Bürger täuscht - wer sind Reich

Heison hat folgendes geschrieben:


Überhaupt ist die Definition von "arm" und "reich" laut des DIW zweifelhaft. Es wird nämlich nach dem Median des Einkommens berechnet: 30% darunter gilt als "arm", 50% mehr als "reich".


Das ist so zweifelhfat, dass es die anerkannte und wissenschaftlich verwendete definition ist. Egal, ob dies dir passt, oder nicht...


Cyrix
koenig_ludwig73
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Anmeldungsdatum: 30.07.2009
Beiträge: 11820
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BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 18:31:32    Titel:

Ich danke Dir für diesen Beitrag.
Heison
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Anmeldungsdatum: 05.12.2006
Beiträge: 525

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 18:33:45    Titel: Re: Wie eine DIW-Meldung die Bürger täuscht - wer sind Reich

cyrix42 hat folgendes geschrieben:
Heison hat folgendes geschrieben:


Überhaupt ist die Definition von "arm" und "reich" laut des DIW zweifelhaft. Es wird nämlich nach dem Median des Einkommens berechnet: 30% darunter gilt als "arm", 50% mehr als "reich".


Das ist so zweifelhfat, dass es die anerkannte und wissenschaftlich verwendete definition ist. Egal, ob dies dir passt, oder nicht...

Das stimmt so nicht, zumindest, was die "Armutsquote" angeht. Die OECD sieht hier die Schwelle bei -50%, die EU bei -40%.

Aber auch solche Schwellen werden öfter kritisiert und sind letztlich willkürlich. Armut sollte man auch absolut sehen. Und die obigen Szenarien zeigen, dass gerade Veränderungen dieser Kennziffern vorsichtig betrachtet werden müssen.

Ich hätte nichts gegen Begriffe wie "höhere" oder "niedrigere" Einkommen. Das DIW setzt aber selbst auf seiner eigenen Webseite in der Pressemeldung die Begriffe "reich" und "arm" ein. Und das halte ich für eine grobe Irreführung. Das ist auch wenig wissenschaftlich, abgesehen davon, dass solche Maßstäbe nicht dem umgangssprachlichen Gebrauch der Bevölkerung entsprechen müssen.

Außerdem wäre der Gini-Koeffizient als Betrachtungsmaßstab sinnvoller, der zudem Ländervergleiche ermöglicht. Dieser fällt für Deutschland mit 0,30 recht moderat aus.


Zuletzt bearbeitet von Heison am 15 Jun 2010 - 19:58:01, insgesamt 7-mal bearbeitet
koenig_ludwig73
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Anmeldungsdatum: 30.07.2009
Beiträge: 11820
Wohnort: Neuschwanstein

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 18:33:46    Titel: Re: Wie eine DIW-Meldung die Bürger täuscht - wer sind Reich

cyrix42 hat folgendes geschrieben:
Heison hat folgendes geschrieben:


Überhaupt ist die Definition von "arm" und "reich" laut des DIW zweifelhaft. Es wird nämlich nach dem Median des Einkommens berechnet: 30% darunter gilt als "arm", 50% mehr als "reich".


Das ist so zweifelhfat, dass es die anerkannte und wissenschaftlich verwendete definition ist. Egal, ob dies dir passt, oder nicht...


Cyrix


Ist ja fast wie mit den Arbeitslosenzahlen. Reden wir also nicht weiter über die Art der Erhebung und freuen uns ohne jeden Hintergedanken, dass heute Dank Agenda 2010 1,5 mio Menschen mehr in Arbeit sind. weiter so. So langsam findest Du in die Realität zurück.
turbokapitalist
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Anmeldungsdatum: 30.07.2005
Beiträge: 1262

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 20:21:46    Titel:

Laut einiger anderer Berichte (u.a. heute journal), sind die "Reichen" in der DIW-Studie Familien mit einem Nettoeinkommen iHv 3800€ netto.
cyrix42
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Anmeldungsdatum: 14.08.2006
Beiträge: 24257

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 20:32:37    Titel:

turbokapitalist hat folgendes geschrieben:
Laut einiger anderer Berichte (u.a. heute journal), sind die "Reichen" in der DIW-Studie Familien mit einem Nettoeinkommen iHv 3800€ netto.


Ich behaupte, man redet hier eher über das Nettoäquivalenzeinkommen des jeweiligen Haushalts. Darin geht das gesamte Nettoeinkommen aller im Haushalt lebender Personen ein. Dies wird geteilt durch folgenden Wert: 1 (für den Haushaltsführer) + 1/2 für jedes Haushaltsmitglied, was über 14 + 0,3 für alle anderen. (Dies berücksichtigt, "Synergieeffekte" beim Zusammenleben mehrerer Personen in einem Haushalt).
Cyrix
Elzéard B.
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Anmeldungsdatum: 07.12.2008
Beiträge: 1150

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 20:59:38    Titel:

Sorry, aber alle die diesen Reichenbegriff noch als wissenschaftlich verteidigen, sollten mal nachprüfen, ob bei ihnen ne Schraube locker ist. Wie kann man jemanden mit 1800€ Nettoeinkommen pro Monat als "reich" bezeichnen. Gehts noch?


Ansonsten ist der Beitrag von Heison ausgezeichnet. Die Leute mit dem niedrigsten Einkommen in unserer Gesellschaft sind doch ALGII-Empfänger und deren Regelsätze sind wirklich sehr komfortabel. Anstatt solch eines merkwürdigen relativen Armutsbegriffes sollte man lieber mal definieren, was das Existenzminimum darstellt und ab wann man einen Menschen absolut als arm bezeichnen kann. Meine Freundin verdient 800€ netto während der Ausbildung und ist mit Sicherheit nicht arm.

Und noch ein Wort zum Spitzensteuersatz: Mit der Erhöhung des Spitzensteuersatzes meinen unsere Politiker ja meistens die 42% und nicht die 45%. Dann wird wirklich wieder eher die MIttelschicht "geschröpft".
Und die kalte Progression ist schon ein Skandal an sich, da braucht man nicht mehr viel zu sagen. Noch skandalöser ist allerdings, dass der Staat trotzdem nicht mit seinen Einnahmen auskommt, was die Theorie vom Fass ohne Boden mal wieder einmal bestätigt.
Nicht umsonst wurde in renommierten Studien (Harvard etc.), die sich mit "budget deficits" beschäftigen, festgestellt, dass Haushalte fast immer nur dann erfolgreich saniert wurden, wenn Ausgaben gekürzt und nicht wenn Einnahmen erhöht wurden.

Ich bin auch dafür, dass die "Reichen" an dem Abbau des Haushaltsdefizit betieligt werden. Vor Steuererhöhungen sollten aber meiner Meinung nach zuerst einmal vollkommen überflüssige Sozialleistungen für Wohlhabende wie z.B. Kinder- oder Elterngeld gestrichen werden. Wieso redet eigentlich niemand darüber?
xmisterDx
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Anmeldungsdatum: 11.11.2008
Beiträge: 7571

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 22:09:34    Titel:

Elzéard B. hat folgendes geschrieben:
Meine Freundin verdient 800€ netto während der Ausbildung und ist mit Sicherheit nicht arm.


Wenn sie dieses Gehalt nach der Ausbildung auch noch bekommt, dann schon...
Pauker
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Moderator


Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
Wohnort: Schwäbisch Hall

BeitragVerfasst am: 15 Jun 2010 - 22:10:49    Titel:

Das Elterngeld gehört aus meiner Sicht abgeschafft. Idee war Gutverdiener zum Kinderkriegen zu animieren. Dieses Ziel wurde nachweislich nicht erreicht. Es war ein netter Versuch, aber Kinderkriegen ist offensichtlich bei Gutverdienern keine Frage des Geldes. Wenn sich ein Mittel als ungeeignet herausstellt muss es schnellstmöglich wieder abgeschafft werden, bevor es zu "Gewohnheitsrecht" wird. Wir sehen es gerade beim Elterngeld für ALGII-Bezieher.

Wer hat eigentlich die 1.800 Euro in den Raum gestellt? Die Nachrichten von heute redeten von 3.800 Euro Familieneinkommen (netto). Alles andere wäre ja absurd.

Gruß
Pauker
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