Studium, Ausbildung und Beruf
 StudiumHome   FAQFAQ   RegelnRegeln   SuchenSuchen    RegistrierenRegistrieren   LoginLogin

Achim H. Pollert: Das Nein der Frau
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen
Foren-Übersicht -> Psychologie-Forum -> Achim H. Pollert: Das Nein der Frau
 
Autor Nachricht
AchimPollert
Newbie
Benutzer-Profile anzeigen
Newbie


Anmeldungsdatum: 24.03.2011
Beiträge: 14
Wohnort: Schweiz & Frankreich

BeitragVerfasst am: 27 Mai 2011 - 18:30:09    Titel: Achim H. Pollert: Das Nein der Frau

DAS NEIN DER FRAU

H. Pollert über ein Spiel der Erwachsenen


Eigentlich ist es eine sehr traurige Geschichte.

Hartmut war Anfang 60 und hatte ein gesundheitliches Problem. Er konnte mit seiner Frau, seiner lebenslangen treuen Partnerin, seit einigen Jahren sexuell nicht mehr verkehren - zumindest was die konventionelle Begegnung von Mann und Frau betrifft.

Und Hartmut hatte Angst und ein schlechtes Gewissen.

Er hatte Angst davor, dass seine Frau sich einen anderen, "leistungsfähigeren", möglicherweise jüngeren Mann suchen würde und dass sie ihn dann verlassen würde. Und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er das Gefühl hatte, er würde seiner Frau etwas schuldig bleiben, das ihr zustand.

Beides bewog Hartmut zum Handeln.

Vorbildlich: Er versuchte, seine Ehe zu retten, die Beziehung zu der Frau, die er liebte und die durch dick und dünn zu ihm gehalten hatte. Er wollte ihr das verschaffen, was er ihr nicht mehr geben konnte. So bekäme sie eben etwas, was sie brauchte. Und so würde sie ihn nicht verlassen.

Nur gestaltete sich das schwierig.

Zunächst sagte er seiner Frau, sie sollte sich einen Hausfreund nehmen. Er hätte nichts dagegen, und sie würde eben die sexuelle Befriedigung bekommen, die er ihr nicht geben konnte.

Das hatte seine Frau weit von sich gewiesen. So etwas käme für sie nicht in Frage.

Dann wurde es richtig interessant. Denn nun sprach Hartmut fremde Männer an, von denen er annahm, dass sie selber verheiratet waren und wohl ab und zu einer Vergnügung daneben nicht abgeneigt waren. Das Ganze sah natürlich höchst merkwürdig aus. Denn Hartmut fragte, mehr oder weniger verklausuliert: "Wollen Sie nicht mit meiner Frau schlafen?"

Viele hielten ihn für geistesgestört. Manch anderer dachte an schräge Einladungen zum Gruppensex, zum Voyeurismus. Oder gar an ein finanziell abgebranntes Rentner-Ehepaar, bei dem der Mann die Frau anschaffen schickte.

Näher dazu befragt, musste Hartmut erklären, dass seine Frau von alledem nicht wusste.

Er hatte sich das eben so vorgestellt, dass man ein "zufälliges Kennenlernen" organisieren müsste. Und dann müsste der betreffende aussenstehende Mann seine Frau "erobern".

DIE STILLSCHWEIGENDEN ANNAHMEN

Für die jeweils angesprochenen Männer wurde dies also umso merkwürdiger.

Stillschweigend nahm Hartmut also an, er hätte da ein Mitspracherecht, wenn seine Frau sich entschliessen würde, eine sexuelle Beziehung aufzunehmen. Er mag sich dessen gar nicht einmal so sehr bewusst gewesen sein. Aber ein wenig verhielt er sich ja wohl so wie der Bauer oder der Pferdezüchter, die alleine zu entscheiden haben, welcher Stier oder welcher Hengst nun ihre Kuh oder Stute begatten können.

Stillschweigend nahm Hartmut auch an, seine Frau hätte so etwas wie einen "Rechtsanspruch" an ihn auf Sex. Und weil er meinte, den nicht erfüllen zu können, wollte er für geeigneten Ersatz sorgen. Und in diesem Zusammenhang nahm er stillschweigend auch an, er wüsste, was gut und richtig ist für seine Frau.

Eine traurige Geschichte, wie gesagt.

Eine Geschichte, die etwas von Verzweiflung und Hilflosigkeit in sich trägt über einen Mann, der wohl seine Frau liebt und irgendwie seine Beziehung zu retten versucht.

Der eigentliche Problempunkt, über den wir hier zur reden haben, kommt aber noch. Hartmuts Frau wusste vom Leid und den Bestrebungen ihres Mannes nichts. Und sie hatte ihm ausdrücklich gesagt, sie wollte keinen Sex mit einem anderen Mann.

Dieses Nein aber spielte für Hartmut keine Rolle. Es war ihm egal, dass seine Frau gesagt hatte, sie wollte nicht. Dann müsste der aussenstehende Mann sie eben "erobern".

BEKANNTE TOENE

Wenden wir uns ab von unserem traurigen Beispiel.

Diese Sprüche kennen wir doch alle.

Aus dem Wirtshaus. Aus manchem Stück mehr oder weniger billiger Literatur. Aus unzähligen Schlagertexten. Aus Filmen. Hin und wieder aus dem Mund des einen oder anderen TV-Psychologen. Und sogar gelegentlich von mancher öffentlichen Feministin in erhitzter Debatte.

Im Sprachgebrauch wird durchaus gerne von einer "Eroberung" geredet, die man gemacht hat. Man hat jemanden "herumgekriegt" oder "flachgelegt". Auch anders herum ausgedrückt: Man hat man jemanden "Wortfilter" oder "gevögelt", wenn man ihn zu etwas gebracht hat, das der eigentlich gar nicht tun wollte.

Und in aller Regel ist es der Mann, der die "militärische" Initiative ergreifen muss. Und die Frau ist die, die zum Schein Widerstand zu leisten hat.

Ein Spiel der Erwachsenen.

Ein sehr verbreitetes und - bei bestimmen Persönlichkeitstypen und Charakterniveaus - sehr tiefsitzendes Klischee.

Wenn ich nein sage, dann heisst das nicht nein. Sondern dann ist es Ansporn für Dich, Dir besondere Mühe zu geben und Dir irgend etwas einfallen zu lassen, um mein Nein zu umgehen.

Wie gesagt: Sehr zu meinem persönlichen Entsetzen hört man Sprüche auf dieser Ebene sogar von engagierten Feministinnen.

Natürlich ist das alles Unsinn.

Natürlich ist es so, dass der Mensch - ob Mann oder Frau - erwachsen und psychisch autonom ist. Und selbstverständlich ist es so, dass jeder Mensch Anspruch darauf hat, dass andere seinen erklärten Willen respektieren.

Somit ist ein Nein eine klare Aussage. Dem das Nein gesagt wird, hat sich gefälligst danach zu richten. Und der das Nein ausspricht, hat keinen Grund zur Verärgerung, wenn der andere sich daran hält.

Und insbesondere, wenn Körperlichkeit - zumal zwischen Mann und Frau - betroffen ist, wäre dies ohnehin ein Gebot. Natürlich habe ich ein Recht darauf, nicht belästigt und schon gar nicht körperlich bedrängt zu werden, wenn ich dazu nein gesagt habe - im Grunde egal, ob ich Mann oder Frau bin.

Alles andere widerspricht schlicht und einfach der Menschenwürde, der Annahme von reifen Persönlichkeiten, die respektvoll miteinander umgehen. Egal ob es Leute gibt, die dergleichen gerne spielen und sich dabei auch noch auf angebliche Naturgesetze berufen wollen.

DAS STILLSCHWEIGEN DAHINTER

Wir hatten es schon von den stillschweigenden Annahmen.

Was aber steckt nun eigentlich an wesentlichen impliziten Behauptungen hinter diesem primitiven Spiel, mit dem jeder Mensch schon einmal konfrontiert wurde? Mit allen möglichen Koketterien. Mit einem nachgerade zur Schau gestellten Desinteresse. Mit Flirt-Gehabe, das dann eben aber doch zum Nein führt. Bis hin zu den Niederungen des Bierzelt- und Wirtshauslebens, wo das eigentliche Objekt der Begierde übel beschimpft wird.

Dahinter, dass jemand nein sagt, obwohl er nicht kategorisch nein meint, steckt zunächst einmal die Annahme: "Ich habe etwas, was du brauchst. Ich brauche es nicht."

Nicht mehr zwei vernünftige Menschen stehen sich gegenüber, sondern einer, dem unterstellt wird, er wäre schliesslich auf das Ganze angewiesen auf Gedeih und Verderb.

Hier die zweite stillschweigende Annahme: Lässt sich jemand auf dieses Spiel nicht ein, dann ist er "nicht normal". Gerne wird im Bierzelt-Milieu, weil das dort eben auch sehr verpönt ist, die Frage gestellt, ob so ein Mann wohl schwul ist, weil er sich mit einem Nein abspeisen lässt.

Und dem folgt dann die dritte stillschweigende Annahme in diesem Spiel: Eine Frau, die einen Mann nicht von vorne herein einmal abweist und verprellt, ist eine Schlampe. Eine solche Frau ist "mannstoll", weiss nicht, "was sich gehört". Sie "verkauft" sich unter Preis.

Und dann gibt es da noch eine vierte stillschweigende Annahme: Dass nämlich der Mann derjenige sein muss, der die Initiative ergreift. Männer müssen demnach den ersten Schritt tun, die eigene Schüchternheit überwinden, ein Kompliment machen u.s.w.

Natürlich ist das alles, wie gesagt, Unsinn.

Selbstverständlich gibt es reichlich Frauen, die in der Tat nichts mit dem Mann zu tun haben wollen, wenn sie es ihm gesagt haben. Im Gegenteil: Immer mal wieder begegnet man einer Frau, die über fortwährende Belästigung klagt, obwohl sie dem betreffenden Mann klipp und klar gesagt hat, sie wollte ihre Ruhe haben.

Und selbstverständlich gibt es auch reichlich Männer, die nicht auf dieses "Wenn-ich-nein-sage-meine-ich-nicht-nein"-Spiel einsteigen, sondern die ein Nein ohne weiteres akzeptieren. Auch hier gibt es solche, die von einem gestellten Nein - was man ja irgendwo auch immer merkt - eher abgeschreckt als angezogen werden.

WAS IST DER GRUND?

Was aber ist der Grund für dieses menschenunwürdige Verhalten, das doch so sehr verherrlicht wird in Groschenheftli, in Bierzelt-Schlagern, in Volkstheaterstücken, Kitschfilmen und alten Stummfilm-Slapsticks? Dieses unwürdige Verhalten, das sogar von manchen Gebildeten als normales Flirten und Liebeswerben angesehen wird?

Was steckt eigentlich dahinter?

Sigmund Freud, Vater der modernen Psychologie, beschrieb als einen Grundtyp der Persönlichkeit den analen Charakter. Und für diesen analen Charakter, der nach Macht und Geltung und nicht nach Liebe und Vertrauen strebt, ist eins seiner hauptsächlichen Motive das Schachern.

Aus allem soll ein Handel gemacht werden. Und alles muss so arrangiert werden, dass daraus ein Handel wird. Bei der Aufgabenverteilung in der Familie. Im Gespräch am Arbeitsplatz. In jeder Freundschaft. Ueberall muss ein "Geschäft" gemacht werden, bei dem es darauf ankommt, dass das Gegenüber irgendwie draufzahlen soll.

Und das bietet dann einen Erklärungsansatz für dieses ganze Gebäude von schrägen falschen Annahmen.

Wenn nun die Frau im konkreten Fall ein Mensch mit analer Charakterprägung ist, dann geht das Ganze auf.

Dann nämlich zieht sie mit diesem Primitiv-Spiel den zwischenmenschlichen Kontakt auf das Niveau des Geschachers. Dann gibt es Geschäfte zu machen. Dann muss der andere sich mehr anstrengen als man selber. Dann erinnert alles an den Bazar. Dann muss man selber vorgeben, man hätte etwas, was der braucht, was man selber aber nicht braucht. Dann muss man sehr desinteressiert und gelangweilt tun ob jeder Offerte des anderen. Dann muss man ein paarmal zum Schein weggehen, obwohl man eigentlich das Geschäft machen will.

Und so weiter.

Es wird geschachert. Hin und her. Und am Ende muss dann der andere dankbar sein dafür, dass er das Geschäft machen durfte.

Und plötzlich versteht man, dass das eigentlich kein "Mann-Frau"-Spiel ist. Sondern es ist ein Spiel von entgegengesetzten Charakteren. Hier der anale Charakter, der seinen Handel betreibt, dort der orale Charakter, der sich mächtig ins Zeug legt dafür, dass er geliebt wird.

Plötzlich versteht man auch, warum es so viele Frauen und Männer gibt, die mit diesem angeblich so "normalen" Spiel so ganz und gar nichts anfangen können. Es sind eben bei weitem nicht alle Menschen in die eine oder andere Richtung geprägt, die Frauen ebensowenig wie die Männer.

Menschenunwürdig ist dieses Spiel der Erwachsenen allemal, wenn menschliche Gefühle zum Gegenstand von kleinkariertem, kindischem Geschacher gemacht werden. Und unwürdig ist auch die Behauptung, dies würde auf einem Naturgesetz beruhen.

Wer in eine solche Konstruktion verstrickt ist, kommt nur heraus, wenn er sich diesen Zusammenhang bewusst macht.

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107/print.html

http://textepollert.wordpress.com/category/psychologie-allgemein-verstandlich/

http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret_preiswert.html
idila
Full Member
Benutzer-Profile anzeigen
Full Member


Anmeldungsdatum: 13.04.2011
Beiträge: 274

BeitragVerfasst am: 28 Mai 2011 - 12:35:44    Titel:

Was soll das sein, kostenlose Werbung für Ghostwriter?

Ich habe den ewiglangen Quassel-Beitrag überflogen und mir ist sofort eine enorme Unwissenschaftlichkeit in der Behandlung des Themas aufgefallen: "Bierzelt"-Argumente der dümmsten Art sind halt eben nur und vor allem nicht rapräsentative Erscheinungen. Das ganze Gelaber weist auf beschränkte Intelligenz hin, die eben nur Bildzeitungsleser beeindrucken könnte ... wobei die das nichtmal lesen würden, wodurch der Beitrag nicht nur beschränkt, sondern sogar unter dem Bildzeitungsniveau ist.
AchimPollert
Newbie
Benutzer-Profile anzeigen
Newbie


Anmeldungsdatum: 24.03.2011
Beiträge: 14
Wohnort: Schweiz & Frankreich

BeitragVerfasst am: 11 Jun 2012 - 12:21:26    Titel: Ganz meine Meinung!

idila hat folgendes geschrieben:
(...)"Bierzelt"-Argumente der dümmsten Art (...)


dazu das hier:

http://textepollert.wordpress.com/2012/03/28/achim-h-pollert-der-stammtisch/
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Foren-Übersicht -> Psychologie-Forum -> Achim H. Pollert: Das Nein der Frau
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.

Chat :: Nachrichten:: Lexikon :: Bücher :: Impressum