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Gedächtnisakrobatik
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Laura1984
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Anmeldungsdatum: 13.01.2012
Beiträge: 9

BeitragVerfasst am: 03 März 2012 - 10:12:13    Titel: Gedächtnisakrobatik

Hallo,zusammen! Kann jemand mir erklären, was Gedächtnisakrobatik bedeutet? Vielen Dank! Very Happy
Generaltoni
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Anmeldungsdatum: 30.12.2005
Beiträge: 1719
Wohnort: Im Ruhrpott

BeitragVerfasst am: 05 März 2012 - 18:58:51    Titel:

Gedächtnisakrobatik – ein Begriff, der mir zuerst ganz normal vorkommt.

In den 70/80er Jahren d. v. Jh.s gab es im Fernsehen häufig als Neuheit Aufführungen von Gedächtniskünstlern, deren Kunst (oder Mache) gerne umgangssprachlich und ein wenig kritisch als Gedächtnisakrobatik bezeichnet.

Eigenartig: Eine Suche bei Duden oder in anderen Wörterbüchern bringt keinen Treffer.
Hier, bei canoo.net, finde ich die bloße Beschreibung der Komposition des Begriffs.
http://www.canoo.net/services/Controller?input=Ged%E4chtnisakrobat&service=canooNet&lookup=caseSensitive

Ich persönlich empfinde das Wort „Gedächtnisakrobat“/“Gedächtnisakrobatik“ durchaus als zeitgemäß umgangssprachlich, zugegeben ein bisschen geringschätzig, da es das Umgehen oder Produzieren mit besonderen, auffälligen Erinnerungs-Kunststück(ch)en beschreibt. – Aber es ist mein eigens Srpachgefühl

Vergleiche mal (dies ist immer die erste, beste Suche nach einem Wort):
Oder heißt der Begriff: Gedankenakrobatik?
Nein, auch dafür gibt es in vielen verschiednen Duden-Auflagen keinen Treffer.

Da der Begriff „Gedächtnisakrobatik“ semantisch nicht festgelegt ist, könntest Du aus folgenden Beispielen einen Satz mit eigener Wertung der „Akrobatik des Gedächtnisses“ formulieren:
Bedeutungen, Beispiele und Wendungen [für Gedächtnis]
Beispiele
• ihr Gedächtnis reicht weit zurück
• mein Gedächtnis lässt nach, lässt mich oft im Stich
• wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, war es so
• ein gutes, schlechtes Gedächtnis [für Zahlen] haben
• im kollektiven Gedächtnis der Nation
• das Gedächtnis verlieren
• sein Gedächtnis nicht mit etwas belasten
• sein Gedächtnis auffrischen
• (umgangssprachlich) er hat ein kurzes Gedächtnis (vergisst schnell)
• etwas dem Gedächtnis [fest] einprägen
• ihr Name ist meinem Gedächtnis entfallen (ich habe ihren Namen vergessen)
• jemandes Gedächtnis nachhelfen (1. jemanden erinnern, indem man ihm Anhaltspunkte gibt. 2. ironisch; jemanden, der sich an bestimmte Tatsachen nicht erinnern will bzw. angeblich nicht erinnert, auf diese Tatsachen hinweisen)
• aus dem Gedächtnis (ohne Vorlage, auswendig) zitieren
• etwas im Gedächtnis behalten, bewahren (nicht vergessen)
• jemandem, sich etwas ins Gedächtnis [zurück]rufen (jemanden, sich an etwas erinnern)

Beispiel entnommen Duden-online; vgl. dort:
http://www.duden.de/rechtschreibung/Gedaechtnis


Ich glaube, dass der gesuchte Begriff der neueren, hübscheren Bezeichnung "Mnemotechnik“ gewichen ist; das klingt besser, gar wissenschaftlich.

Bei Wiki gibt es dazu einen ordentlichen, psychologischen Ansprüchen genügenden Artikel
http://de.wikipedia.org/wiki/Mnemotechnik

Ob es Künstler oder Showleute gibt, die sich als Mnemotechniker bezeichnen lassen…? Es klingt arg strapaziert-technisch.

Dort taucht einmal im Titel eines Buches von Berns und Neuber der Begriff „Gedächtniskünstler“, der ja positiver ist, auf.

Duden aber führt diesen Begriff als normal; sogar die Mnemotechnikerin:
http://www.duden.de/rechtschreibung/Mnemotechniker

**
Weitersuchen zu „Gedächtnisakrobatik“? Bitte sehr, zwei Belege:

1. Im Kernkorpus des DWDS finde ich ein Beispiel aus der ZEIT:

„Auf dem Stundenplan steht die erste und vielleicht lebenswichtigste Disziplin dieses Wettbewerbs: das Erinnern von Namen und Gesichtern. Binnen einer Viertelstunde müssen sich die Gedächtnisakrobaten durch Reihen von Porträtfotos und Namen büffeln, so beliebig wie die Kartei einer Partnerschaftsvermittlung. Dann bleibt ihnen eine halbe Stunde Zeit, um die Bilderbögen wieder mit den korrekten Namen zu versehen.“ (DIE ZEIT, 01.08.2002, Nr. 32

http://www.dwds.de/?qu=Ged%C3%A4chtnisakrobat

2. Ich finde aber in der ganzen deutschen Literaturgeschichte, so weit sie bei Gutenberg online vertreten ist, nur einen weiteren Treffer; aus Jakob Wassermanns Kriminalroman „Der Fall Maurizius“ (1928):

[Die Erzählfigur ist eine Frau, eine „sie“]:

„In ihren bereits erwähnten Aufzeichnungen hatte sie sich des öfteren mit der Person Waremmes [eines zwiespältigen Heldes] beschäftigt, bald in einer hingeworfenen Notiz, bald in längeren Betrachtungen, auch in einem Brief an Frau von Geldern äußerte sie sich über ihn. Sie überblickte ihn natürlich so wenig wie die meisten Menschen, die mit ihm zu tun hatten. Alles, was über ihn ausgesagt wurde, war genau so richtig wie das Gegenteil davon. Niemand kannte sich aus. Eine Zeitlang sprach die ganze Stadt nur von ihm, besonders am Anfang, im Winter 1904 auf 1905; da war es wirklich, als ob der Hecht in den Karpfenteich gefahren wäre und das Wasser zu Schaum schlüge. Spieler, Salonlöwe, Weiberheld, nun, das kennt man, der Typus ist nicht aufregend; zugleich aber Philolog, Philosoph, Dichter, Politiker, und in welchem Format! Kein hergeschneiter Dilettant, kein Gedächtnisakrobat, sondern ein produktiver Geist, etwas wie ein Teufelskerl, ein Universalgenie. Er arbeitet an einer neuen und, wie es heißt, grandiosen Übersetzung des ganzen Plato, aus der er seinen Freunden bisweilen Bruchstücke zum besten gibt, und hält Privatvorlesungen über Hegel und den Hegelianismus, der ja eben im Begriff ist, wieder in Blüte zu treten. Er veröffentlicht einen Band Deutsche Oden von Hölderlinschem Klang und führt in einer Zeitschrift für Altertumskunde den profunden Nachweis, daß die Parsifalsage durchaus nicht rein französischen Ursprungs sei, sondern in altgermanischer Mythe wurzele. Wie man hört, war er persona grata beim Fürstbischof von Breslau und ist durch diesen an den rheinischen hohen Klerus warm empfohlen worden. (…)“

Welchen Beigeschmack kann man hier bei Gedächtnisakrobat heraus spüren?

http://gutenberg.spiegel.de/buch/3055/8

Ich glaube abschließend:
Gedächtnisakrobat ist ein veraltetes Wort, das ein wenig geringschätzig klingt, da die Erinnerungskunst (oder -künste) besondere mnemotechnische Leistungen darstellen und im Kern nicht einer zirzensisch-akrobatischen Intention entspringen.


Zuletzt bearbeitet von Generaltoni am 06 März 2012 - 16:48:03, insgesamt einmal bearbeitet
Laura1984
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Anmeldungsdatum: 13.01.2012
Beiträge: 9

BeitragVerfasst am: 06 März 2012 - 06:07:50    Titel:

Sehr ausführlich! Vielen Dank!
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