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Kurzgeschichte - (leicht) abweichende Deutung?
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daslebeneinesgs
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Anmeldungsdatum: 18.11.2016
Beiträge: 1

BeitragVerfasst am: 18 Nov 2016 - 17:51:50    Titel: Kurzgeschichte - (leicht) abweichende Deutung?

Hallo,

wir haben neulich eine Deutschklausur geschrieben, in der wir die Kurzgeschichte "Am frühen Abend" von Hans Joachim Schädlich interpretieren sollten. Der Text ist hier http://f.sbzo.de/onlineanhaenge/files/171326_teil_a.pdf zu finden.

Klar ist, dass der Handelsreisende dem Obdachlosen letztlich nicht hilft; wieso genau oder woran aber scheitern seine Hilfsangebote?
Laut der Lehrperson geschieht dies aufgrund der Verzweiflung des Obdachlosen - die ja eindeutig aus jedem seiner Sätze spricht -, aber wäre es nicht auch möglich, daß die Hilfsangebote für den Obdachlosen einfach irreal und abstrakt sind? Denn wie soll er weggehen, einen Arzt oder gar einen Notarzt bezahlen können? Dafür spricht auch der Gebrauch des Konjunktiv II, der ja immer Irrealität ausdrückt, seitens des Reisenden ("Auf der Bank wäre es besser für Sie" und "Ich könnte Ihnen helfen"). Der Reisende als Bessersituierter begegnet ihm also meiner Meinung nach mit einer gewissen Arroganz oder gar Hybris, die sich eben auf ihre differente soziale Situation (Reisender und Obdachloser als Kontrastfiguren) und seine mangelnden Empathie und Kälte gründet - seht ihr das als inhaltlich richtig an?

Der Tenor der Lehrperson war ein Gemeinplatz wie "Wir alle gucken und gaffen, handeln, helfen aber nicht selbst". Damit wird aber doch die eindeutig thematisierte Klassendivergenz und der Klassismus verkannt, oder bilde ich mir diese Eindeutigkeit nur ein und der Obdachlose steht wirklich nur exemplarisch für jedwede Art von hilfsbedürftigen Menschen?

Natürlich gibt es "falsche" Interpretationen, solche, die sich am Text überhaupt nicht belegen lassen und nicht stringent sind - aber ist das bei meiner These der Fall und sie nur "in etwa" richtig, wie die Lehrperson kommentiert hat?

Danke und LG
PepePaukerschreck
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Anmeldungsdatum: 18.11.2016
Beiträge: 11

BeitragVerfasst am: 18 Nov 2016 - 19:25:04    Titel:

Wende dich doch mit deiner Interpretationsweise an eine andere Lehrkraft und hol dir dort Feedback, wobei das die Meinung der entsprechenden Person wahrscheinlich nicht ändern wird ...
Horst
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Anmeldungsdatum: 09.09.2004
Beiträge: 112
Wohnort: Sachsen-Anhalt

BeitragVerfasst am: 01 Dez 2016 - 21:54:51    Titel: Re: Kurzgeschichte - (leicht) abweichende Deutung?

daslebeneinesgs hat folgendes geschrieben:
Der Reisende als Bessersituierter begegnet ihm also meiner Meinung nach mit einer gewissen Arroganz oder gar Hybris, die sich eben auf ihre differente soziale Situation (Reisender und Obdachloser als Kontrastfiguren) und seine mangelnden Empathie und Kälte gründet - seht ihr das als inhaltlich richtig an?

Mit Hochmut hat Sallers Verhalten eher weniger gemein, sonst würde er nur die Nase rümpfen und nicht ein Gespräch beginnen.

In welcher Zeit soll die Geschichte spielen, in der es noch Öfen in Wartehallen von Bahnhöfen gab?

Ich denke, ein Leser sollte sich zuerst gedanklich in diese Zeit versetzen, um die Situation in der Geschichte besser zu verstehen. Es gab noch häufiger Hinweisschilder mit der Aufschrift "Betteln und Hausieren verboten!" als heute und der § 361 StGB, der Landstreicherei unter Strafe stellte, wurde wohl erst 1974 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Was der Autor zum Ausdruck bringen wollte, ließe sich jedoch durchaus auf die Neuzeit übertragen, womit die Aussage "Wir alle gucken und gaffen, handeln, helfen aber nicht selbst" durchaus treffend ist. Ein Beispiel aus dem realen Leben, in einem Vorraum einer Bankfiliale ist ein älterer Mann zusammengebrochen, erst der fünfte Besucher der Filiale holte Hilfe:

Zitat:
„Teilweise gingen sie nah an dem Sterbenden vorbei oder stiegen hinüber, um ihre eigenen Finanzgeschäfte durchzuführen“, hieß es.

http://www.ksta.de/nrw/unterlassene-hilfestellung-passanten-ignorieren-sterbenden-mann-in-essener-bank-24994718

Und ähnlich gelagerte Vorfälle ereignen sich immer und immer wieder, ohne dass eine der beteiligten Personen arrogant wäre.
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