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Vollbeschäftigung: utopisch oder machbar?
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coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
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BeitragVerfasst am: 09 Jan 2006 - 22:44:49    Titel: Vollbeschäftigung: utopisch oder machbar?

Die Vollbeschäftigung ist offiziell im Stabilitäts- und Wachstumspakt festgeschrieben, doch sieht die Realität anders aus. Verschiedene Politiker haben mehr Rezepte zur Reduktion der Rekordarbeitslosigkeit als Freunde. Very Happy Eigentlich weiß niemand, wie die Vollbeschäftigung erreicht werden soll bzw. die Arbeitslosigkeit (im folgendenden Alo) gesenkt werden soll, aber jeder hat Vorschläge und andere Ansichten über "Beschäftigung". Hier einige davon:

Die in D herrschende Ökonomik:

Sie sieht als Grund der Alo einen unflexiblen Lohn, welcher definitiv über dem Gleichgewichtslohn sein soll. Würde dieser fallen, so wird mehr Arbeit nachgefragt, die Alo würde sinken. Als Bestandteil dessen werden natürlich auch die Lohnnebenkosten (zum Lohn) hinzugerechnet. Ebenso wird die generelle Unflexibilität des Faktors Arbeit bemängelt, was partiell durch zu rigide rechtliche Rahmenbedingungen verursacht oder verstärkt werden soll.

"Die andere Meinung":

Die keynsianisch-angehauchten wie Peter Bofinger proklamieren, dass generell das Angebot durch die Nachfrage bestimmt wird, weswegen es bei einer Ausweitung der konsumptiven Nachfrage zu einer verstärkten Nachfrage nach Produktionsfaktoren (durch die Anbieter), v.a. auch Arbeit, kommen würde. Das Rezept hierbei ist also Stärkung der Kaufkraft und somit Stärkung des Konsums, da die Alo durch eine zu geringe gesamtwirtschaftliche Nachfrage ensteht.

Die dritte Meinung:

Sie kann gerne auch als "coffeinjunkys Meinung" bezeichnet werden. Ich behaupte, dass die Alo als Ganzes nur marginal abgebaut werden kann. Sie setzt sich aus einigen konjunktur-bedingten Alos zusammen, welche in der Phase eines Aufschwunges wieder einen Job finden werden. Der Großteil der Alos aber stellt die Gruppe der Langzeitarbeitslosen dar, welche gemäß mehreren Statistiken überwiegend aus Gering-Qualifizierten bestehen. Diese Gruppe ist eher für arbeitsintensive Tätigkeiten prädestiniert. Diese Tätigkeiten aber wandern in andere Länder ab oder werden einfach nicht mehr gebraucht, da andere Strukturen deren Platz eingenommen haben. Dies wird v.a. durch die geringeren Lohnkosten in anderen Ländern oder einfach besseren Fähigkeiten dort verursacht. Meines Erachtens nach ist es nicht erstrebenswert auf dem Niedriglohnsektor mit emerging markets zu konkurrieren, sondern der einzige langfristige Ausweg aus der Rekordarbeitslosigkeit ist die massive Investition in Bildung und Forschung, damit wir auf dem Gebiet unserer Stärken Arbeitsplätze schaffen können.

So, jetzt seid ihr an der Reihe. Ist Vollbeschäftigung noch möglich?
Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
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BeitragVerfasst am: 09 Jan 2006 - 23:00:52    Titel:

Wieso gibt es keine Jobs, die ein gering Qualifzierter machen kann? Ich könnte mir jede Menge Dienstleistungen vorstellen, die man ohne große Ausbildung machen kann.

Putzen? Gartenarbeit? Ja ich weiß... klingt nicht prickelnd. Aber von solchen Jobs müssen wir doch reden, wenn jemand keine Ausbildung mitbringt. Das Problem ist eben, dass das Ganze relativ teuer ist und ich daher lieber selber putze und Rasen mähe, als ein paar Euro für jemanden auszugeben, der mir diese Arbeit macht, obwohl mir das doch erhebliche Wohlfahrtszuwächse in Form von mehr Freizeit bescheren würde.

Vieles ist auch Einstellungssache. Viele Arbeiten werden von uns als "unwürdig" oder gar "menschenverachtend" eingestuft, so dass es uns peinlich ist, diese Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Tüten packen im Supermarkt, ein Tankwart an der Tankstelle etc... wären da Beispiele. Mit dieser Einstellung jedoch verhindere ich geradezu, dass gering Qualifizierte einen Job bekommen. In anderen Ländern (USA) wird so etwas angenommen. Natürlich ist es eine Erleichterung und eine geldwerte Dienstleistung, wenn ich bei Regen im Auto bleiben kann und der Tankwart füllt den Tank und kassiert an der Scheibe ab. Das wäre mir 1 oder 2 Euro zusätzlich wert. Da käme auch ein netter Stundenlohn zusammen.

Ich sehe da Millionen von neuen Jobmöglichkeiten. Nur: nicht zum deutschen Tariflohn incl. Lohnnebenkosten. Da mache ich es lieber selber. Weil SO viel ist die Arbeit nun auch nicht wert.

Insofern müsste man sich schon überlegen, wie man über "negative Einkommenssteuer" oder ähnliches diese Arbeiten attraktiv machen kann.

Gruß
Pauker
Freidenker
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 00:01:17    Titel:

Während ich noch über Lösungswege grüble, schon mal ein wenig Pessimismus:


Zur Tchibo-Variante Very Happy

Das ist genau das, was Kohl als "Umstruckturierung" Mitte der Neunziger bezeichnete, hundertausende in Umschulungen steckte, die Arbeitslosenzahlen schönte und dann feststellte, daß die Leute trotz Ausbildung keine Stelle fanden. Das ging soweit, daß manche Leute drei Umschulungen machten, drei Abschlüsse hatten und immer noch auf der Straße stehen! Der Arbeitsmarkt ist auch in den unteren und mittleren Qualifikationshirachien bereits mehr als gesättigt. Und man wird nicht 7 Mio. Arbeitslose in die Quali-Stufe der Ingenieure, Ärzte und Informatiker heben können. Das bringen die meißten schon von ihren geistigen Fähigkeiten nicht. Abgesehen davon stehen mittlerweile selbst die Informatiker tausendfach auf der Straße.
Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 00:20:40    Titel:

Ich sehe derzeit auch nur einen Verdrängungswettbewerb. Die höhere Qualifikation wird dann sozusagen zum Standard. Insofern bringt das Mehr an Bildung nur dem Einzelnen etwas. Insgesamt gesehen, bei gleich bleibender Anzahl von Jobs, verschiebt sich nur das Anspruchsniveau. Derzeit besetzen eben Abiturienten viele Ausbildungsstellen usw...

Deswegen geht es um die Schaffung neuer Jobs. Im unteren Bereich sehe ich durchaus Möglichkeiten (bei der entsprechenden Förderung); siehe auch meinen vorigen Post. Im oberen Bereich brauchen wir dringend mehr Risiko, mehr Selbstständige, mehr neue Ideen. Wann ist eigentlich das letzte erfolgreiche größere Unternehmen gegründet worden? Wir leben doch noch heute von den Nachkriegsgründungen. Mir fällt im Augenblick nur SAP ein.

Wir müssten hochqualitative Produkte für die Welt anbieten und damit meine ich keinesfalls die Würstchenbunden-Ich-AGs.

Wie wäre es mit mehr staatliches Risikokapital, Haftungsbegrenzungen für Gründer in den ersten Jahren, Think-Tanks. Die Welt ist noch lange nicht gesättigt, aber leider kommen die coolen neuen Sachen aus dem Ausland. Internet, Digitale Photographie, Biotechnik etc...
Das Problem steckt auch in der Technikfeindlichkeit der Deutschen.
Früher die Computertechnik, heute die Biotechnik... überall wird diskutiert und erklärt warum was (aus z.B. moralischen Gründen) nicht geht. Während wir noch über die Teststrecke für den Transrapid diskutieren, baut man ihn in China einfach. Das ist der Unterschied. Während wir die Regeln für Gen- und Biotechnologie ausgiebig (und in gewissen Rahmen auch notwendigerweise) diskutieren, machen andere die Forschung und sind uns um Jahre voraus. Wenn wir dann endlich mal anfangen, ist der Zug schon abgefahren.

Gruß
Pauker
arakohg
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 00:22:37    Titel:

Ich finde die keynsianische Theorie immernoch am besten. Durch Staatsverschuldung die Wirtschaft ankurbeln. Dann könnte man zusätzlich mehr Geld für F&E & natürlich auch in Bildung investieren. Rahmenbedingungen sollten geschaffen werden um es den Unternehmen (auch ausländischen) hierzulande schmackhaft zu machen. Den qualifizierten Arbeitskräften müsste man ebenfalls Honig ums Maul schmieren. Wäre ja schade so viel Geld in Bildung zu investieren damit sie dann abwandern. Die Einstellung/ das Meinungsbild bezüglich der unwürdigen Arbeiten muss sich ändern.
Auf der anderen Seite muss Geld eingspart werden, wo es bisher nur sinnlos vergeudet wurde damit das mit dem Deficit Spending auch klappt.

Jeder soll einfach Arbeiten, egal ob er einen unterbezahlten Bürojob, einen Putzjob oder sontige Drecksarbeiten erledigen muss. Das zumindest im ersten Zuge. Dann würden erstmal die Staatsausgaben sinken und Schulden könnten getilgt werden. So gäbe es mehr Geld für andere hoffentlich sinvolle Arbeitsplatzschaffende Maßnahmen.

Wie das alles geschafft werden soll? Gute Frage, wenn ich das wüsste, würde ich nicht hier sitzen.
Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 00:27:49    Titel:

Naja, ob Keynes funktioniert, werden wir ja in den nächsten Jahren sehen. Frau Merkel hat ja ein 25 Mrd. Konjunkturprogramm angekündigt.

Gruß
Pauker
arakohg
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Anmeldungsdatum: 26.11.2005
Beiträge: 226

BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 00:45:26    Titel:

Um ehrlich zu sein, ich bezweifle das Keynes langfristig klappt. Kurzfristig kann man damit aber sicher einen sichtbaren Erfolg erziehlen.

Ich bin ganz gespannt was Frau Merkel da wurschteln wird *g*. Hoffentlich neu, anders, mit viel Pepp und am Ende erfolgreich Smile
Freidenker
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 01:05:10    Titel:

Ich bin immer wieder erstaunt, was meine Mitbürger für ein Vertrauen in die seit Jahrzehnten versagenden Parteien setzen! Surprised

Merkel will den Unternehmern 6,5 Mrd. in den Rachen werfen, dann noch 6 Mrd. in Entwicklung und Forschung stecken, 5 Mrd. in Haushaltsjob-Förderung und 4,3 Mrd. in Straßen.
http://www.n-tv.de/621022.html

Was für ein geniales Konzept. Da wär selbst Stefan und Erkan noch mehr eingefallen!
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 01:15:44    Titel:

Pauker hat folgendes geschrieben:
Wieso gibt es keine Jobs, die ein gering Qualifzierter machen kann? Ich könnte mir jede Menge Dienstleistungen vorstellen, die man ohne große Ausbildung machen kann.


Sorry, ich habe mich etwas unklar ausgedrückt. Wenn ich davon spreche, dass das Groß der Alo nie wieder beschäftigt sein werden, so meine ich damit eine Beschäftigung, die ihnen erlaubt ohne staatliche Hilfe auszukommen. Sprich eine sog. "reguläre" Beschäftigung. Natürlich kann es Schildträger, Schuheputzer, Brillenputzer, Reifendruckprüfer, Glühbirnenwechsler, Fahradkettenschmierer, Zeitungsumblätterer, Wasserkocher, "Weg-Zeiger" und Briefmarkenbefeuchter geben, wenn sie nur wenig genug verdienen. Doch für mich impliziert der Begriff Vollbeschäftigung, dass alle Arbeitenden ohne soziale Transfers auskommen.
arakohg
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Anmeldungsdatum: 26.11.2005
Beiträge: 226

BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 01:44:23    Titel:

Freidenker hat folgendes geschrieben:
Merkel will den Unternehmern 6,5 Mrd. in den Rachen werfen, dann noch 6 Mrd. in Entwicklung und Forschung stecken, 5 Mrd. in Haushaltsjob-Förderung und 4,3 Mrd. in Straßen.
http://www.n-tv.de/621022.html


Soll sie doch. Wenn sie weiß wie sie das finanzieren soll (soll heißen: wenn sie keine neuen Schulden aufnimmt und es irgendwie schafft Schulden zu Tilgen und am End' alle zufrieden sind(Zweifel kommen auf)) kann sie die Politik von mir aus so gestalten wie "die auf dem Dach". Wenn sie weiß wie mit dem Geld besser zu jonglieren ist... soll sie mal zeigen was sie drauf hat. Hätte es denn die vorherige Partei besser machen können? Komisch, hat wohl nicht so ganz geklappt.
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