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Vollbeschäftigung: utopisch oder machbar?
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Foren-Übersicht -> Politik-Forum -> Vollbeschäftigung: utopisch oder machbar?
 
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Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
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BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 08:58:44    Titel:

Dann sind wir uns aber einig und mit uns wahrscheinlich die meisten Fachleute. Eine Vollbeschäftigung ohne staatliche Eingriffe dürfte nicht mehr möglich sein. Die Frage ist aber, welche staatlichen Förderungen könnten zu einer vollbeschäftigungsnahen Situation führen?

Gruß
Pauker
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 10:50:53    Titel:

Pauker hat folgendes geschrieben:
Dann sind wir uns aber einig und mit uns wahrscheinlich die meisten Fachleute. Eine Vollbeschäftigung ohne staatliche Eingriffe dürfte nicht mehr möglich sein. Die Frage ist aber, welche staatlichen Förderungen könnten zu einer vollbeschäftigungsnahen Situation führen?


Jeder Arbeitsplatz, der durch staatliche Fördermassnahmen eingerichtet wird, muss durch die Bürger bezahlt werden. Diese haben dann weniger in der Tasche, kaufen weniger, und somit kostet der durch staatliche Fördermassnahmen eingerichtete Arbeitsplatz einen anderen Arbeitsplatz.
Freidenker
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 344
Wohnort: Auf´m Sofa

BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 11:40:47    Titel:

Mir scheint, im bestehenden Markt sind die 7 Mio. Arbeitslosen nicht unterzubringen. Und zwar deshalb, weil er ganz einfach gesättigt ist. Die bisherigen Versuche, mit Minijobs, Kombilöhnen, Unternehmenssteuerreform und ähnlichem haben bestenfalls eine Veränderung der Arbeitslosenzahl in Höhe von ein paar Tausend bewirkt, also nur an der Oberfläche gekratzt.

Wenn der bestehende Markt nichts mehr aufnimmt, müßte man neue Märkte schaffen. Märkte, die Arbeitskräfte benötigen. Was für Märkte könnten das sein?

1. Die von mir in einem anderem Thread bereits geschilderte, drastisch verbilligte Bereitstellung von Bauland. Das würde Arbeitsplätze im Baugewerbe schaffen. Parallel dazu müßte natürlich das Entsendegesetz für Bauarbeiter abgeschafft werden, damit der Effekt nicht durch Entsendung verpufft!

-------------------------------------------------------------------------

2. Die Herstellung von Treibstoff für den innerdeutschen Bedarf.
Deutschland importiert pro Jahr ca. 110 Mio. Tonnen Rohöl. Auf dem Ölmarkt kostet der Liter etwa 40 Cent. Das macht insgesamt einen Importwert von ca. 50 Mrd. € jährlich.

Angenommen, man würde statt für 50 Mrd. € Öl zu importieren, Holzwirtschaft im großen Stil betreiben und aus Holz als Treibstoff verwendbares Gas herstellen, blieben 50 Mrd. € im Land, was die Binnennachfrage ankurbeln würde und andererseits entstünden jede Menge Arbeitsplätze in der Holz- und Gasindustrie. Bisher als Acker genutzte Flächen würden in Bereiche der Forstwirtschaft umgewandelt. Die Technik existiert übrigens schon seit dem letzten Krieg und wird z.Z. in Schweden verwendet. Hier mal ein paar Fotos von Autos mit Holzvergaser:
http://www.gengas.nu/bilder/index.shtml

Angesichts steigender Ölpreise dürfte das mit den Jahren auch immer rentabler werden.
Irgendwo auf der Welt wird man sicher Holz billiger anbauen können. Damit die Globalisierung hier nicht wieder die Arbeitsplätze vernichtet, wäre der hiesige Holzmarkt abzuschirmen, denn wir wollen ja Arbeitsplätze und keinen Marktausgleich! Very Happy
Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
Wohnort: Schwäbisch Hall

BeitragVerfasst am: 10 Jan 2006 - 19:05:16    Titel:

Sheep hat folgendes geschrieben:
Jeder Arbeitsplatz, der durch staatliche Fördermassnahmen eingerichtet wird, muss durch die Bürger bezahlt werden. Diese haben dann weniger in der Tasche, kaufen weniger, und somit kostet der durch staatliche Fördermassnahmen eingerichtete Arbeitsplatz einen anderen Arbeitsplatz.


Die Gleichung 1 Arbeitsplatz gefördert = 1 Arbeitsplatz weniger leuchtet mir in dem direkten Zusammenhang nicht ein.
Für densozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft halte ich es dringend für nötig, dass jeder Mensch die Chance hat - auch bei niedriger Qualifikation - zumindest ein einfaches Auskommen zu finden.

Ich kenne einige Brasilianer und war vor ein paar Jahren mal in Brasilien. Die sind immer ganz erstaunt, dass man in Deutschland nachts durch die Straßen laufen kann. In Brasilien wäre man bald ein toter oder beraubter Mensch. Leichen auf der Straße in Rio de Janeiro sind so normal, dass sie dort nur noch als "Schinken" bezeichnet werden (kein Witz!)

Diesen sozialen Frieden "erkaufen" wir uns über hohe Sozialleistungen und hohe Abgaben. Da sehe ich einen engen Zusammenhang.

Obwohl ich mich insgesamt als wirtschaftsliberal sehe, weiß ich die Sicherheit auf unseren Straßen zu schätzen und bin gerne bereit dafür auch höhere Steuern zu zahlen.

Gruß
Pauker
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 11 Jan 2006 - 12:45:22    Titel:

Pauker hat folgendes geschrieben:
Diesen sozialen Frieden "erkaufen" wir uns über hohe Sozialleistungen und hohe Abgaben. Da sehe ich einen engen Zusammenhang.


Der "soziale Friede" durch staatlich geförderte Arbeitsplätze leuchtet mir hingegen nicht ein. Ein Reicher, der "sein Geld für sich arbeiten lässt" und in seiner Villa den Tag am Pool verbringt, zündet keine Autos an. Ein Rentner hat keine Arbeit und wird - bei allen lustigen Filmen die über das Thema gedreht wurden - im Allgemeinen auch nicht zum Bankräuber.

Es ist der durch eigene Arbeit erzeugte Wohlstand, nicht die Arbeit, die wir anstreben. Arbeit zum Selbstzweck macht nicht glücklich, das können Dir Menschen in Arbeitslagern bestätigen. Ich bin nicht glücklich, weil ich am Band einen Kühlschrank zusammenschraube, sondern weil ich für diese Arbeit eine Gegenleistung erhalte, mit der ich mir eine HiFi-Anlage kaufen kann.

Man muss aufpassen, dass man zur Erhaltung des "sozialen Friedens" des einen, nicht den "sozialen Frieden" eines anderen stört.

Ein staatlich geförderter Arbeitsplatz - und nur darum geht es ja bei dem Thema "Vollbeschäftigung" - hat aber diese Auswirkungen. Erstens ist er steuerfinanziert, d.h. Geld wird Leuten weggenommen, die damit Arbeitsplätze einrichten könnten. Geld wird auch Leuten weggenommen, die damit Waren kaufen könnten, deren Herstellung nun nicht mehr nötig ist, weil deren Kaufkraft gesunken ist. Und letzlich wird eine Arbeit verrichtet, die den Wert einer anderen Arbeit in einem "natürlich" entstandenen Arbeitsverhältnis mindert, was zu Drehtüreffekten führt. Ein Schuhputzer bekommt 5 Euro die Stunde. Angenommen, der Staat bietet nun einem Arbeitslosen 5 Euro Stundenlohn, wenn er Schuhe putzt. Nun stehen die beiden im "Wettbewerb". Allerdings in keinem fairen Wettbewerb. Denn wie weit kann wohl der staatlich geförderte Schuhputzer seinen Lohn drücken, und wie weit der nicht geförderte ?
Sobald die staatliche Förderung entfällt, wird entweder der Geförderte wieder entlassen, oder er hat bis dahin erfolgreich einen anderen von seinem Arbeitsplatz verdrängt.
bwlfan
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 371
Wohnort: Stuttgart

BeitragVerfasst am: 11 Jan 2006 - 13:15:13    Titel:

Ich denke Pauker hat, wenn er von "sozialem Frieden" spricht, eher z.B. einen arbeitslosen Schulabbrecher im Kopf, der im derzeitigen System ALG2 bekommt, als einen Rentner. Hätte dieser Arbeitslose keine "Grundsicherung", würde er unter Umständen ein paar Leute abknallen und ausrauben. Oder lieg ich da falsch?
Magnificient
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Anmeldungsdatum: 20.07.2005
Beiträge: 140

BeitragVerfasst am: 11 Jan 2006 - 14:10:40    Titel:

Machbar wenn allle Mitziehen würden, aber utopisch weil Menschen leider egoistisch sind.
Bürger
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Anmeldungsdatum: 27.11.2005
Beiträge: 2016
Wohnort: Dortmund

BeitragVerfasst am: 11 Jan 2006 - 14:23:18    Titel:

Sheep hat folgendes geschrieben:
Pauker hat folgendes geschrieben:
Diesen sozialen Frieden "erkaufen" wir uns über hohe Sozialleistungen und hohe Abgaben. Da sehe ich einen engen Zusammenhang.


Der "soziale Friede" durch staatlich geförderte Arbeitsplätze leuchtet mir hingegen nicht ein. Ein Reicher, der "sein Geld für sich arbeiten lässt" und in seiner Villa den Tag am Pool verbringt, zündet keine Autos an. Ein Rentner hat keine Arbeit und wird - bei allen lustigen Filmen die über das Thema gedreht wurden - im Allgemeinen auch nicht zum Bankräuber.

Es ist der durch eigene Arbeit erzeugte Wohlstand, nicht die Arbeit, die wir anstreben. Arbeit zum Selbstzweck macht nicht glücklich, das können Dir Menschen in Arbeitslagern bestätigen. Ich bin nicht glücklich, weil ich am Band einen Kühlschrank zusammenschraube, sondern weil ich für diese Arbeit eine Gegenleistung erhalte, mit der ich mir eine HiFi-Anlage kaufen kann.

Man muss aufpassen, dass man zur Erhaltung des "sozialen Friedens" des einen, nicht den "sozialen Frieden" eines anderen stört.

Ein staatlich geförderter Arbeitsplatz - und nur darum geht es ja bei dem Thema "Vollbeschäftigung" - hat aber diese Auswirkungen. Erstens ist er steuerfinanziert, d.h. Geld wird Leuten weggenommen, die damit Arbeitsplätze einrichten könnten. Geld wird auch Leuten weggenommen, die damit Waren kaufen könnten, deren Herstellung nun nicht mehr nötig ist, weil deren Kaufkraft gesunken ist. Und letzlich wird eine Arbeit verrichtet, die den Wert einer anderen Arbeit in einem "natürlich" entstandenen Arbeitsverhältnis mindert, was zu Drehtüreffekten führt. Ein Schuhputzer bekommt 5 Euro die Stunde. Angenommen, der Staat bietet nun einem Arbeitslosen 5 Euro Stundenlohn, wenn er Schuhe putzt. Nun stehen die beiden im "Wettbewerb". Allerdings in keinem fairen Wettbewerb. Denn wie weit kann wohl der staatlich geförderte Schuhputzer seinen Lohn drücken, und wie weit der nicht geförderte ?
Sobald die staatliche Förderung entfällt, wird entweder der Geförderte wieder entlassen, oder er hat bis dahin erfolgreich einen anderen von seinem Arbeitsplatz verdrängt.



Das ist richtig. Aber es gibt viele Jobs die überhaupt keinen Gewinn im eigentlichen Sinne abwerfen uind denkbar ungeeignet sind um privatisiert zu werden. Einfach weil es Leistungen sind, die sich für alle, aber nicht unbedingt für den einzelnen bezahlt machen. Diese Beschäftigungen wurden in den letzten Jahren zurückgefahren. Sie gilt es wieder zu schaffen. Ersten steigern wir die Kaufkraft, zweitens erreichen wir gesellschaftlich etwas sinnvolles. indem wir die Infrastruktur verbessern. An erster Stelle ist die Bildung zu nennen, aber auch Polizei, staatiche Kindergärten Sozialarbeiter, Psychologen und der Umweltschutz fallen in diese Kategorie. Diese Aufgaben und Jobs lassen sich eher schlecht privatisieren, weil sich Gewinn und Profitstreben mit den originären Aufgaben widersprechen, ein hohes gesellschaftsbezogenes Verantwortungsbewusstsein ist hier primäres Kriterium.

Ausbildung und Einstellungen dieser Kräfte machen sich langfristig bezahlt.
Ähnliches gilt dür die Forschung und Wissenschaft.

Darüberhinaus wird unsere Industrie in der Tat nicht allen Mitgliedern unserer Bevölkerung adäquate Arbeitsplätze zur Verfügung stellen können. Ein Teil dieser Arbeitsplätze paradoxerweise nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil die Ansprüche zu hoch sind, als dass sie erfüllt werden könnten. Auch hier schaden fehlende Bildungskonzepte mittel- und langfristig unsere Wirtschaft.

Wir arbeiten also ineffizient und geben Geld dafür aus, wertvolle Ressourcen brachliegen zu lassen indem wir Menschen zur Untätigkeit oder Hilfstätigkeiten verbannen.

Hier wäre ein Konzept des Grundeinkommens zu überlegen. Würden wir es generell anwenden, könnten wird das Problem der Verdrängung lösen. Das ist natürlich eine gewaltige Umstellung aber das einzig im Moment sichtbare Modell, das das Problem Arbeitslosigkeit bei Beihaltung unsers ökonomischen Systems effektiv lösen könnte.

Wenn jeder das gleiche Grundeinkommen bekäme und dieses Grundeinkommen steuerfinanziert wäre, dann würde sich Arbeit flexibler verteilen lassen. Die Arbeitslöhne müssten natürlich der Situation angepasst werden. Das würde viele Probleme auf einen Schlag lösen. Zum einen würden die Lohnkosten der Betriebe gesenkt und damit ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt gestärkt. Zum anderen würde die Agentur für Arbeit, aber auch Sozialämter & Co. von einem großen Teil ihrer bisherigen Tätigkeit entbunden und könnten sich auf die Weiterbildung von Fähigkeiten konzentrieren. Auch die Industrie hätte große Vorteile, weil sie viel flexibler die Arbeitskaft und die Fähigkeit von Mitarbeitern einsetzen und planen kann. Denn Teilzeitjobs wird es viel mehr geben als das heute der Fall wäre. Auch zeitgebundene Arbeitsverträge würden anders als heute genutzt werden können um gute Arbeit zu leisten, wenn sicher ist, dass man nach der Arbeit nicht in ein soziales Loch fällt, das einem ersteinmal alle Ersparnisse aufbrauchen lässt bevor es auch nur einen Cent zahlt. Diese Sicherheit ist wichtig, denn dann sind auch langfristige Planungen möglich. Ein allgemeinses Grundeinkommen würde die Geburtenrate massiv ansteigen lassen. stärker als jeder Appell an die Deutschen mehr Kinder in die Welt zu setzen dass je könnte. Darüberhinaus würde das Leistungsprinzip wieder für alle gelten. Wer in Zeiten guter Beschäftigung viel arbeitet kann entsprechende Reserven anlegen und bekommt trotzdem sein Grundeinkommen. Wer wenig oder überhaupt nicht arbeitet erhält eben nur sein Grundeinkommen. Das System kann natürlich nur über Steuern finanziert werden. Wen wir dazu Gewinn- und Vermögensteuer heranziehem würden alle die unserer Gesellschaft von der Infrastruktur profitieren über Gewinn und Vermögensteuer in den Topf zahlen. Die Bildung einer Einkommensschere könnte entgegengewirkt werden, wenn die Konsumnachfrage dümpelt könnte eine Erhöhung des Grundeinkommes wesentlich schneller die Konjunktur antreiben als dies mit heutigen Methoden erreicht werden könnte.
Auch das Problem mit den staatlichen Arbeitsplätzen könnte gelöst werden und es wird einfacher sein staatliche Arbeitsplätze einzurichten die einfach auf das Grundeinkommen aufsatteln.

Durch die Steuerfinanzierung würden wir im Grunde die Besserverdiendenen unserer Gesellschaft an die Aufgaben stärker binden, also ein Rückfluss von oben nach unten ohne Vergesellschaftung im Rahmen eines flexibeln Wirstchaftssystemes erreichen. Dies bedeutet das ein solches System sozial gerechter wäre aber gleichzeitig das Leistungsprinzip aufrechterhält und sogar neu belebt und die Bildung neuer Jobs fördert.

Ein allgemeines Grundeinkommen hätte also viele Vorteile und würde zwar nicht alle, aber doch einige der wichtigsten Probleme unserer Gesellschaft lösen helfen. Es kann meiner Ansicht aber nur dann so funktionieren, wenn wir es allgemein einführen und die Lohnkosten entsprechend anpassen. Mut, Innovation und Durchsetzungsvernögen sind notwendig, um ein solches Projekt initiieren zu können. Ich glaube nicht, dass dies im Rahmen einer großen Koalition möglich ist.

Mit freundlichen Grüßen
ein
Bürger
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 11 Jan 2006 - 16:13:24    Titel:

Bürger hat folgendes geschrieben:
An erster Stelle ist die Bildung zu nennen, aber auch Polizei, staatiche Kindergärten Sozialarbeiter, Psychologen und der Umweltschutz fallen in diese Kategorie. Diese Aufgaben und Jobs lassen sich eher schlecht privatisieren, weil sich Gewinn und Profitstreben mit den originären Aufgaben widersprechen, ein hohes gesellschaftsbezogenes Verantwortungsbewusstsein ist hier primäres Kriterium.


Also ein Beamtenheer um Vollbeschäftigung zu erreichen. Und damit auch wirklich niemand ohne Arbeitsplatz bleibt, wird jeder Arbeitslose "verbeamtet", bis hin zum staatlichen Stempelbefeuchter. All diese Arbeit muss natürlich durch jemanden bezahlt werden, nämlich demjenigen, der in der privaten Wirtschaft arbeitet. Denn jeder Euro, den ein Beamter in den Konsum einbringt, ist ein Euro den er aus dem privaten Sektor bekommen hat. Die Bezahlung der Legion aus Staatsbütteln wäre abhängig von der Wirtschaftskraft oder würde durch entsprechende Steuererhöhungen konstant gehalten. Dann aber würde der Anreiz in der Privatwirtschaft zu arbeiten immer weiter sinken. Bereits jetzt geht fast die Hälfte meines Einkommens an den Staat, damit wäre jede weitere Steuererhöhung die Frage wert, "sollte ich mich nicht evtl. vom Staat beschäftigen lassen ?". Und wenn irgendwann kaum noch jemand mehr in der Privatwirtschaft produziert, bricht der ganze Beamtenwasserkopf zusammen.

Zitat:
Ähnliches gilt dür die Forschung und Wissenschaft.


Die Forschung und Wissenschaft basiert nicht auf Idealismus. Erfindungen und neue Technologien entstehen aus Profitstreben, durch private Einzelinitiative oder durch Forschungsabteilungen der Privatwirtschaft. Forschung kostet nämlich viel Geld, und dieses wird durch private Investoren locker gemacht, da diese sich Gewinne erhoffen. Ausserdem arbeitet die privat gesponsorte Forschung und Entwicklung viel effizienter als die staatliche. Ich arbeite teilweise bis zu 10 Stunden am Tag, weil ich durch Leistungszulagen und Erfolgsboni weit über Tarif bezahlt werde. Ein Pauker arbeitet gewiss nicht weniger, aber wäre motivierter, wenn er bis spät in die Nacht Klassenarbeiten korrigiert und wüsste, dass ihm das entsprechend zusätzlich bezahlt würde.

Zitat:
Wenn jeder das gleiche Grundeinkommen bekäme und dieses Grundeinkommen steuerfinanziert wäre, dann würde sich Arbeit flexibler verteilen lassen.


Warum sollte jeder das gleiche Grundeinkommen erhalten ? Jemandem der keinen Arbeitsplatz hat, sollte das Grundeinkommen 100% zur Verfügung stehen, und je nach Einkommen sollte dieser Zuschuss prozentuell zurückgefahren werden, bis hin zu Spitzenverdienern die es im Sinne einer Einkommenssteuer nicht erhalten, sondern bezahlen. Damit wäre es auch finanzierbar (und "sozial gerecht"...um die Propaganda-Empfänglichen zu überzeugen)

Zitat:
Wen wir dazu Gewinn- und Vermögensteuer heranziehem würden alle die unserer Gesellschaft von der Infrastruktur profitieren über Gewinn und Vermögensteuer in den Topf zahlen.


Dann würden Gewinne bestraft werden und jeder der Vermögen anhäuft ebenfalls. Das bedeutet dass Leute ihr Vermögen ins Ausland transferierten, und Firmen versuchten Gewinne klein zu halten. Damit sinkt aber ihr Aktienwert, sprich, die Bereitschaft von Investoren den Unternehmen Kredite zur Verfügung zu stellen. Die Forschung stagnierte, die Wirtschaft stagnierte und keine neuen Arbeitsplätze würden entstehen.

Zitat:
wenn die Konsumnachfrage dümpelt könnte eine Erhöhung des Grundeinkommes wesentlich schneller die Konjunktur antreiben als dies mit heutigen Methoden erreicht werden könnte.


Heisst, ich nehme Menschen Geld, um es anderen zu geben, damit sie sich etwas kaufen, und schöpfe einen Teil des Geldes durch die Steuer wieder ab. Durch diese Umverteilung wäre aber noch nichts produziert worden, sondern nur konsumiert, was der Konjunktur überhaupt nichts bringt.

Zitat:
Auch das Problem mit den staatlichen Arbeitsplätzen könnte gelöst werden und es wird einfacher sein staatliche Arbeitsplätze einzurichten die einfach auf das Grundeinkommen aufsatteln.


Und das ist noch skurriler. Ich nehme jemanden Geld weg, um jemand anderem eine Arbeit zu bezahlen, dann nehme ich noch mal etwas Geld weg, um diese Arbeit besser zu bezahlen also "aufzusatteln". Vollkommen unerheblich, ob das Ergebnis dieser Arbeit nun einen Abnehmer findet oder nicht.

Zitat:
Durch die Steuerfinanzierung würden wir im Grunde die Besserverdiendenen unserer Gesellschaft an die Aufgaben stärker binden,


...also noch mehr als sie ohnehin schon sind.
Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
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BeitragVerfasst am: 11 Jan 2006 - 18:05:21    Titel:

Sheep hat folgendes geschrieben:

Also ein Beamtenheer um Vollbeschäftigung zu erreichen.

Erstens ist meines Wissens keine Erzieherin verbeamtet. Zum Zweiten sollte selbst ein ultraliberaler Marktwirtschaftler die Grenzen des marktwirtschaftlichen Systems erkennen. Die Arbeit in Bildung, Erziehung, Sicherheit, Umweltschutz etc... hat externe Effekte, die keine Privatperson bezahlen würde. Deswegen sind das vorrangig staatliche steuerfinanzierte Ausgaben.
Natürlich würde es Sicherheitsdienste geben. Diese sorgen aber nur für die Sicherheit desjenigen, der dafür bezahlt. Der Rest bleibt als "Schinken" auf Rios Straßen liegen.

Bürgers Idee, dass Jobs vor allem dort bezuschusst werden sollen, wo erhebliche externe Effekte auftreten und damit gerade nicht in Konkurrenz zur Privatwirtschaft stehen, halte ich daher für bedenkenswert. Der gesellschaftliche Nutzen würde den Aufwand rechtfertigen.

Entgegen deiner Aussagen bin ich des Weiteren sehr wohl der Ansicht, dass sich ein Mensch durch seine Arbeit (mit)definiert und nicht nur durch sein Einkommen. Der Wunsch etwas Nützliches zu machen und eben nicht überflüssig zu sein lässt mich eine "bezuschusste Arbeit" jederzeit einer reinen (gegenleistungslosen) Sozialleistung den Vorzug geben.

Sheep hat folgendes geschrieben:

Die Forschung und Wissenschaft basiert nicht auf Idealismus. Erfindungen und neue Technologien entstehen aus Profitstreben, durch private Einzelinitiative oder durch Forschungsabteilungen der Privatwirtschaft. Forschung kostet nämlich viel Geld, und dieses wird durch private Investoren locker gemacht, da diese sich Gewinne erhoffen.

Völlig falsch. Die wirklich grundlegende Forschung (wiederum externe Effekte) bezahlt kein Privatmann. Oder hast du schon mal erlebt, dass ein Privatunternehmen einen Teilchenbeschleuniger finanziert hat? Warum auch? Auf absehbare Zeit lässt sich damit kein Gewinn erwirtschaften.

Private Forschung ist immer am kurzfristigen Nutzen interessiert. Kein Unternehmen und schon gar keine AG kann es sich leisten, in Dinge zu investieren, die erst in 50 oder 60 Jahren (vielleicht) Gewinn abwerfen. Diese Dinge sind es allerdings, die die zukünftigen "Quanten"sprünge bedeuten. Ein Privatunternehmen wird eben nur ein noch kleineres Handy mit noch mehr Farben und Funktionen erfinden. Das bringt Geld...

Diese Art von Forschung wird im Übrigen von einem Heer subventionierter Physiker am Laufen gehalten, die bereitwillig auf erhebliches Einkommen in der Privatwirtschaft verzichten. Eine Subventionierung über Lohnzuschüsse (in diesem Fall Stipendium genannt) ist also nicht nur bei geringqualifizierten zu befürworten.

Sheep hat folgendes geschrieben:

Ein Pauker arbeitet gewiss nicht weniger, aber wäre motivierter, wenn er bis spät in die Nacht Klassenarbeiten korrigiert und wüsste, dass ihm das entsprechend zusätzlich bezahlt würde.

Auch wenn sich meine Motivation nicht ausschließlich auf extrinsische Faktoren stützt, so gebe ich dir in Maßen Recht. Allerdings wäre einer leistungsgerechten Bezahlung auch bei Beamten nicht grundsätzlich unmöglich.

Sheep hat folgendes geschrieben:

Heisst, ich nehme Menschen Geld, um es anderen zu geben, damit sie sich etwas kaufen, und schöpfe einen Teil des Geldes durch die Steuer wieder ab. Durch diese Umverteilung wäre aber noch nichts produziert worden, sondern nur konsumiert, was der Konjunktur überhaupt nichts bringt.

Das ist wohl richtig. Wenn diese Umverteilungsaktion allerdings positive Seiteneffekte, wie "sozialer Friede" u.ä. produziert, mag es gesamtgesellschaftlich gesehen, trotzdem sinnvoll sein. Wenn in Frankreich der jugendliche Mob durch die Straßen zieht und Busse und PKWs anzündet, dürfte das Geldverdienen für den Rest auch schwierig werden. Eine Marktwirtschaft braucht einen Rahmen, der alle einbindet und dafür sorgt, dass diejenigen die Leistungen erbringen, dies auch in Ruhe tun können. Dafür mag eine höhere Steuer durchaus gerechtfertigt sein.

Gruß
Pauker
(der mal froh ist auf einem guten Niveau diskutieren zu dürfen)
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