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Lohndumping bei der Spargelernte
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Freidenker
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
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BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 16:12:03    Titel: Lohndumping bei der Spargelernte

In den Medien und leider auch hier im Forum wird der deutsche Arbeitslose des öfteren als faul bezeichnet, wenn er die Unwirtschaftlichkeit der Arbeit als Erntehelfer anprangert und diese Arbeit ablehnen möchte. Das diese Unterstellungen zu kurz gedacht sind will ich im folgenden erläutern.

Der Marktpreis für ein Kilo frischen, deutschen Spargel liegt zwischen 5 und 13 Euro.

Der Stundenlohn für einen Erntehelfer liegt bei etwa 5 Euro. Ein Erntehelfer erntet am Tag ca. 30 Kilo, flinke Erntehelfer auch mehr.

Somit ist der Lohnanteil des Erntehelfers für ein Kilo Spargel 1,33 €. Bei einem Durchschnittsmarktpreis von 9 € sind das 14,8 %.

Um bei den hiesigen Lebenshaltungskosten noch einigermaßen über die Runden zu kommen, müßte der deutsche Erntehelfer einen Stundenlohn >= 8 € erhalten. Wieviel wäre das für den Endverbraucher pro Pfund an Mehrkosten (Spargel wird in Pfundpaketen verkauft)?

Lohndifferenz = 3 €.
Ernte pro Stunde = 3,75 kg
Zuzahlung pro Kilo 3 € / 3,75 kg = 0,8 €
Zuzahlung pro Pfundpaket =0,40 €

Würde man den deutschen Erntehelfer also ein erträgliches Auskommen ermöglichen, müßte der Endverbraucher pro Pfundpaket Spargel poplige 40 Cent mehr bezahlen. Wäre das der Untergang des Abendlandes und das Ende des Wirtschaftsstandortes Deutschlands? Ich denke nicht.


Das wäre ein Spargelpreiserhöhung von 4,44 %. Zum Vergleich: Mit einer Mehrwertsteuererhöhung von 3% hat ja auch keiner ein Problem.

Doch warum verweigert man einem hart arbeitenden Deutschen einen geringen Lohn von gerade mal acht Euro? Nun, weil es lukrativer ist, Billiglohnarbeiter aus aller Herren Länder anzukarren und die feste auszubeuten. Der Bauer hat sein freistehendes Einfamilienhaus, auch der Zwischenhandel macht mit dem Spargel einen guten Schnitt. Nur derjenige, der an dem Geschäft die härteste Arbeit verrichtet bis ihm der Rücken schmerzt, wird um seinen Anteil an der Wertschöpfung geprellt. Dadurch das man Billiglohnempfänger aus dem Ausland importiert, verhindert man auch, das hier Gewerkschaften für die hiesigen Arbeiter angemessene Löhne erkämpfen können.

Die Dumpinglöhne im Erntebereich sind also keineswegs ökonomische Sachzwänge, sondern niedere Profit- und Ausbeutungsgier von Zwischenhandel und Bauern. Wenn also der deutsche Arbeitslose dieses schmutzige Spiel durchschaut und "Nein" sagt, ist das also keineswegs Faulheit, sondern eine Verweigerung zur kapitalistischen Ausbeuterei.
Bounts
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Anmeldungsdatum: 13.06.2005
Beiträge: 54

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 16:35:13    Titel:

Sehs doch mal von der Arbeitgeberseite nicht nur immer von der Arbeitnehmer.

Wäre ich Unternehmer würde ich auf meinem Feld auch lieber Polen ankarren, denen weniger bezahlen.

Achja und 5 Euro in der Stunde sind auch 5 Euro. 10 Stunden am Tag arbeiten hat noch niemanden geschadet, des eine ganze Saison lang - da kann man schon ein schönes Geld verdienen.

Übrigens ist gerade das Spargelgeschäft ein ziemlich hartes, da kann man nicht einfach eine Lohnerhöhung von 4,4% durchführen.
Freidenker
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 344
Wohnort: Auf´m Sofa

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 16:46:51    Titel:

@Bounts

Durch Überstunden kann man natürlich den absoluten Betrag des Einkommens erhöhen. Man kann auch 23 Stunden arbeiten, dann verdient man noch mehr. Aber das ist ja nicht der Punkt. Es geht um einen angemessenen Anteil an der Wertschöpfung und ein gesundes Verhältnis Arbeitsleistung zu Entlohnung.

Man mache sich auch folgendes klar: Durch niedrige Löhne kann der Zwischenhandel den Preis senken, dadurch erhöht sich der mengenmäßige Verkauf, dadurch wiederum generiert der Zwischenhandel einen höheren Umsatz bzw. höheren Gewinn. Bei höherem Preis und gleichem Deckungsbeitrag pro Stück wäre der Umsatz des Zwischenhandels und damit der Gewinn geringer, aber der Gewinn/Einkommen des Erntehelfers höher.

Der höhere Gewinn des Zwischenhandels wird also durch die Ausbeutung des Erntehelfers realisiert.
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 16:56:15    Titel:

Freidenker hat folgendes geschrieben:
Der höhere Gewinn des Zwischenhandels wird also durch die Ausbeutung des Erntehelfers realisiert.


Die polnischen Erntehelfer werden aber nicht ausgebeutet. Sie arbeiten sieben Tage in der Woche, bis zu 15 Stunden am Tag. Ihre Motivation ist hoch - verdienen sie doch als Erntehelfer auf deutschen Höfen bis zum Zehnfachen ihres normalen Monatslohnes.
Freidenker
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 344
Wohnort: Auf´m Sofa

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 17:07:56    Titel:

Sheep schrieb:
Zitat:
Die polnischen Erntehelfer werden aber nicht ausgebeutet. Sie arbeiten sieben Tage in der Woche, bis zu 15 Stunden am Tag. Ihre Motivation ist hoch - verdienen sie doch als Erntehelfer auf deutschen Höfen bis zum Zehnfachen ihres normalen Monatslohnes.
Nur weil man in Polen kein Geld verdienen kann wird die Ausbeutung von Polen auf deutschen Spargelfeldern ja nun nicht besser. Auch wird die Arbeit dadurch nicht leichter.

Wie lange lebt denn ein Mensch der 15 Stunden pro Tag und sieben Tage die Woche arbeitet? 55 Jahre? Und was ist mit den kaputten Bandscheiben nach einigen Jahren? Aber das interessiert den Zwischenhandel hier ja nicht. Wenn der Pole krank ist, sitzt er in Polen im Elend. Braucht OttoMess oder Aldi ja nicht zu bezahlen.
Nicht umsonst haben unsere Gewerktschaften die 40 Stunden-Woche hier durchgesetzt.
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 17:22:16    Titel:

Freidenker hat folgendes geschrieben:
Nur weil man in Polen kein Geld verdienen kann wird die Ausbeutung von Polen auf deutschen Spargelfeldern ja nun nicht besser.


Unsinn, natürlich kann man in Polen Geld verdienen, Polen ist doch kein Entwicklungsland. Die Preise in Polen sind eben niedriger, für die Erntehelfer sind die Löhne mehr als "gerecht". Machst Du Polen nun zum Vorwurf, dass die Preise und Lebenshaltungskosten dort so niedrig sind, oder Deutschland, dass die Preise dort so hoch sind ?

Zitat:
Wie lange lebt denn ein Mensch der 15 Stunden pro Tag und sieben Tage die Woche arbeitet? 55 Jahre?


Der polnische Erntehelfer arbeitet doch nur für die Dauer der Spargelernte so hart. Wenn der Spargel so weit ist, muss er eben aus dem Boden raus, sonst geht seine Qualität und sein Preis runter. Also wird gestochen was das Zeug hält.
Freidenker
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 344
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BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 17:39:39    Titel:

Sheep schrieb:
Zitat:
Unsinn, natürlich kann man in Polen Geld verdienen, Polen ist doch kein Entwicklungsland. Die Preise in Polen sind eben niedriger, für die Erntehelfer sind die Löhne mehr als "gerecht". Machst Du Polen nun zum Vorwurf, dass die Preise und Lebenshaltungskosten dort so niedrig sind, oder Deutschland, dass die Preise dort so hoch sind ?
Die Löhne sind deshalb nicht "gerecht", weil sie vom Ertrag bzw. der Wertschöpfung abgekoppelt sind. Die Erntehelfer machen die Drecksarbeit und Bauer und Zwischenhandel sahnen ab.

Das die Preise und Lebenshaltungskosten in Polen niedriger sind ist richtig. Deshalb können die ja auch erst mit solchen Löhnen leben. Umgekehr, hätten die wie wir Mietpreise von 10€/qm würden sie die Arbeit ähnlich wie der deutsche Arbeitslose vermutlich ablehnen. Nicht weil sie faul wären, sondern weil sie rechnen könnten.

Ob die Lebenskosten hier zu hoch sind und wie man sie senken könnte, ist ein interessanter Punkt, für den man einen eigenen Thread aufmachen könnte.

Zitat:
Der polnische Erntehelfer arbeitet doch nur für die Dauer der Spargelernte so hart. Wenn der Spargel so weit ist, muss er eben aus dem Boden raus, sonst geht seine Qualität und sein Preis runter. Also wird gestochen was das Zeug hält.
Ok, das stimmt nun auch wieder.
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
Wohnort: Europa

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 18:26:48    Titel:

Freidenker hat geschrieben:

Zitat:
In den Medien und leider auch hier im Forum wird der deutsche Arbeitslose des öfteren als faul bezeichnet, wenn er die Unwirtschaftlichkeit der Arbeit als Erntehelfer anprangert und diese Arbeit ablehnen möchte. Das diese Unterstellungen zu kurz gedacht sind will ich im folgenden erläutern.


Das mag auf einige Medien und auf einige Menschen hier im Forum zutreffen. Doch warum denn "des öfteren"? Und warum konsumierst du denn die Medien, die dieses Klischee bedienen? Eine fehlende Konsumentensouveränität oder will die Mehrheit gerade dies hören?

Zitat:
Der Marktpreis für ein Kilo frischen, deutschen Spargel liegt zwischen 5 und 13 Euro.


Den letzten Spargel, denn ich gegessen habe, konnte ich für 0,99 €/kg bei Sky (ich glaube ReWe-Gruppe) kaufen.

Zitat:
Die Dumpinglöhne im Erntebereich sind also keineswegs ökonomische Sachzwänge, sondern niedere Profit- und Ausbeutungsgier von Zwischenhandel und Bauern.


Das bedeutet, dass der Wettbewerb noch nicht stark genug ist. Oder aber, dass er zu stark ist um sich deutsche Arbeiter zu leisten. Oder aber, dass die polnischen Arbeiter einfach produktiver sind.
carabao
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Anmeldungsdatum: 31.12.2005
Beiträge: 104

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 18:29:21    Titel:

Das Problem ist doch vor allem, dass kein Deutscher (mehr) diese Arbeit machen moechte. Viele Bauern wuerden ja Deutsche nehmen, wenn sie welche kriegen wuerden.
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 30 Jan 2006 - 18:50:37    Titel:

Freidenker hat folgendes geschrieben:
Die Löhne sind deshalb nicht "gerecht", weil sie vom Ertrag bzw. der Wertschöpfung abgekoppelt sind. Die Erntehelfer machen die Drecksarbeit und Bauer und Zwischenhandel sahnen ab.


Der Bauer könnte auch die Preise für seinen Spargel senken. Aber offensichtlich gibt es genug Kunden, die den teuren Spargel kaufen. Der Zwischenhändler findet offensichtlich Abnehmer trotz seiner Gewinnmargen. Wenn die Erntehelfer es als "Drecksarbeit" ansehen würden, würden sie gar nicht erst zur Ernte antreten. Aber offensichtlich sind sie sogar mehr als motiviert dazu. Insofern ist es jedem "gerecht", Kunden, Bauern, Zwischenhändler, Erntehelfern.

Ungerecht wird es erst, wenn man Menschen zwingt, zu Löhnen zu arbeiten, die sie als "ungerecht" empfinden, und nicht wenn der Oberlohnbeauftragte Deutschlands es so empfindet. In diesem Sinne verurteile ich jede Gängelung unserer Arbeitslosen seitens des Staates, und jede Drohung mit Kürzung der Sozialleistungen.
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