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Behavioral Economics
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Monnemer
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Anmeldungsdatum: 20.11.2005
Beiträge: 47

BeitragVerfasst am: 13 Feb 2006 - 20:44:58    Titel: Behavioral Economics

Hallo Zusammen,

Es gibt in der VWL die immer stärkere Bewegung, Erkenntnisse aus der Psychologie einfliessen zu lassen. Das Ganze hat seine Wurzeln in etwa 1979 mit der Veröffentlichung der Prospect Theory von Kahneman und Tversky, für die (unter anderem) Kahneman 2001 auch den Nobelpreis erhielt (Tversky hätte ihn wohl auch bekommen, wenn er nicht vorher an Krebs gestorben wäre). Viele weitere renommierte Professoren forschen in diesem Bereich (Akerlof, Rabin, Thaler etc. etc.)
An Deutschen Unis lernt man bisher meistens noch nicht allzu viel über diesen relativ neuen Teilbereich der VWL, der allerdings immer stärker wird, und in dem sich einige der jüngeren deutschen Professoren auch international auszeichnen. Gerade bei älteren Professoren trifft man allerdings häufig auf starke Vorurteile gegenüber behavioral economics und hört schon mal die ein oder andere abfällige Bemerkung in der Vorlesung.

Ich wollte daher mal nach eurer Meinung fragen:

Wo seht Ihr die Zukunft der VWL? Setzen sich Erkenntnisse aus der Psychologie, und somit behavioral economics, stärker durch? Wird die Neurowissenschaft langfristig eine starke Rolle in der VWL spielen, oder ist Neuroeconomics nur eine kurzfristige Modeerscheinung?

Bin gespannt, was ihr dazu so zu sagen habt.
schakiiieee
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Anmeldungsdatum: 07.09.2005
Beiträge: 203

BeitragVerfasst am: 13 Feb 2006 - 22:14:05    Titel:

Hi,

ich les gerade zu dem Thema ein Buch "Influence - The Psychology of persuasion by Cialdini". Der Autor (und ich) sind eigentlich beide der Meinung, dass das Thema Psychologie eine riesen Rolle spielt... Wenn man ein paar Beispiele liest wie man wo manipuliert wird leuchtet wohl jedem ein, dass wer drum weiß schwer im Vorteil ist.

Also meiner Meinung nach keine Mode-Erscheinung sondern eine Richtung, die zweifelsohne eine immer bedeutendere Rolle spielt!

Aber ich lass mich gerne von einem richtigen BWL-er belehren, ich bin ja erst im "Anfangsstadium", falls man es überhaupt schon so nennen darf.

Grüße
schakiiieee
John Bull
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Anmeldungsdatum: 10.02.2006
Beiträge: 30

BeitragVerfasst am: 13 Feb 2006 - 22:37:38    Titel:

Hallo,

ich sehe die Zukunft der VWL in der dynamischen Makro mit Unsicherheit und heterogenen Haushalten, und der Computational Economics, auch in der Mikroökonometrie. Damit könnte man endlich mal was vernünftiges über die Veränderung der Einkommensdynamik im Wachstums(- und Schrumpfungs)prozess sagen.

Psychologie und Neurosciences sind interessant. Vor allem für Marketing/BWL würde ich mir viel davon versprechen. Ich lese als Hobby viel darüber, weil mich der Lifestyle-Fashion Bereich interessiert. Vielleicht könnte man damit auch die Präferenzordnung mit etwas mehr Struktur versehen und teilweise endogenisieren.
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
Wohnort: Europa

BeitragVerfasst am: 13 Feb 2006 - 22:54:21    Titel:

Ja, die Vwl hat verlernt sich als Sozialwissenschaft zu begreifen und ist in der Vergangenheit zu stark in Richtung Mathematik abgedriftet. Dies ist an und für sich nichts schlimmes, doch werden die Aussagen der Wissenschaft relativ unbrauchbar.

Meiner Ansicht nach wird sich dies aber irgendwann wieder umkehren. Ob die Psychologie oder eher die Soziologie da reinspielt vermag ich nicht zu prognostizeren, wünschen tue ich es.

Im Übigen: Das Buch von Cialdini ist wirklich gut! Ich kann es auch jedem empfehlen, der sich etwas für menschliche Entscheidungsfindungsprozesse interessiert, fernab mathematisch-theoretischer Modelle ohne besonders überzeugende Anwendbarkeit auf die Realität.

Mit besten Grüßen
coffeinjunky

ps: Monnemer, hast du ein paar gute Links zu dem Thema?
Monnemer
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Anmeldungsdatum: 20.11.2005
Beiträge: 47

BeitragVerfasst am: 14 Feb 2006 - 08:50:43    Titel:

Hallo coffeinjunky,

soweit ich weiss gibt es noch kein Standardwerk oder so etwas in diesem Bereich. Es wird allerdings sehr viel an Papers publiziert.
Eine gute Einführung ist "Psychology & Economics" im Journal of Economic Perspectives 1998 von Matthew Rabin. (gibts, wie viele andere Papers von Ihm auf seiner Webseite.

http://emlab.berkeley.edu/users/rabin/papers.html

Colin Camerer hat auf seiner Webseite auch zu den Themen behavioral / experimental Economics und Neuroeconomics ein paar einleitende Texte verlinkt. Das gibts auf

http://www.hss.caltech.edu/~camerer/camerer.html

unter Research Background and Details.

Ausserdem ist ein sehr schöner Artikel in Science diesen Januar erschienen, von Camerer und Fehr, der meiner Meinung nach schön aufzeigt, wo Rationalitätsannahmen scheitern müssen.
(When does Economic Man dominate Social Behavior)

http://www.sciencemag.org/cgi/content/full/311/5757/47


Für einige der Links brauchst du wahrscheinlich Uni-IP's, sonst habt ihr keinen Zugriff.

Das wahr jetzt natürlich nur eine kleine Auswahl, insbesondere von Themen die mich interessieren. Falls du genauer sagen könntest, welche Bereiche in der VWL dich hier interessieren, kann ich dir vielleicht auch andere Quellen empfehlen.

Viele Grüsse

Monnemer
Mango
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Anmeldungsdatum: 04.12.2004
Beiträge: 1168

BeitragVerfasst am: 14 Feb 2006 - 11:34:00    Titel:

Hmmm, dann will ich auch mal ein bischen dazusenfen...

Zunächst drängt sich natürlich die Frage auf, was man unter vwl verstehen will. Für mich ists (natürlich sehr stark vereinfacht) die Lehre vom rationalen Handeln der Individuen.

Dabei muss völlig klar sein, dass der Mensch sich nicht immer nach diesem homo oeconomicus-leitbild verhält. Allerdings bedeutet das in meinen Augen nicht, dass man sich deshalb von der Annahme des rationalen Handelns verabschieden sollte. Im Gegenteil: mit Soziologen, Psychologen und was es sonst noch alles gibt haben wir wahrlich genug Wissenschaften, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen. Und mit irrationalem Handeln kennen die sich einfach besser aus, weil das die Basis ihrer Wissenschaft ist!

Für die meisten Phänomene, die ein Volkswirt untersucht (oft im Aggregat) ist die Annahme von Rationalität zutreffend und sinnvoll. Natürlich gibt es andere, wo das nicht zwangsläufig der Fall ist, da muss man eben aufpassen. Und wie gesagt, es spricht nichts dagegen, auch Fachübergreifend zusammenzuarbeiten mit Psychologen, Soziologen, oder auch Biologen und Physikern (sollte man nicht unterschätzen).

Ich sehe halt die Gefahr, dass man es sich zu einfach macht, nach dem Motto, ok, mit meinem Modell der Rationalität kann ich das Verhalten nicht erklären, also müssen die Leute sich eben irrational verhalten.

Also, es gibt diese Phänomene ohne Zweifel, aber das ist kein Grund, die Klassische vwl als sinnlos oder theoretische Spinnerei abzutun (was keiner hier tut).
coffeinjunky
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Anmeldungsdatum: 27.07.2005
Beiträge: 3783
Wohnort: Europa

BeitragVerfasst am: 14 Feb 2006 - 23:58:39    Titel:

Mango hat folgendes geschrieben:
Dabei muss völlig klar sein, dass der Mensch sich nicht immer nach diesem homo oeconomicus-leitbild verhält. Allerdings bedeutet das in meinen Augen nicht, dass man sich deshalb von der Annahme des rationalen Handelns verabschieden sollte. Im Gegenteil: mit Soziologen, Psychologen und was es sonst noch alles gibt haben wir wahrlich genug Wissenschaften, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen. Und mit irrationalem Handeln kennen die sich einfach besser aus, weil das die Basis ihrer Wissenschaft ist!


Das sehe ich nicht so. Die Soziologie und die Psychologie haben auch Elemente rationalen Handelns. Nur sie würden sich niemals darauf beschränken. Wenn eine Wissenschaft versucht die Welt zu erklären (und dies ist für mich der Anspruch an eine Wissenschaft), dann sollte sich die Forschung auch an der Welt orientieren.

Mango hat folgendes geschrieben:
Für die meisten Phänomene, die ein Volkswirt untersucht (oft im Aggregat) ist die Annahme von Rationalität zutreffend und sinnvoll.


Gerade das Aggregat aber ist das Problem. Stell dir mal vor, was passieren würde, wenn man makroökonomische Gesetzmäßigkeiten nicht mehr als Summe aller Einzelverhaltensweisen darstellen kann. Anders ausgedrückt: wenn ich auf mikroökonomischer Ebene verstehe, wie Menschen (meinetwegen rational) handeln, so bedeutet dies eben nicht, dass ich damit zwangsläufig makroökonomische Gesetzmäßigkeiten herleiten kann. Man denke an das Paradoxon der Sparsamkeit oder an die Problematiken der doch sehr realitätsnahen "bounded rationality". Vergleiche dies mal mit der Physik. Man kann zwar ganz viele Teilchen rumschwirren sehen wie sie aneinander stoßen und Energie austauschen, doch damit kann man nicht erklären, warum das große Ganze so ist wie es ist.

Mango hat folgendes geschrieben:
Ich sehe halt die Gefahr, dass man es sich zu einfach macht, nach dem Motto, ok, mit meinem Modell der Rationalität kann ich das Verhalten nicht erklären, also müssen die Leute sich eben irrational verhalten.


Das sehe ich auch so. Aber ich sehe auch, dass sehr viele Menschen ihre ganzen Annahmen irgendwann als Naturgesetz ansehen. Ich erinnere mich da an so eine "smoothe" Diskussion. Ein weiteres Problem ist auch, dass die Vwl so viel gehör hat und von Scharlatanen für ideologische Zwecke mißbraucht wird.
Monnemer
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Anmeldungsdatum: 20.11.2005
Beiträge: 47

BeitragVerfasst am: 15 Feb 2006 - 10:05:05    Titel:

Ich bin auch der Meinung, dass die VWL es sich lange Zeit zu leicht gemacht, und auf dem Argument "im Aggregat gleichen sich die Irrationalitäten ja aus" ausgeruht hat. Denn es war ja auch sehr praktisch, schliesslich konnte man unter dem Paradigma der strikten Rationalität eindeutige Gleichgewichte finden.
Allerdings gibt es, meiner Meinung nach, eine Reihe von Märkten, auf denen Entscheidungen Einzelner eindeutig nur in eine Richtung "gebiased" sein könnten. Das Sparverhalten (hyperbolic discounting) ist da nur ein Beispiel. Auch das Equity Premium am Aktienmarkt, und ich denke auch der Arbeitsmarkt unterliegen nicht zwingend den Markträumungsbedingungen, die sich aus der traditionellen Makro, oder Arbeitsmarktökonomik, ergeben.
Und da es der Anspruch der VWL ist, Handlungsempfehlungen an die Wirtschaftspolitik, aber auch für das Entscheidungs (Spar-) Verhalten Einzelner zu geben, wäre es fatal, wenn wir mit grundlegenden Annahmen daneben liegen.
John Bull
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Anmeldungsdatum: 10.02.2006
Beiträge: 30

BeitragVerfasst am: 15 Feb 2006 - 11:42:05    Titel:

Ich glaube, die Aussagekraft der VWL auf der Basis rational agierender Agenten wird stark überschätzt. Es ist eben nicht so, dass strikte Rationalität eindeutige Gleichgewichte garantiert, überhaupt nicht, weder auf individueller Basis noch im Aggregat. Dazu kommt noch die Strukturlosigkeit (Mantel, Sonnenschein et al. ). Viele Kritiker der reinen Lehre haben das Gleichgewichtsmodell leider nicht verstanden und können deshalb - auch wenn sie einen guten Punkt haben - leicht zerrissen werden.
Mango
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Anmeldungsdatum: 04.12.2004
Beiträge: 1168

BeitragVerfasst am: 15 Feb 2006 - 12:02:18    Titel:

zunächst @coffeinjunky:
Die Frage ist einfach, womit will und soll sich ein VWLer beschäftigen. Soll er nicht vielleicht ZUNÄCHST versuchen, rationales Handeln gut analysieren zu können (und davon sind wir noch weit, sehr weit entfernt, worin sind sich vwler schon wirklich objektiv einig...), bevor man sich in noch unsichere Gefilde begibt? Und wäre es nicht effizienter, sich in der vwl zu einem großteil auf rationales Handeln zu beschränken (das ja nun auf der anderen Seite nicht VÖLLIG unsinnig ist, denn in großem und ganzen können wir doch viel erklären), und falls wir in Gebieten arbeiten, wo auch irrationales Handeln eine Rolle spielt, mit den entsprechenden Experten (Soziologen, Psychologen) zusammenzuarbeiten?
Ein Arzt hat auch nur Grundwissen in Chemie Physik etc, und wenn er in einem entsprechenden Gebiet einen Fall hat, dann kontaktiert er einen entsprechenden Experten und arbeitet mit diesem zusammen.

Vielleicht müssen wir uns zunächst mal klar, werden, was wir unter irrational verstehen (meine Argumentation mit der Aggregation war in der Tat allerdings nicht optimal).
Beispiel Arbeitsmarkt: nur weil wir beim Arbeitsmarkt keine Markträumung beobachten heißt das nicht, dass die Leute sich irrational verhalten oder irgendetwas "seltsames" geschieht. Arbeitslosigkeit dürfte durch eine Art "Mindestlöhne" entstehen (egal ob durch die Durchsetzung hoher Löhne durch Gewerkschaften, Sozialhilfe etc oder konventionelle Mindestlöhne) oder dadurch, dass der Arbeitsmarkt an sich unvollkommen ist (Arbeiter sind ebenso heterogen wie die Anforderungen für Arbeitsplätze, weshalb sich nicht zwangsläufig passende Arbeiter und Arbeitgeber mit Freien stellen finden, was auch die Koexistenz von Arbeitslosen UND freien Stellen erklärt). Ich empfehle dazu "equilibrium unemployment theory" von Pissarides Wink
Es ist völlig rational, sich arbeitslos zu melden, falls die eigene Produktivität unterhalb des Sozialhilfeniveaus liegt, und es ist ebenso rational, dass Unternehmen dann keine solchen Stellen anbieten.
Wie erwähnt müssen wir aufpassen, dass wir nicht aus "bequemlichkeit" einfach "aufgeben" und sagen, die MEnschen würden sich irrational verhalten, nur weil wir mit einem einfachen, alten Modell nicht weiter kommen.
Ähnlich ists mit Equity Premium + Co... ich war vor ein paar Wochen in einem sehr interessanten Seminar zum Thema Asset Pricing Puzzles, wo zum einen konventionelle und zum anderen auch behavioral-Ansätze herangezogen wurden. In praktisch allen Fällen war es so, dass man (auch beim Equity Premium Puzzle) zumindest Teilweise das Verhalten über "konventionelle" Modelle und Ansätze erklären konnte, wohingegen die behavioral-ansätze kaum überzeugen konnten.
Oder Beispiel Sparverhalten. Ich nehm mal ein extrembeispiel, die permanente-Einkommenshypothese von Friedman, wonach rationale Individuen schon ihr gesamtes Lebenseinkommen berechnen und dann ihren Konsumstrom übers ganze Leben glätten.
Natürlich sehen wir das nicht bzw. ist keine realistische Annahme. Die Frage ist nur: ist sie nicht zutreffend, weil die Menschen irrational sind? Oder ist sie nicht zutreffend, weil wir keine vollkommenen Kreditmärkte haben, unsicherheit bezüglich zukünftiger Einkommen (bei risikoaversen individuen) sowie andere Effekte (wie Sozialsysteme etc) haben?

Ich denke mit letzterem kann man den größten Teil der "Abweichungen" erklären. Und was ist mit dem Rest? Ist das zwangsläufig Irrationalität, oder hat man einfach vergessen, "klassische" Faktoren mit einzubeziehen bzw. hat noch keiner über sie nachgedacht?
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