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Anarcho-Kapitalismus, eine Illusion ?
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Foren-Übersicht -> Politik-Forum -> Anarcho-Kapitalismus, eine Illusion ?
 
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Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 05 März 2006 - 00:40:07    Titel:

Sheep hat geschrieben:

Zitat:
Freier Markt funktioniert nur unter rechtlichen Rahmenbedingungen. Freier Markt hat nichts mit - wie Du wohl glaubst - "Anarchismus" zu tun.


Ist der zum Beispiel von Hans-Hermann Hoppe vertretene Anarcho-Kapitalismus eine Illusion?

(„Demokratie. Der Gott, der keiner ist. Monarchie, Demokratie und natürliche Ordnung.“, Hans-Hermann Hoppe, Waltrop und Leipzig 2003.)
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 05 März 2006 - 02:01:50    Titel:

Dirk Nerge hat folgendes geschrieben:
Ist der zum Beispiel von Hans-Hermann Hoppe vertretene Anarcho-Kapitalismus eine Illusion?



Meiner Meinung nach macht Hoppe den gleichen Fehler, wie die Sozialisten. Er macht aus einer Wirtschaftsordnung eine Gesellschaftsordnung. Wäre der Sozialismus nur eine Wirtschaftsordnung geblieben, wäre er einfach nur schlecht. Stülpt man ihn aber über die Gesellschaft, wird er brutal und totalitär. Der Kapitalismus als Gesellschaftsordnung benötigt ebenso einen "kapitalistischen Menschen", der immer nur ethisch und moralisch handelt und in einer zwanglosen, freiwillig organisierten Vertrags-Gesellschaft integriert ist. Die Gewalt kann hier zwar nicht mehr vom Staat ausgehen, um den Menschen "anzupassen", aber sehr wohl von den Siedlern in den Vertragsgemeinschaften.
Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 05 März 2006 - 02:46:54    Titel:

Wäre eine Durch-Kommerzialisierung bzw. Durch-Kapitalisierung der Gesellschaft nicht sinnvoller, als auf die Prinzipien eines „Rheinischen Kapitalismus“ mit seinem Korporatismus („Kölner Schule“) zu setzen, der ohnehin den eigentlichen Ordo-Liberalismus („Freiburger Schule“) verdrängt hat bzw. wird nicht immer auch vom Ordo-Liberalismus eine Überbetonung staatlicher Einflüsse ausgehen? Oder frage ich so: ist ein kommerzieller Rechtsrahmen unmöglich, weil er gegen christliche Moralvorstellungen verstößt?
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 05 März 2006 - 09:33:02    Titel:

Dirk Nerge hat folgendes geschrieben:
Oder frage ich so: ist ein kommerzieller Rechtsrahmen unmöglich, weil er gegen christliche Moralvorstellungen verstößt?


Sicher nicht, ich sehe auch weniger moralische Bedenken, als vielmehr technische Probleme. Ist der Methodentransfer von der Wirtschaftswissenschaft zur Gesellschaftsphilosophie alleine dadurch erlaubt, weil beide Wissenschaften sich auf ein gemeinsames Menschenbild stützen ? Sind unsere Probleme wirklich alle wirtschaftlicher Natur, und Eigentumsfragen ?

Der Methodentransfer zur Ordnung des Strafrechts würde lediglich die Entschädigung des Opfers beinhalten. Wie will man die Sicherungsverwahrung begründen ? Ein Täter könnte, sofern er begütert genug ist, Straftaten begehen, solange es sein Geldbeutel erlaubt.
Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 06 März 2006 - 09:03:57    Titel:

@sheep

Vom marktwirtschaftlichen Handeln geht eine anonyme Autorität aus, die durch eine stets wiederkehrende Interaktion die Handelspartner zur Mäßigung veranlasst. Je fortgeschrittener die Marktwirtschaft, desto weniger Kapitalverbrechen. Das zeigen jedenfalls Statistiken. Vielleicht werde ich mich noch heute näher zum Thema äußern. Weshalb wurde meine Anarcho-Kapitalismus-Frage (ursprünglich im Thread: „Kapitalismus von unten“) übigens zum eigenständigen Thread erhoben?
Sheep
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Anmeldungsdatum: 14.06.2005
Beiträge: 972

BeitragVerfasst am: 06 März 2006 - 12:03:47    Titel:

Dirk Nerge hat folgendes geschrieben:
@sheep

Vom marktwirtschaftlichen Handeln geht eine anonyme Autorität aus, die durch eine stets wiederkehrende Interaktion die Handelspartner zur Mäßigung veranlasst. Je fortgeschrittener die Marktwirtschaft, desto weniger Kapitalverbrechen. Das zeigen jedenfalls Statistiken. Vielleicht werde ich mich noch heute näher zum Thema äußern.


Ich bin sehr interessiert daran.

Zitat:
Weshalb wurde meine Anarcho-Kapitalismus-Frage (ursprünglich im Thread: „Kapitalismus von unten“) übigens zum eigenständigen Thread erhoben?


Meine Schuld. Ich wollte die Diskussionsstränge aufteilen, in die libertäre und klassisch liberale Sichtweise.
Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 06 März 2006 - 19:05:01    Titel:

Der Kapitalismus hat erst an der Oberfläche gestreichelt

Wenn also die Ausweitung des Handels mit materiellen Gütern zu einem Rückgang von Kapitalverbrechen geführt hat, was wird dann bei der Entfaltung von immateriellen Gütern der Fall sein?

Bislang wurden in den Wirtschaftswissenschaften menschliche Verhaltensweisen unter dem Aspekt des Homo Oeconomicus, dem rational handelnden Menschen betrachtet. Bei zunehmenden Marktsättigungserscheinungen relativiert sich das Bild vom rationalen Menschen, indem die ökonomische Relevanz von Emotionen an Gewichtung gewinnt. Wurden Emotionen zuvor unterdrückt, werden sie nun zunehmend nach außen getragen. Gleichzeitig entwickelt sich ein verstärktes „Nach-Innen-Schauen“ des Individuums, um u.a. Lust am vermeintlich Irrationalen und Absurden zu empfinden. Zwischen der individuellen Innenwelt (Mikrokosmos) und seiner Außenwelt (Makrokosmos) findet ein sich erweiternder, nicht nur an materiellen Gütern gebundener Austausch statt: du gibst mir, ich gebe dir. Das klingt nicht neu, ist aber angesichts der immateriellen und spontanen Basis, die außerhalb ideologischer Kontrolle liegt, historisch einmalig. Denn die Bindung an einengenden Kulturwerten verwässert sich, ebenso wie sich der Homo oeconomicus verwässert: die Abhängigkeit von der Gemeinschaft bildet nicht mehr allein die Produktion und Konsumtion materieller Güter. Und um emotional überleben zu können, muss er in die kommerzielle Interaktion mit seinen Mitmenschen treten.

So werden Menschen aber auch zu Händlern von Emotionen, d.h. von Übersinnlichem, Irrationalem, Absurdem, Träumen, Fantasien etc., Begriffe, die wie der Rationalismus andere Bedeutungen und Wirkungen erfahren werden. Der zum Händler immaterieller Güter gewordene Mensch beschleunigt das technologische Know How . Die individuellen Verwirklichungschancen erhöhen sich auf große Teile der Bevölkerung.

Beispiele obiger Entwicklung hatte ich bereits in anderen Threads dieses Forums angedeutet, ich füge noch „Open-Source“ hinzu. Bewegungen zu einer (kommerziellen) Demokratisierung, der ungeahnte Effizienzen immanent sein werden, sind erkennbar. Der Mensch wird insgesamt aktiver und ein Abbau der Kriminalität erscheint möglich.

Ob aus diesen Bewegungen eine grundlegende Tendenz wird, hängt auch davon ab, wie der Staat auf die Bedingungen der Globalisierung reagieren wird. Eine Gesellschaft ganz ohne Staat kann ich mir noch nicht vorstellen. Fraglich ist auch, ob eine Gesellschaft ohne Staat wünschenswert wäre, ob der Staat tatsächlich ein „notwendiges Übel“ ist oder von ihm doch soziale und ökonomische Innovationen ausgehen können. Aber natürlich sollte über alle möglichen Alternativen diskutiert werden, selbst wenn sie noch so „irrational“ erscheinen. Eines dürfte aber gewiss sein: der Kapitalismus hat bisher nur an der Oberfläche gestreichelt und die Chancen überwiegen vor den Risiken.
Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 15 März 2006 - 00:36:54    Titel:

@Sheep

War wohl doch nicht so interessant. Aber der liberal-rationale Staatsgedanke gehört genauso der Vergangenheit an, wie sämtliche bislang bekannten Kollektivismen. Dennoch ist mir der liberal-rationale Staatsgedanke näher, als der auf Konservatismen und Sozialismen beruhende Staat. Mit dem Anarcho-Kapitalismus, jedenfalls in bisheriger Auslegung, kann ich ebenso nichts anfangen.
Pauker
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
Beiträge: 7831
Wohnort: Schwäbisch Hall

BeitragVerfasst am: 04 Apr 2006 - 11:18:36    Titel:

So wie ich den Anarchokapitalismus verstanden habe geht er von einem Menschenbild aus, dass alle Menschen selbstbestimmt, gleichgewichtig nebeneinander stehen und Verträge unter gleichen schließen.
Das ist angesichts von Herrschaftsverhältnissen (auch über bereits vorher angehäuftes Kapital) nicht realistisch.

Welche Freiheit hat ein schlecht ausgebildeter (weil er sich eine private Schule nicht leisten kann) Arbeitnehmer gegenüber einem Arbeitgeber, der ihm einen 10 Cent-Job anbietet? Tritt da Gleicher gegen Gleichen an? Die Situation wird noch schlimmer, wenn es viele Ungelernte gibt.

Welche Freiheit hat ein schwach intelligenter Mensch, wenn er sich in seiner Freiheit vom intelligenten aber skrupellosen Mitmenschen Knebelverträge aufschwätzen lässt?

Welche Freiheit habe ich als Verbraucher, wenn mir Zeit und Wissen fehlen, um wirklich beurteilen zu können, ob die Produkte, die mir ein großes Unternehmen als Nahrungsmittel verkauft, in Wahrheit nur geschmacksverstärkter Müll sind?

Wir sollten uns mal an die frühkapitalistischen Zeiten des 19. Jhd. zurück erinnern. Eine staatlich kaum gebändigte Marktwirtschaft mit Kinderarbeit (ja auch Kinder haben die Freiheit zu arbeiten :/), keiner Absicherung gegen Alter, Arbeitslosigkeit und Krankheit und einer Massenverelendung.

Besserung gab es doch erst durch die aufkommende Sozialdemokratie und die Einführung von Sozialversicherungen durch Bismarck. (also Staat)

Gruß
Pauker
Dirk Nerge
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Anmeldungsdatum: 06.12.2005
Beiträge: 323

BeitragVerfasst am: 04 Apr 2006 - 13:16:43    Titel:

Pauker hat geschrieben:

Zitat:
Wir sollten uns mal an die frühkapitalistischen Zeiten des 19. Jhd. zurück erinnern. Eine staatlich kaum gebändigte Marktwirtschaft mit Kinderarbeit (ja auch Kinder haben die Freiheit zu arbeiten :/), keiner Absicherung gegen Alter, Arbeitslosigkeit und Krankheit und einer Massenverelendung.


Es hat im 19. Jahrhundert durch die industrielle Produktionsweise quasi ein sozialer Quantensprung stattgefunden, der gewiss einen großen Teil der Bevölkerung nur mäßig von feudalen Denk- und Verhaltensweisen befreien konnte. Aber wo liegt hier die Ursache der Massenarmut des 19. Jahrhunderts: etwa im angeblich ungezügelten Kapitalismus oder vielmehr in den feudalen Denk- und Verhaltensweisen der Unfreiheit?

Letztere haben zwar an Bedeutung eingebüßt, sind aber insbesondere in den Köpfen durch den Glaube an die Relevanz des Produktionsfaktors Boden noch gegenwärtig. Das verfestigt wiederum den Glaube, dass Ökonomie an einen festen Ort gebunden sei und jede Bewegung, die diesen festen, bodenständigen Ort verlässt, die materielle Basis des Einzelnen gefährde. Hierin sind nach wie vor feudal-typische Denk- und Verhaltensweisen zu erkennen, die zudem durch die Politik gestützt oder sogar angeboten wurden und werden. Inwieweit dieser Vorgang zu einer politischen Abhängigkeit der Gesellschaftsmitglieder führt, möge jeder selber beurteilen.
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