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Jura = Ansichtssache?
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lisbeth
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Anmeldungsdatum: 15.04.2006
Beiträge: 2016

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 13:56:38    Titel: Jura = Ansichtssache?

Hallo,



mir ist als Außenstehende letztens eine Frage gekommen, als ich Einschätzungen über ein und die selbe Sache aus der Sichtweise mehrerer Juristen gehört und gelesen habe (war zu einem recht komplexen Fall).

Endeffekt war, dass es mehrere recht unterschiedliche Einschätzungen gab, wer aufgrund welcher Tatsachen sich in welcher Weise auch immer schuldig gemacht hätte und worauf das Urteil wohl rauslaufen würde.

Seltsamerweise waren auch Argumente, die auf den ersten Blick für Außenstehende als eindeutig schienen plötzlich wertlos. Andere wiederum, die völlig an den Haaren herbeigezogen schienen und wirklich niemand anfangs dran gedacht, zumal diese mit Sicherheit auch nicht Gegenstand der ursprünglichen Motivation gewesen hatte sind, plötzlich die ausschlaggebenden Punkte.



Ist das normal?


Normalerweise sollte man doch erwarten, dass man durch Gesetzestexte recht gut definieren und belegen kann, was Recht und was Unrecht ist.

Andernfalls würde das ja dann auch fast heißen, dass bei der Rechtssprechung einzig und alleine wichtig wäre, wer den Anwalt mit den meisten Argumenten hat.


Wie seht ihr das?
Marina85
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Anmeldungsdatum: 22.06.2005
Beiträge: 4764
Wohnort: Aachen

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 14:03:21    Titel:

Jura ist eine umstrittene Sache, v.a. Strafrecht. Und da du oben von "schuldig machen" geschrieben hast, denke ich mal, dass es in deinem Fall um Strafrecht ging.

Es gilt zwar das Gesetzlichkeitsprinzip, d.h. keine Strafe ohne Gesetz. Aber das Gesetz ist auslegungsbedürftig, d.h. es steht was drin ("Wortlaut"), den man aber verschieden deuten kann und so gibt es zu bestimmten Streitfragen viele unterschiedliche Meinungen und so kommen auch unterschiedliche Ergebnisse zustande. Das ist ja das Hauptsächliche am Jurastudium, dass man die vielen verschiedenen Meinungen zu den ganzen Streitfragen kennengelernt. Man muss ja nicht einfache, unproblematische Fälle lösen, sondern umstrittene, in denen man letztlich einer bestimmten Meinung folgt.

Allerdings hält man sich wohl in der Praxis daran, wie der BGH es macht. Sonst wäre das ja eine Ungleichbehandlung. (Der kann seine Meinung aber natürlich auch ändern.)
skylaw
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Anmeldungsdatum: 11.08.2006
Beiträge: 4

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 15:43:00    Titel:

Stimmt, stimmt.
In der Regel gibt es in der Lehre 100 Ansichten,
die Rechtssprechung vertritt aber zwecks Rechtssicherheit Jahre, Jahrzehnte lang die selbe ansicht.

Für Dich als Student bedeutet das:
In der Fallbearbeitung kannst du dich mit guten Argumenten für genau DIE Ansicht entscheiden, die dir am besten passt.
mcmahon
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Anmeldungsdatum: 25.03.2006
Beiträge: 95

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 16:10:42    Titel:

ein problem,

zwei juristen,

drei meinungen!


aber, wenn alles im gesetz wasserdicht def. wäre, dann wärs doch arg langweilig und letztlich bräuchte man uns rechtsverdreher dann auch gar nicht mehr, oder??? Very Happy Very Happy Very Happy
Recht komisch
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Anmeldungsdatum: 22.07.2005
Beiträge: 1956
Wohnort: Ruhrgebiet

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 16:57:01    Titel:

Ein Gesetz ist notwendig abstrakt und beabsichtigt die Regelung einer unbegrenzten Vielzahl von Einzelfällen - dementsprechend ist die Anzahl von Grenzfällen, die so erheblich vom Normalfall abweichen, den der Gesetzgeber im Auge hatte, daß die Anwendbarkeit des Gesetzes fraglich wird, im Prinzip auch unbegrenzt groß.
hani125
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Anmeldungsdatum: 24.01.2006
Beiträge: 1205
Wohnort: Köln

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 20:32:40    Titel:

Naja ganz so schlimm ist es auch nicht.

Es mag vielleicht so sein, daß es keinen Gesetzeswortlaut gibt, der nicht verschieden ausgelegt werden kann, aber es gibt auch unter Juristen bestimmte Begriffe, die einheitlich ausgelegt werden.

Wenn jemand jemand anders mit einer Axt einen Kopf kürzer macht, gibt es doch sehr wenige Juristen, die nicht mindestens mal Bejahen, daß jedenfalls der Tot eines Menschen im Sinne des §212 verursacht worden ist.

Es gibt natürlich gar nicht mal so selten Fälle, die sehr komplex und umstritten sind, in denen die besseren Argumente den Ausschlag geben.

Sowohl mag es sein, daß es "die" Wahrheit gar nicht gibt, aber es verblüfft doch hin und wieder warum sich bestimmte Wahrheiten nicht im Gericht durchsetzen. (Obowhl ich konstantieren muß, daß es öfters mein Standpunkt in Klausuren ist, der sich nicht mit Standpunkt des Bearbeiters deckt)


Zuletzt bearbeitet von hani125 am 12 Aug 2006 - 20:41:53, insgesamt einmal bearbeitet
skylaw
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Anmeldungsdatum: 11.08.2006
Beiträge: 4

BeitragVerfasst am: 12 Aug 2006 - 20:40:36    Titel:

Dazu empfehle ich Kelsen´s "Was ist Gerechtigkeit".
StR-Tobi
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Anmeldungsdatum: 10.08.2006
Beiträge: 2686

BeitragVerfasst am: 17 Aug 2006 - 15:45:04    Titel:

Marina85 hat folgendes geschrieben:
Allerdings hält man sich wohl in der Praxis daran, wie der BGH es macht. Sonst wäre das ja eine Ungleichbehandlung. (Der kann seine Meinung aber natürlich auch ändern.)

Alles andere wäre schon nach dem Wortsinn unpraktikabel. Denn eine gefestigte Rechtssprechung ändert sich nur, wenn die neue Lösung mit bombastischen Argumenten daherkommt. Und an dem schönen Streit "Mord Qualifikation oder eigenständiges Delikt?" sieht man anschaulich, dass selbst das manchmal nicht reicht. Wink

hani125 hat folgendes geschrieben:
Wenn jemand jemand anders mit einer Axt einen Kopf kürzer macht, gibt es doch sehr wenige Juristen, die nicht mindestens mal Bejahen, daß jedenfalls der Tot eines Menschen im Sinne des §212 verursacht worden ist.

Polemisch? Wink Wenn ich mir anhöre, dass es Professoren (namentlich Herzberg) gibt, die "Tier = Sache iSd Strafrechts" kategorisch verneinen, dann stelle ich fest: Im StR ist nur unumstritten, dass alles umstritten ist. Aber das ist halt wirklich unser Job. Mit Pedanz und Geschick die Gegenseite mürbe machen... Laughing
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