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Vorlesung Jens Reich

31.05.2005 - (idw) Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Akademievorlesungen im Sommersemester 2005
Die Mathematisierung der Natur

2. Juni 2005, 18.30 Uhr
Jens Reich
Mathematisierung des Lebens?

Einführung und Moderation: Jochen Brüning
Ort: Einstein-Saal im Akademiegebäude
Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin

Die Physik als Wissenschaft wird in der Sprache der Mathematik geschrieben. Die Chemie bedient sich in ihren molekularen Grundlagen und bei der Anwendung auf komplexe Systeme der Mathematik als Medium exakter Beschreibung. Alle Wissenschaft unbelebter Systeme und ihrer technischen Anwendung in der Wirtschaft sind angewiesen auf Informatik und Computerwissenschaft, deren Grundlegung ebenfalls von der Mathematik geliefert wird.

Und die Biologie? Ist sie auf einem verspäteten Pfad vollständiger Mathematisierung? Läßt sich die komplexe Vielfalt biologischer Objekte und Systeme auf die exakte Sprache des mathematischen Kalküls zurückführen?

Betrachtet man die methodischen Grundlagen von Mathematik und Biologie, so könnten beide Disziplinen nicht ferner voneinander sein. Hier, in der Mathematik, regiert die genaue Definition der Begriffe, die systematische Darstellung von gesetzmäßigen Relationen, das deduktive Vorgehen, das aus Begriffen und in axiomatischen Strukturen festgelegten Grundlagensätzen dasjenige abzuleiten sucht, was in ihnen implizit vorhanden ist. Die Winkelsumme im Dreieck ist nicht vermessen, sondern aus den Euklidischen Begriffen und Axiomen der Geometrie der Ebene streng analytisch abgeleitet. Dort, in der Biologie, ist das methodische Rüstzeug ganz anders: Begriffe (wie der Artbegriff) werden zwar festgelegt, aber stets seine Ausnahmen, seine Grenzen und Unsicherheiten mitgedacht. Erkenntnis wird nicht analytisch, sondern induktiv gewonnen, durch Sammeln von Beispielen. Ein biologischer Beweis ist etwas ganz anderes als in der mathematischen Wissenschaft - er steht der plausiblen Regelbildung näher als der gesetzmäßigen Strenge. Aus allem folgt, daß Biologie schon in ihren Grundlagen nicht die exakte Wissenschaft sein kann, wie die Physik und die Chemie es anstreben. Aber die Praxis? Nimmt die Rolle der Mathematik nicht stetig zu im Zeitalter der Erforschung von Zehntausenden von Genen und Proteinsorten, von genetischen und Stoffwechselstudien an Milliarden von Individuen einer Population, von Datenlawinen durch automatisierte physikochemische Analytik des Lebendigen, wird ihre Stellung nicht ständig wichtiger, ist sie von der Magd, vom Anhängsel, nicht weithin bereits zur strategischen Position aufgerückt?

Es ist in der Tat ein Paradox. Sie passen nicht zueinander, und doch verflechten sie sich immer intensiver. Die Spannung zwischen hochgeladenem Anspruch und schwieriger Verwirklichung ist das eigentlich kreative Potential der konfliktreichen Ehe von Mathematik und Biologie.

Jens Reich ist Universitätsprofessor für Bioinformatik und Bioinformatiker am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin.

Nächster Termin:


9. Juni 2005, 18.30 Uhr:
Jochen Brüning, Professor für Mathematik, Lehrstuhl für Geometrische Analysis an der Humboldt-Universität zu Berlin
Hypotheses non fingo. Über Freiheit und Notwendigkeit in der Mathematik

Der Eintritt ist frei.
Wir laden Sie sehr herzlich zum Besuch der Vorlesungen und zur Berichterstattung ein.
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Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Presse-und Öffentlichkeitsarbeit, Gisela Lerch, Tel: 030/20370 657, Fax: 030/20370 366, email: glerch@bbaw.de

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