Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenFreitag, 29. August 2014 

Getreten von zwei Millionen Füßen: Weltjugendtag bedeutet auch für den Boden immensen Stress

01.06.2005 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Vor 20 Jahren erinnerte das Marienfeld bei Kerpen an eine Mondlandschaft. Seit 1986 wird das ehemalige Tagebaugebiet rekultiviert, gilt aber immer noch als besonders empfindlich. Wenn Papst Benedikt XVI. am 21. August auf dem Marienfeld die Abschlussmesse zum Weltjugendtag hält, werden knapp eine Million Paar Füße das Erdreich malträtieren. Ein Bodenkundler der Universität Bonn untersucht den Zustand des Geländes vor und nach dem Weltjugendtag. Ziel ist es, zu verhindern, dass die Aufbauarbeit von zwei Jahrzehnten binnen zwei Tagen zunichte gemacht wird. Mit wuchtigen Schlägen rammt Johannes Botschek die gut einen Meter lange Stahlröhre in den Boden. Er legt den großen Plastikhammer ins Gras, hakt einen dünnen Hebel in die Röhre ein und dreht sie damit einmal um die eigene Achse. Dann zieht er sie sanft aus dem Erdreich. Übrig bleibt ein kleines Loch, kaum dicker als zwei Daumen. Die ausgestanzte Erdwurst steckt nun in der Stahlröhre. Gleich geht sie ins Labor, wird in drei Teilwürste zerschnitten, gewogen, getrocknet und wieder gewogen. Und dann weiß Botschek, wie feucht der Boden an der Stelle, wo nun das Loch ist, in verschiedenen Tiefen war.

"Wer gefragt wird, worauf man bei der Planung des Weltjugendtags so alles achten muss, nennt vielleicht noch die Tausenden von Klohäuschen, die aufzustellen sind", sagt der Bodenkundler. "Was es bei falscher Planung für den Boden bedeuten kann, wenn mehr als 900.000 Menschen auf ihm herumtrampeln, daran denken wohl die Wenigsten." Er zerreibt nachdenklich ein Krümelchen Erdreich zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Es fühlt sich schmierig an - Indiz dafür, dass der Krümel aus extrem feinen Körnchen besteht. Wer weiß, wie's geht, kann allein mit seinen Fingerkuppen viel über den Boden erfahren.

920.000 Pilger erwarten die Organisatoren des Weltjugendtags zur Abschlussveranstaltung am 20. und 21. August, vielleicht werden es auch mehr: Schließlich wird Papst Benedikt XVI. die Messe halten, das könnte für einen zusätzlichen Schwung deutscher Besucher sorgen. Veranstaltungsort ist ein ehemaliges Tagebaugelände in der Nähe von Kerpen, das so genannte Marienfeld. "Vor 20 Jahren hat man die Fläche zugeschüttet und abschließend mit einem Meter Löss bedeckt", erzählt Botschek.

Rund 200 Hektar werden dort momentan für den Tag X präpariert: 50 Kilometer Vliesgewebe hat die verantwortliche Baufirma auslegen und mit einer 30 Zentimeter hohen Schicht aus Lava-Schlacke bestreuen lassen. Über diese schachbrettartig angelegten Wege rollen nun die Bauwagen. Die Schlacke soll den Druck besser verteilen und verhindern, dass der Boden zu sehr verdichtet. "Das Gelände ist noch immer empfindlich", erklärt der Bodenkundler. Zwar durchwurzeln dort seit zwei Jahrzehnten Lupine, Luzerne und Klee das Erdreich, machen es elastisch und sorgen für eine gute Durchlüftung. Bodenbakterien und Pilze tragen dazu bei, dass die Erdkrümel miteinander verkleben.

Über die Jahrhunderte würde sich so normalerweise ein stabiles dreidimensionales Geflecht bilden, das den Boden unempfindlicher gegenüber Belastungen macht. "Doch so weit ist das Gelände hier noch nicht", stellt Dr. Botschek fest. Er schraubt eine lange Stahlnadel an ein grünes Messgerät, setzt die Spitze auf den Boden auf und schiebt die Nadel dann mit gleichmäßiger Geschwindigkeit ins Erdreich. Das Messgerät registriert währenddessen den Druck, den er ausüben muss, und produziert daraus eine zackige Kurve. "Hier musste ich stärker drücken", sagt der Wissenschaftler und deutet auf einen Ausschlag. "In dieser Tiefe ist der Boden bereits ein wenig verdichtet."

Grau wie schlecht durchblutete Haut

An 750 verschiedenen Stellen auf dem Weltjugendtags-Gelände hält Botschek so Verdichtungsgrad und Feuchte fest. "Bislang ist der Zustand des Geländes überraschend gut", resümiert er. Nach dem 21. August folgt dann ein zweiter Durchgang. "So können wir sehen, wo der Boden durch die Veranstaltung geschädigt wurde, und entsprechend reagieren." Denn ist der Boden zu stark verdichtet, wächst darauf später nichts mehr. Es bilden sich große Pfützen, der Sauerstoffgehalt im Boden sinkt, die Wurzeln verkümmern. Das Eisenoxid, das die Äcker normalerweise braun färbt, durchläuft durch den Sauerstoffmangel eine chemische Metamorphose: Das kranke Erdreich bekommt graue Flecken wie schlecht durchblutete Haut. Daher ist es wichtig, Verdichtungen rechtzeitig zu behandeln. Mit speziellen "Pflügen" kann man das Erdreich wieder lockern, ohne die Bodenstruktur weiter zu schädigen.

Botschek hat an der Universität Bonn habilitiert; vor anderthalb Jahren hat er sich mit der Umweltberatung EnviCon selbstständig gemacht. Seitdem berät er Gemeinden, Verbände und Firmen zum Thema Bodenschutz. Auf dem Weltjugendtags-Gelände gehe man sehr umsichtig zu Werke, bescheinigt er den Verantwortlichen. Kleinere Schäden seien aber bei aller Vorsicht nicht auszuschließen. So wird momentan ein 10 Meter hoher Hügel aufgeschüttet, damit der Papst bei der Abschlussmesse auch von jedem Pilger zu sehen ist. Der fertige Hügel soll 1.900 Personen Platz bieten; 152.000 Tonnen Kies und Sand werden dafür herangekarrt. Wie das der Boden verkraftet, bleibt abzuwarten.


Bilder zu dieser Pressemitteilung gibt's im Internet unter http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2005/193.html

Kontakt: PD Dr. Johannes Botschek
Telefon: 0228/41 07 812
Mobil: 0162/57 20 611
E-Mail: j.botschek@ uni-bonn.de
Weitere Informationen: http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2005/193.html - Bilder zu dieser Pressemitteilung
uniprotokolle > Nachrichten > Getreten von zwei Millionen Füßen: Weltjugendtag bedeutet auch für den Boden immensen Stress
ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/100568/">Getreten von zwei Millionen Füßen: Weltjugendtag bedeutet auch für den Boden immensen Stress </a>