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Aristoteles Spuren in der Philosophiegeschichte

01.06.2005 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Rainer Thiel neuer Professor für Klassische Philologie / Gräzistik an der Universität Jena Jena (01.06.05) Die Philosophie und Ethik des griechischen Universalwissenschaftlers Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) sind Ausgangspunkt und verbindendes Element im wissenschaftlichen ¼uvre von Prof. Dr. Rainer Thiel. Er verstärkt nun das Team der Klassischen Sprach- und Literaturwissenschaftler der Universität Jena auf dem Gebiet der Gräzistik (Altgriechisch). "Die Philosophie des Aristoteles waren in der Antike, Spätantike und im Mittelalter mal mehr und mal weniger en vogue", berichtet Rainer Thiel. Noch stärker als sein Lehrer Platon betrieb Aristoteles empirische Forschungen. Er verteidigte die Fähigkeit der Sinne, als Ausgangspunkt für sicheres Wissen zu dienen. Wie keiner vor ihm analysierte und beschrieb er detailliert Natur und Gesellschaft. "Er war ein kluger Sammler und ordnete alles Bestehende unter einheitliche Prinzipien", sagt Thiel. "Deswegen kamen auch spätere Wissenschaftler, die eher an Platon anknüpften, wie Plotin und sein Schüler Porphyrios, nicht an Aristoteles vorbei."

In seiner Habilitation 1997 an der Universität Marburg hat sich Thiel mit den antiken Kommentaren der beiden Neuplatoniker zur Kategorienschrift des Aristoteles auseinandergesetzt. "Die kurze Schrift, in der Aristoteles über die ,höchsten? und ,ersten? Begriffe reflektiert, ist von den antiken Herausgebern zu Recht ganz an den Anfang seiner Werke gestellt worden. Es ist einer der Grundtexte der abendländischen Philosophie", erklärt der Gräzist, der auf philosophiegeschichtlichem Gebiet forscht. "Lange nach seinem Tod erfahren Aristoteles' Theorien eine Renaissance und werden seit dem 1. Jh. v. Chr. auch in das platonische System integriert. Bis heute haben sie nichts an ihrer Aktualität eingebüßt."

Das Rüstzeug für seine Forschungen erwarb Thiel an den Universitäten in Mainz, Tübingen und der Libera Università degli Studi in Urbino (Italien), wo er Lateinisch, Griechisch, Philosophie, Italienisch und auch Erziehungswissenschaft studierte. Dem Lehrerberuf nicht abgeneigt, schloss der Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes sein Studium 1987 zunächst mit dem 1. Staatsexamen ab. 1991 promovierte er an der Universität Mainz über "Chor und tragische Handlung im 'Agamemnon? des Aischylos". "Auch diese klassischen Tragödien, die 80 Jahre vor Platon entstanden sind, funktionieren nach aristotelischem Konzept", weiß Thiel die Brücke zu schlagen. Die Tragödie ist eine Darstellung vom Handeln nach ethischen Normen, auch wenn dieses Handeln der Hauptperson in vielen Fällen fehlschlägt. Analysiert der Zuschauer, warum es fehlschlägt, langt er wieder bei Aristoteles an. Denn der postuliert eine Ethik des Maßhaltens: bei den ethischen Tugenden gilt es die richtige Mitte zu treffen zwischen Übermaß und Mangel. So bewegt sich z. B. Tapferkeit zwischen den Extremen der Feigheit und der Tollkühnheit.

Die zu Lebzeiten publizierten Originalarbeiten von Aristoteles zu Wissenschaft, Ethik oder Poetik sind bis auf wenige Dialoge verschollen. Philologen wie Thiel haben es daher meist mit Vorlesungsskripten, Mitschriften von Philosophenschülern, post mortem erstellten Editionen, Übersetzungen und späteren Kommentaren zu tun. Mit ihrer Hilfe lässt sich aufzeigen, wie antike Denker gerade auch in der Spätantike, am Übergang zum christlich geprägten Mittelalter rezipiert wurden. Für diese Forschung bieten sowohl das Graduiertenkolleg "Leitbilder der Spätantike" der Uni Jena als auch die Nachwuchsforschergruppe, die sich mit byzantinischer Literatur beschäftigt, dem neuen Philologen Anknüpfungspunkte. Momentan erarbeitet er eine Darstellung des Kaiserzeitlichen Aristotelismus für eine mehrbändige Geschichte der Philosophie (Überweg/Prächter). Die antiken Denker allein füllen bereits sechs Bände.


Kontakt:
Prof. Dr. Rainer Thiel
Institut für Altertumswissenschaften der Universität Jena
Fürstengraben 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944840
E-Mail: r.thiel@uni-jena.de

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