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Der internationale Bildungsmarkt - Beispiel Golf-Staaten

01.06.2005 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die deutschen Universitäten und die "Tiger-Staaten" am Golf

Die Attraktivität des Studienstandortes Deutschland für ausländische Studierende bekommt durch die wachsende Kompatibilität der BSc- und MSc-Abschlüsse eine neue Dimension. Internationalisierung der Universitäten ist ein Thema, mit dem sich seit einigen Jahren, obgleich mit unterschiedlicher Intensität, viele Hochschulen beschäftigen. Dabei ist nicht zu verkennen, dass sich die deutsche Hochschullandschaft infolge der Strukturänderungen immer weiter ausdifferenzieren wird und dass fachliche Profile nicht nur national, sondern auch international immer stärker wahrgenommen werden. Rundum Internationalität: in der Forschung und in der Lehre

Internationale Präsenz schließt sowohl die Forschung wie die Lehre ein. In der Forschung mag dies stark bilateral und vielfach durch den deutschen Partner initiierbar sein; im Bereich der Lehre hingegen ist man einer Nachfragesituation ausgesetzt, die mit zahlreichen Anbietern konkurriert. Länder wie die USA, Großbritannien und Australien akquirieren schon über viele Jahre äußerst aktiv und sind daher am internationalen Universitätsmarkt sehr präsent - sowohl im Bezug auf das Einwerben von zahlungsfähigen Studierenden als auch auf eine langfristige Wirkung in kooperierenden Märkten. Speziell in den arabischen Ländern wächst der Wunsch nach internationaler Diversifizierung, da die traditionelle Verankerung nicht nur positiv gesehen wird.

Evaluation der Nachfrage

In diesem Kontext evaluierte 2004 eine Arbeitsgruppe des DAAD, der Vertreter einzelner Fachrichtungen und Hochschulen angehörten, die Studiennachfrage aus den prosperierenden Golf-Staaten. Der Autor dieser Pressemitteilung, Prof. Dr. Wycisk, nahm aufgrund seiner langjährigen Aktivitäten in arabischen Ländern als Fachvertreter für den Bereich "Umwelt und Ressourcenmanagement Wasser" teil.
Gespräche bei Bildungsmessen und in Ministerien, mit staatlichen und privaten Stipendien-Organisationen in den Ländern der Arabischen Halbinsel bzw. Golf-Staaten dienten dem angestrebten Erkenntnisgewinn. Das Ziel bestand einerseits darin, den Hochschulstandort Deutschland mit den sich verändernden Studienstrukturen vorzustellen und an frühere Ausbildungsbeziehungen anzuknüpfen. Andererseits wurden die Erwartungen der dortigen Stipendiengeber und der potenziellen Studierenden erfragt, die bezüglich der fachlichen und interkulturellen Bedürfnisse in maßgeschneiderte Ausbildungsprogramme einmünden sollen.
Die Golf-Staaten zeichnen sich durch eine hohe Nachfrage an Auslandsstudienplätzen sowie eine sehr hohe Zahl an verfüg-baren Stipendien nationaler und privater Förderinstitutionen aus. Das große Interesse an Auslandsstudienplätzen mit unterschiedlichen Abschlüssen resultiert aus der schnell steigenden Bevölkerungszahl mit einem sehr hohen Anteil an Jugendlichen - etwa in Saudi-Arabien - und einem beträchtlichen Zuwanderungsanteil von ausländischen Fachkräften in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) mit einem Gesamtanteil von ca. 90 Prozent, die aber an staatlichen Universitäten nicht studieren dürfen. Die Hochschulen dieser Länder entwickelten sich in den letzten Jahren teilweise sprunghaft, in Kooperation mit ameri-kanischen und englischen Universitäten sowie mit einigen internationalen "off-shore"-Gründungen.

Schwerpunkte und Sprachen

Die technische und ressourcenbezogene Orientierung bzw. die stürmisch expandierende Wirtschaft der Golf-"Tigerstaaten" bestimmt die Nachfrage an Studienrichtungen. Deshalb wurde immer wieder nach BSc- und MSc-Abschlüssen für die Bereiche IT und Business Administration sowie Ingenieurwissenschaften, Umwelt- und Ressourcenmanagement bzw. Medizin gefragt. Orientiert an ausländischen Studiengangskonzepten, stehen "Themenfelder" stärker als Grundlagenwissenschaften im Vordergrund - ein Gesichtspunkt, der auch bei der Neustrukturierung von BSc- und MSc-Studiengängen von Bedeutung ist.
Deutsch wird zunächst als Sprachbarriere empfunden. Hier zeichnen sich aber zwei wichtige Aspekte ab. Für die MSc-Studiengänge geht man in der Regel von Englisch als Lehrsprache aus. Die BSc-Studiengänge werden überwiegend mit Deutsch als Lehrsprache gewünscht. Dies entspricht auch den Vorstellungen der nationalen Stipendiengeber der Golf-Staaten, denn es ermöglicht eine stärkere Identifikation mit dem Ausbildungsstandort und stärkt langfristig die Wirtschafts- und Wissenschaftskooperation.

Studiengebühren - wofür?

Studiengebühren sind international üblich. Deutschlands Position, mit vergleichsweise moderaten Kosten, wird deshalb weiterhin im Vergleich zu anderen Ländern günstig sein. Die Bereitschaft zur Zahlung von Studiengebühren ist jedoch mit der Erwartung verbunden, dass die Mittel über fachliche und soziale Tutoring-Programme den Studierenden selbst zugute kommen. Tutorien und Ansprechbarkeit von Lehrenden werden als wichtiges Qualitätsmerkmal der Ausbildung gesehen. Das kulturelle Umfeld der Universitäten, das nicht zuletzt den interkulturellen Bedürfnissen der Studierenden umfassend gerecht werden muss, wird zum weiteren marktstrategischen Argument zwischen den internationalen Universitäts-Konkurrenten.

Im Internet gut "sichtbar" sein!

Die Entscheidung über den Studienstandort treffen bei nationalen Stipendiengebern vorrangig die Stipendiaten, bei privaten Organisationen ebenso die Stipendiengeber. Das heißt, Entscheidungen über Studienstandorte erfolgen aufgrund der "internationalen Sichtbarkeit" des Studienprogramms, der Fakultät und der Universität mit ihrem akademischen und lebensbedingten Umfeld - also fast ausschließlich über die englischsprachige Internet-Präsenz.
Das Beispiel der Golf-Staaten zeigt, dass die Frage nach internationalen Hochschulmärkten und Studienprogrammen nicht nur eine Frage der internationalen Konkurrenz ist, sondern zugleich eine Konkurrenz auf nationaler Ebene, nämlich unter anderem in den neuen BSc- und MSc-Abschlüssen der Universitäten (Universities) und der Fachhochschulen (Universities of Applied Sciences), widerspiegelt. Ein Unterschied, der künftig nicht nur im Ausland schwer zu erklären sein wird. Die Präsenz einer Universität oder Hochschule im internationalen Bildungsmarkt (und im Internet!) trägt mehr und mehr zu ihrer Profilierung bei; Internationalität und Mobilität von Studierenden und WissenschaftlerInnen ist ein wesentlicher Teil davon.


Prof. Dr. Peter Wycisk
Geschäftsführender Direktor des Universitätszentrums für Umweltwissenschaften (UZU)an der Martin-Luther-Universität
Neuwerk 1, 06099 Halle (Saale)
Prodekan des Fachbereichs Geowissenschaften der Mathematisch-Naturwissenschaftlich-Technischen Fakultät der MLU
Professor am Institut für Geologische Wissenschaften und Geiseltalmuseum
Tel.: 0345 55-26134
Fax: 0345 55-27177
E-Mail: wycisk@geologie.uni-halle.de

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