Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDienstag, 23. September 2014 

Zahn-Implantate: Wie viel High Tech ist sinnvoll?

04.12.2002 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Die zahnmedizinische Implantologie wird zunehmend von High-Tech-Verfahren geprägt. Deren Stellenwert in Diagnostik und Therapie steht im Mittelpunkt der zweiten gemeinsamen Jahrestagung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Fachgesellschaften für Implantologie. Das Drei-Länder-Treffen findet unter dem Motto "Perfektion durch Präzision" mit rund 2000 Teilnehmern vom 5. bis 7. Dezember in München statt.

Technische Innovationen und eine rasante Entwicklung eröffnen seit einigen Jahren neue Perspektiven für den Zahnersatz: Dieser lässt sich im Kiefer fest verankern, getragen von so genannten enossalen Implantaten - künstlichen Zahnwurzeln. Die technisch ausgereiften Systeme bieten inzwischen Lösungen für viele individuelle Bedürfnisse und Probleme. Darum können Zahnärzte heute in den meisten Fällen bei einer entsprechenden Vorbereitung Implantate einsetzen.
Hohe Erfolgsrate. Zahlreiche Studien belegen, dass Implantate bei korrekter Pflege viele Jahre halten. Die meisten sind nach zehn Jahren noch in perfektem Zustand.

Dies bestätigt auch eine neue Studie an der Klinik für MKG-Chirurgie der Universität Kiel, die auf der Münchener Tagung präsentiert wird. Dr. Eleonore Behrens hat den Zustand von rund 2.500 Implantaten ermittelt, welche die Ärzte der Klinik in den vergangenen 20 Jahren gesetzten haben. "Bei korrekter Indikationsstellung", so das Fazit von Behrens, "sind unabhängig vom System 92 Prozent der Implantate nach zehn Jahren noch in Ordnung." Nur bei Rauchern lag die Erfolgsrate statistisch signifikant niedriger. "Wir wissen auch aus anderen Untersuchungen", sagt Professor Friedrich W. Neukam, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Implantologie, dass die Misserfolgsrate bei Rauchern zwischen fünf und zehn Prozent höher liegt als bei Nichtrauchern."

Auch bestimmte Erkrankungen können die Erfolgsrate schmälern. Dazu gehört etwa ein nicht eingestellter Diabetes mellitus. Als Kontraindikation für eine Implantation gelten schwerste Nierenschäden mit einem gestörten Kalzium- und Phosphatstoffwechsel. Unklar ist, ob altersbedingter Knochenschwund (Osteoporose) sowie Entzündungen an den Innenhäuten des Herzens (Endokarditis) nachteilige Einflüsse haben. Neukam: "Darüber wird zur Zeit in Fachkreisen noch kontrovers diskutiert, da die Ergebnisse von Studien nicht eindeutig sind."

Wie viele Implantate sind für eine prothetische Versorgung erforderlich? "National wie international mangelt es hier an klaren Vorstellungen und Konzepten", klagt Professor Hubertus Spiekermann von der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik der Universität Aachen. Um eine herausnehmbare Prothese zu stabilisieren, genügen zumeist einige wenige Implantate. Fehlen jedoch Frontzähne, sind aus ästhetischen Gründen mehr Implantate nötig. Ebenso sind generell mehr Implantate erforderlich, um eine Brücke oder Prothese im Oberkiefer zu verankern. "Letztendlich entscheidend sind die individuellen Gegebenheiten bei einem Patienten", sagt Neukam. So ist beispielsweise das Volumen und die Festigkeit des Kieferknochens wichtig, in den das Implantat eingepflanzt wird.

Gleichwohl gibt es grobe Faustregeln, an denen sich Patienten orientieren können: "Soll in einem zahnlosen Unterkiefer eine herausnehmbare Prothese verankert werden, sind zwei Implantate mindestens nötig, Standard sind drei bis vier," erklärt Professor Ernst-Jürgen Richter von der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik der Universität Würzburg. Im Oberkiefer sind bei herausnehmbaren Prothesen vier Implantate erforderlich. Festsitzender Zahnersatz benötigt im zahnlosen Unterkiefer fünf bis sechs und im Oberkiefer acht Implantate.

Planung und Diagnostik bestimmen den Erfolg.

Der Erfolg einer Implantation hängt entscheidend von der Planung und der dazu erforderlichen Diagnostik ab. Im Normalfall genügt das so genannte Orthopantomogramm, eine Röntgenaufnahme des gesamten Kiefers. Doch mitunter kann eine Untersuchung mit dem Computertomographen nötig sein. "Dies ist etwa dann der Fall, wenn unklar ist, ob ausreichend Knochengewebe zur Verfügung steht", sagt Neukam. "Um die knöchernen Ressourcen zu beurteilen, kann in der Tat im komplizierten Einzelfall die CT-Untersuchung sinnvoll sein", erklärt Dr. Dr. Ulrich Wahlmann von der Klinik für MKG-Chirurgie der Universität Mainz. Allerdings ist nach Meinung der Experten eine generelle CT-Diagnostik nicht erforderlich. Zwar lässt sich die Mineraldichte des Knochens auf diese Art bestimmen, doch dies verrät nichts über seine mechanische Stabilität.

High-Tech-Op nur bei komplizierten Fällen.

Die digitalen Datensätze der Schichtaufnahmen sind auch das Rohmaterial, aus dem spezielle Computerprogramme dreidimensionale Modelle auf dem Bildschirm entstehen lassen. Dies ermöglicht eine sehr präzise Operationsplanung sowie die Simulation eines Eingriffes. "Doch die Umsetzung dieser präzisen diagnostischen Möglichkeiten in entsprechend präzise Eingriffe gestaltet sich schwierig", sagt Neukam. "Der entscheidende Schritt der präzisen Insertion des Implantats ist noch offen", sagt Dr. Stefan Hassfeld von der Klinik für MKG-Chirurgie der Universität Heidelberg. Die dreidimensionalen Planungsdaten können beispielsweise zur Herstellung individueller Schablonen zur Führung des Bohrers genutzt werden, mit dem das Implantatbett vorbereitet wird. Ebenso ist es möglich, Navigationssysteme mit den Planungsdaten zu füttern. Doch die bisherige Genauigkeit, sprich: Ungenauigkeit, solcher Systeme verhindert bislang den routinemäßigen Einsatz in der Zahnimplatologie. Diese faszinierenden Technologien, darüber sind sich die Experten einig, sind nur dann sinnvoll, wenn sie zu wesentlichen Qualitätsverbesserungen, etwa bei Tumorpatienten, oder Erweiterungen der Indikation führen. "Selbst wenn solche Strategien technisch möglich sind", warnt Neukam, "muss man auch daran denken, dass ihr Einsatz die Behandlungskosten deutlich erhöht." Darum dürften diese High-Tech-Methoden bis auf weiteres nur bei komplizierten Fällen zum Einsatz kommen.

Intelligente Oberflächen.

Wissenschaftler an Universitäten und in der Industrie tüfteln an Methoden, die die Einheilung der Implantate beschleunigen sollen. "Wir wissen beispielsweise schon seit einiger Zeit", erklärt Neukam, "dass Implantate mit einer etwas rauhen Oberfläche im weichen Knochen schneller einheilen." Inzwischen gibt es Versuche, die Oberfläche von Implantaten mit Wirkstoffen zu beschichten, die das Knochenwachstum und damit die Heilung anregen. Erprobt im Experiment werden beispielsweise verschiedene körpereigene Wachstumsfaktoren. "Diese sollen die Oberflächen "intelligenter" machen", betont Neukam.

Digitale Schichtaufnahmen liefern inzwischen auch die Datenbasis für das Computer-gestützte Design und die vollautomatische Fertigung von Implantaten und Zahnersatz. "Die Implantat-Hersteller", erklärt Neukam, "stellen in Forschung und Entwicklung die Weichen auch in Richtung Zahnersatz." Die bislang handwerklich geprägte Herstellung von Brücken und Prothesen dürfte sich durch die neuen Möglichkeiten der automatisierten Fertigung langfristig gravierend verändern. "Es geht nicht mehr nur um Implantate", erklärt der DGI-Präsident, "sondern um umfassende Konzepte für den Zahnersatz aus einer Hand."

Rückfragen an:

Prof. Dr. Dr. F. W. Neukam
Klinik für MKG-Chirurgie, Universität Erlangen-Nürnberg
Glückstraße 11, 91054 Erlangen
Tel.: 09131-85-3 42 09, Fax: 09131-85-3 42 19
friedrich.neukam@mkg.imed.uni-erlangen.de

Pressestelle
Dipl. Biol. Barbara Ritzert
ProScientia GmbH
Andechser Weg 17
82343 Pöcking
Tel. 08157/9397-0
Fax: 08157/9397-97
ritzert@proscientia.de
uniprotokolle > Nachrichten > Zahn-Implantate: Wie viel High Tech ist sinnvoll?

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/10242/">Zahn-Implantate: Wie viel High Tech ist sinnvoll? </a>