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RUB-Philosophie: Abschluss des "Historischen Wörterbuchs der Philosophie"

29.06.2005 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Mit einem Kolloquium in der Berliner Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz am 30. Juni und 1. Juli 2005 begehen Philosophen aus ganz Deutschland, darunter auch aus Bochum, den erfolgreichen Abschluss eines Langzeitprojektes, das national wie international Maßstäbe gesetzt hat: Mit dem Erscheinen des Bandes 12 ist das "Historische Wörterbuch der Philosophie" inhaltlich vollendet - ein Werk, das mit gut 4000 Artikeln und mehr als 1200 Autoren als größtes begriffsgeschichtliches Editionsprojekt überhaupt gilt. Von Beginn an war die Bochumer Philosophie maßgeblich an dem Unternehmen beteiligt. Bochum, 29.06.2005
Nr. 206

Abschluss des "Historischen Wörterbuchs der Philosophie"
Maßgebliche Bochumer Beteiligung
Ein geisteswissenschaftliches Großprojekt ist vollendet

Mit einem Kolloquium in der Berliner Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz am 30. Juni und 1. Juli 2005 begehen Philosophen aus ganz Deutschland, darunter auch aus Bochum, den erfolgreichen Abschluss eines Langzeitprojektes, das national wie international Maßstäbe gesetzt hat: Mit dem Erscheinen des Bandes 12 ist das "Historische Wörterbuch der Philosophie" inhaltlich vollendet - ein Werk, das mit gut 4000 Artikeln und mehr als 1200 Autoren als größtes begriffsgeschichtliches Editionsprojekt überhaupt gilt. Von Beginn an war die Bochumer Philosophie maßgeblich an dem Unternehmen beteiligt.

Ein halbes Jahrhundert

Dabei liegen die Anfänge dieses Großvorhabens genau ein halbes Jahrhundert zurück, in einer Zeit also, als von einer Ruhr-Universität Bochum noch keine Rede sein konnte: Mit der von Erich Rothacker 1955 gegründeten Zeitschrift "Archiv für Begriffsgeschichte" kam die Idee auf, in Fortführung und Verbesserung alter philosophischer Nachschlagewerke wie Rudolf Eislers "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" (1899) eine "mit philologisch-historischer Sorgfalt durchgearbeitete Geschichte der gesamten philosophisch-weltanschaulichen Terminologie" in Angriff zu nehmen. Ziel einer entsprechenden Begriffsgeschichte wurde es, das philosophische und wissenschaftliche 'Begreifen' der Wirklichkeit von den Vorsokratikern bis zur Gegenwart in den Begriffen der Philosophie und der ihr benachbarten Grundlagendisziplinen abzubilden, d. h. ihr Aufkommen, ihre Verwendungsweisen, ihre terminologischen Ausprägungen, ihre Bedeutungswandlungen und ihre Ausdifferenzierungen zu analysieren und in historisch verlässlicher Weise darzustellen.

Offenheit und Neutralität als Prinzip

Es waren der Münsteraner Philosoph Joachim Ritter (1903-1974) und seine Mitarbeiter, die ab 1960 in Zusammenarbeit mit dem Traditionsverlag Schwabe & Co (Basel) den so genannten "Neuen Eisler" in Angriff nahmen. Offenheit und Neutralität waren zwei der Ritterschen Vorgaben, die dem Wörterbuch zu seinem großen Erfolg verhalfen: "Ein philosophisches Wörterbuch hat nicht die Aufgabe, in die Auseinandersetzung um eine geschichtliche oder geschichtsfreie Begründung der Philosophie einzugreifen. Es steht ihm ebenso wenig zu, einem bestimmten Begriff von Philosophie die Bahn zu bereiten, ihn durchzusetzen".

Erste Planungen umfassten nur drei Jahre

Das Werk war zunächst auf drei Bände angelegt, die in drei Jahren (!) erscheinen sollten; noch 1970 hoffte Ritter, der auch Mitglied des Gründungsausschusses der Ruhr-Universität war, mit insgesamt fünf Bänden auszukommen. Doch die philosophische Begriffsgeschichte entfaltete ihre eigene Dynamik, und ihre eigenen Standards wuchsen mit den Erträgen ihrer Forschungen. So auch ihre institutionelle Basis: Bereits vor Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 1971 konnte Hauptherausgeber Ritter dem Schwabe-Verlag zufrieden vermelden, dass sein Schüler Karlfried Gründer "als ordentlicher Professor an der Universität Bochum bestellt" wurde und der "Kanzler dieser Universität eine Kustodenstelle für die Wörterbucharbeit in ziemlich feste Aussicht für 1971 gestellt" habe.

Hauptherausgeschaft in Bochum

Der Kanzler hielt sein Wort, und der spätere Stelleninhaber, Ulrich Dierse, wurde mit über 60 Beiträgen zum produktivsten Wörterbuchautor überhaupt; ab 1975 bestimmte er auch als Mitherausgeber die Geschicke des "Neuen Eisler" mit. Nach dem Tode Ritters im Jahr zuvor hatte Gründer die Hauptherausgeberschaft übernommen und nach Bochum geholt. Andere Mitherausgeber aus dem Bochumer Philosophischen Institut waren Hermann Lübbe und Willi Oelmüller, später (ab Bd. 7) auch Gunter Scholtz und Gottfried Gabriel; beim 'Endspurt' (Bd. 12) kam Helmut Pulte hinzu. Gabriel lehrte von 1992 bis 1995 in Bochum und übernahm nach Gründers Ausscheiden die Gesamtverantwortung für die beiden letzten Bände.

Kein Mitarbeiter, der nicht beteiligt war

Ein Institut, das zeitweilig zwei der drei Hauptherausgeber und langfristig eine Reihe von Mitherausgebern eines solchen Großprojekts 'beherbergte', lebt als Ganzes mit Lust und Leid, das ein solches Unternehmen beschert: kaum ein Lehrender, der nicht als Autor mitwirkte (und gelegentlich auch in kollegialer Hilfsbereitschaft und "letzter Sekunde" für säumige Autoren andernorts einsprang), kaum ein Mitarbeiter oder eine Hilfskraft, die nicht das eine ums andere Mal die Bibliotheken auf die allfälligen, absichernden "Belege" hin durchforsten durfte oder musste, kaum eine Verwaltungsangestellte, die ob der akribischen Wörterbucharbeit mit ihren kühnen Visionen und oft deutlich nüchterneren Re-Visionen nicht einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht worden wäre. Die Philosophiegeschichte wird es ihnen danken, wenn auch vermutlich längst nicht hinreichend. Das von Ulrich Dierse mit herausgegebene "Archiv für Begriffsgeschichte" wird jedenfalls die Bochumer begriffsgeschichtliche Forschungstradition auch nach Abschluss des Wörterbuchs weiterführen.

In jeder guten Bibliothek zu finden

Die inhaltliche Vollendung des "Neuen Eisler" - ein Registerband zur Erschließung wird noch von der Berliner Redaktion fertig gestellt werden - lädt aber nicht nur zu einem kleinen Rückblick, sondern auch zu einem kurzen Ausblick ein: Das "Historische Wörterbuch der Philosophie" ist zwar heute allgemein anerkannt als ein philosophie-, kultur- und wissenschaftsgeschichtliches Nachschlagewerk ersten Ranges; weltweit ist es in jeder guten wissenschaftlichen Bibliothek anzutreffen.


Weitere Informationen

Prof. Dr. Helmut Pulte, Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, GA 3/149, Tel. 0234/32-22726, E-Mail: wtundwg@rub.de

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