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Hervorragende Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet

05.12.2002 - (idw) Universität zu Köln

211/offer-imel/2002

Preisverleihung in der Philosophischen Fakultät

Für die heutige Preisverleihung der Offermann-Hergarten-Stiftung um 17 Uhr im Neuen Senatssaal sind aufgrund der Vorschläge der Forschungskommission der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln vom Vorstand der Offermann-Hergarten-Stiftung die im folgenden genannten Nachwuchswissenschaftler/innen als Preisträger/innen des Jahres 2002 ausgelobt worden. Die Grundlage für die Preiszuerkennung bieten die nachstehend kurz beschriebenen wissenschaftlichen Arbeiten, die nach Form und Inhalt sowie der sprachlichen Präsentation als hervorragend eingestuft worden sind. Alle diese Studien sind publiziert und stehen somit auch der Öffentlichkeit außerhalb der Philosophischen Fakultät zur Verfügung.

Bickenbach, Matthias. 1999. Von den Möglichkeiten einer >inneren< Geschichte des Lesens. Tübingen: Niemeyer.

Die Sozialgeschichte des Buchwesens hat das Lesen als eine vielfältige und gelegentlich widerspenstige soziale Praxis gewürdigt; die literaturwissenschaftlichen Schulen der Rezeptionsästhetik und der Dekonstruktion haben den Leser als konstitutive Größe fiktionaler Texte begreifen gelehrt.
Anders als die sozialhistorische Leserforschung entwirft Bickenbach eine <innere> Geschichte des Lesens, die den Wandel nicht seiner äußeren Bedingungen, sondern seiner immanenten Verfahren verfolgt. Dabei läßt er sich von der Unterscheidung zwischen Lektüretechniken und Lektürepraktiken leiten. Lektüretechniken ergeben sich bereits aus den verschiedenen formalen Parametern des Lesens: Texte können laut oder leise, langsam oder schnell, flächendeckend oder wählerisch, einmal oder zweimal gelesen werden. Lektürepraktiken hingegen resultieren aus der Koppelung und Instrumentalisierung solcher Techniken in einem bestimmten historischen Kontext.
In einer Art Rückblende skizziert er zunächst den nachantiken Übergang von der lauten zur stillen Lektüre, dem bislang das Hauptaugenmerk einschlägiger Forschungen galt. Im Altertum wird noch vorwiegend laut gelesen, da der Schriftgebrauch vor allem der Ausbildung der Redekunst dient; nur der ungebildete Büchernarr liest nach Lukian "so schnell, daß die Augen den Lippen immer zuvorlaufen". Schon in der Spätantike jedoch beginnt der bis heute nachwirkende Siegeszug der stillen Lektüre, wobei medien- und diskursgeschichtliche Faktoren zusammenwirken.
Die Studie bietet ein wichtiges und interessantes Komplement zu den bisherigen Forschungen über das Lesen an.

Busse, Wolfgang Till. 2001. Madonna con Santi - Studien zu Domenico Ghirlandaios mariologischen Altarretabeln: Auftraggeber, Kontext und Ikonographie. Köln: Homepage der Universitätsbibliothek. (http://www.ub.uni-koeln.de/ediss/archiv/1999/11w1145.pdf)

Der Florentiner Domenico Ghirlandaio (1449-1494) gehört zu den berühmtesten Malern der Renaissance in Italien. Die vorliegende Arbeit bietet einen grundlegenden Neuansatz in Methode und Material: Sie erarbeitet umfassend und differenziert die kultur-geschichtlichen Grundlagen für das Verständnis der religiösen Werke Ghirlandaios, die den Hauptteil seines Oeuvres ausmachen. Und sie berücksichtigt und klärt dabei im Aus-griff auf Archivalien, auf profane wie die bisher noch völlig unberücksichtigte religiöse Gebrauchsliteratur der Zeit, unter Einbeziehung neuester historischer Forschungen zu verschiedenen sozialen, gelehrten und religiösen Gruppen in Florenz die verschiedenen Intentionen von Künstler und Auftraggebern ebenso wie verschiedene Rezeptionsweisen der unterschiedlichen Betrachtergruppen. Busse bereitet dabei die künstlerischen wie die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen so umfassend auf, daß seine Studien zugleich eine kulturgeschichtliche Basis für die Erklärung zahlreicher anderer wichtiger Kunstwerke sowie künstlerischer Entwicklungen in der Florentiner Renaissance bieten.
Die Arbeit setzt neue Maßstäbe für die kunstgeschichtliche Rezeptionsforschung durch ihre methodisch reflektierte, kulturgeschichtlich umfassende und doch für das Einzelwerk konzise und ergebnisreiche Darstellung. Sie besticht durch klare Sprache, sie stellt auch komplexe Sachverhalte verständlich dar, und sie erleichtert dem Leser das inhaltliche Verfolgen der Argumentation sogar noch durch die Übersetzung der altitalienischen wie lateinischen Quellen.

Fuß, Peter. 2001. Das Groteske: Ein Medium des kulturellen Wandels. Köln: Böhlau.

Das Groteske ist ein Medium der Transformation kultureller Formationen; es ist nicht nur Indikator kultureller Veränderungen, sondern es fungiert als Medium des historischen Wandels und des Epochenwechsels. Dies ist die zentrale These der Arbeit, in der Peter Fuß das Groteske als anthropologische Konstante jeder kulturellen Formation ausweist. Im ersten Teil entwirft er ein Strukturmodell des grotesken Phänomens, wobei er sich auf Konzepte poststrukturalistischer Theoriebildung (Foucault, Deleuze, Derrida), auf die Psychoanalyse Freuds und Lacans sowie auf die Anthropologie Gehlens bezieht. Im zweiten Teil appliziert er dieses Modell auf literarische Manifestationen des Grotesken entlang der zentralen Frage: Wie gelingt es solchen Manifestationen, durch die Dekomposition zentraler Elemente der symbolischen Ordnung ihrer Kulturformation Unentscheidbarkeit zu produzieren und zu forcieren? Dabei bekennt er sich zu einer kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft, die Literatur nicht als l'art pour l'art, sondern als integralen Bestandteil von Kultur begreift. Im dritten Teil wirft er einen Blick auf Mythos und Ritus als präästhetische Manifestationen der grotesken Struktur, und gibt einen Ausblick auf die sich in der Postmoderne vollziehende Transposition des Grotesken in den postästhetischen Bereich der Theorie und der Philosophie.
Es handelt sich um ein theoretisch sehr anspruchsvolles und innovatives Werk, das sich auch durch die Datenfülle und Anschaulichkeit der Darstellung zu einem Standardwerk über das Groteske etablieren dürfte.

Hentschel, Frank. 2000. Sinnlichkeit und Vernunft in der mittelalterlichen Musiktheorie: Strategien der Konsonanzwertung und der Gegenstand der musica sonora um 1300. Stuttgart: Steiner.

Herr Hentschel geht in seiner Arbeit der Frage nach, welche Vorstellungen und Theorien im Mittelalter als Begründungen und damit auch als Vorschriften bzw. Regelwerke, für das Schaffen musikalischen Wohlklangs erachtet wurden.
Ausgehend von der "Institutio musica" des Boetius (um 500), auf der das musiktheoretische Schrifttum des Mittelalters fußt, verfolgt er die Ideengeschichte der Begründungsstrukturen der verschiedenen Ansätze einer wertenden Ordnung von Konsonanzen um 1300. Der Schwerpunkt der Begründungsstruktur lag auf der sinnlich erfahrbaren Ebene der akustischen Phänomene, wobei bestimmte Mischungen oder Abfolgen von Tönen als Wohlklang direkt erfahrbar waren, was wiederum mit arithmetischen Strukturen der zugeordneten Zahlenverhältnisse als Quantitäten begründet wurde. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet dann die Untersuchung des Wandels der Konsonanztheorie im 13. Jh., der sich als Paradigmenwechsel manifestiert.

Hier liegt ein Werk vor, das nicht nur von einer gründlichen Bearbeitung der Quellen zeugt und das die Begründungen für die einzelnen Theorien der Autoren im 13 Jh. klar darstellt, sondern auch eine Arbeit, die so geschrieben wurde, daß sie neben der rein akademischen Leserschaft der Musikwissenschaftler auch eine breitere Leserschaft finden wird.

Krämer, Nicole C. 2001. Bewegende Bewegung: Sozioemotionale Wirkungen nonverbalen Verhaltens und deren experimentelle Untersuchung mittels Computeranimation. Lengerich: Pabst.

Auf der Basis klar formulierter Fragen vor dem Hintergrund eines umfangreichen Faktenwissens durch profunde Kenntnis der Literatur entwickelte Frau Krämer eine Methode, die es ihr erlaubt, klare Aussagen zu Bedeutung und Funktion von sozioemotionalen Verhaltensweisen in diadischen Kommunikationsabläufen zu machen.
Der erste Teil der Arbeit beinhaltet eine gründliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Theorien zu nonverbalen Verhaltensabläufen und ihrer Semantisierung. Hierbei widmet sie einen bedeutenden Teil des Kapitels der Problematik der unterschiedlichen Begrifflichkeiten und den dadurch entstandenen Problemen in der Diskussion zum Thema. In der Zusammenführung der psychologischen, ethologischen und symbolischen Theorienzweige gelingt es ihr, eine überzeugende Systematik der einzelnen Bereiche zu erarbeiten, die es ihr dann ermöglicht, ein Modell zu entwickeln, auf dem ihre Versuchsanordnung basiert.
Außerordentliche wissenschaftliche Leistungen zeigen sich nicht nur in der Lösung spezifischer Probleme, sondern sie eröffnen auch die Möglichkeiten, weiterführende und/oder neue Fragen zu stellen und zu beantworten. Dies ist in der vorliegenden Studie gelungen.

Schäfer, Rainer. 2001. Die Dialektik und ihre besonderen Formen in Hegels Logik: Entwicklungsgeschichtliche und systematische Untersuchungen. Hamburg: Meiner.
Das ebenso schwierige wie schon viel verhandelte Thema der Dialektik Hegels wird in dieser Arbeit umfassend untersucht und zugleich entwicklungsgeschichtlich und systematisch differenziert dargestellt und zwar so, daß minutiös und klar nachvollziehbar und überschaubar rekonstruiert wird, wie sich sowohl die Gestalt der Dialektik als auch ihre Funktion für den Aufbau des philosophischen Systems insgesamt in den entwicklungsgeschichtlichen Stufen von den Entwürfen der Jenaer Zeit über die "Phänomenologie des Geistes" und die Nürnberger "Wissenschaft der Logik" bis zu deren grundlegender und integrierender Bedeutung für das reife System der Berliner "Enzyklopädie" verändert und zugleich vertieft hat. Damit gelingt es dem Verfasser, die Genesis der spekulativen Dialektik zugleich als eine argumentative Abfolge erkennbar zu machen.
Das Werk von Rainer Schäfer bietet nicht nur neue Forschungsergebnisse in wohlüberlegter, kundiger und umfassender Auseinandersetzung mit der vorliegenden Forschung, sondern zeichnet sich auch durch sichere und klare Argumentation aus und ist in anbetracht der sehr schwierigen Thematik erstaunlich gut lesbar, weil flüssig, klar und prägnant formuliert.

Während der Veranstaltung wird auch der Erhardt-Imelmann-Preis verliehen. Siehe hierzu auch unserer Presseinformation "Staatsbesuche in Deutschland" vom 2.12.2002, sowie zum Preis der Offermann-Hergarten-Stiftung vom 28.11.2002.

Verantwortlich: Anneliese Odenthal


Für Rückfragen steht Ihnen unter der Telefonnummer 470-2802 Professor Dr. W.-D. Bald zur Verfügung.

Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http:// www.uni-koeln.de/Organe/presse/pi/index.htm)
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