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Betroffene nicht von den Fortschritten der modernen Medizin ausschließen!

05.07.2005 - (idw) Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

DGPPN: Hamburger Pharmaka-Zielvereinbarung von Krankenkassen und Ärzten führt zu Benachteiligungen der Patienten Die zwischen Krankenkassen und Ärztevereinigungen getroffenen Zielvereinbarungen zur Senkung der Ausgaben im deutschen Gesundheitswesen dürfen nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) nicht einseitig zu Lasten der kranken Menschen gehen. Für die Fachgesellschaft stellt die Anfang Juli in Kraft getretene Zielvereinbarung 2005, die die Kostenträger der gesetzlichen Krankenversicherungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hamburg geschlossen haben, ein alarmierendes Zeichen dar. Nach Einschätzung der DGPPN sind wesentliche Benachteiligungen für Betroffene die Folge.

Mit der Vereinbarung wollen die Vertragspartner Kostenregresse für die Ärzteschaft wegen Überschreitung von Budgets zu vermeiden. Viele Experten sehen daher in der Zielvereinbarung bereits ein bundesweites Modell. Konkret will man in insgesamt 13 Arzneimittelgruppen ein Einsparvolumen von einem Prozent gegenüber dem Jahr 2004 realisieren. Davon betroffen ist auch der Bereich der Psychopharmaka mit den so genannten Antidepressiva, also Medikamenten die zur Behandlung von Depressionen eingesetzt werden. Zum modernen Therapiestandart gehören hier mittlerweile die "selektiven Serotonin-Aufnahmehemmer (SSRI)". Um die Kostenvorgaben erfüllen zu können, sollen nun künftig nicht mehr diese Medikamente verordnet werden, sondern verstärkt Nachahmerprodukte, Generika genannt, sowie die älteren "klassischen" trizyklischen Antidepressiva.

Die Zielvereinbarung sieht außerdem vor, dass im Falle einer Verschreibung von SSRI`s die Kosten pro Tagesdosis um mindestens zehn Prozent zu reduzieren sind. Werden diese Ziele verfehlt, kann der verordnende Arzt unmittelbar in individuellen Regress genommen, was bedeutet, dass er die Mehrkosten aus der eigenen Tasche finanzieren muss. Begründet wird dieses Vorgehen damit, dass die teureren selektiven Serotonin-Aufnahmehemmer keinen relevanten Qualitäts- und Therapievorteil hätten.

Nach Ansicht der DGPPN ist diese Meinung jedoch falsch: "Die oft behauptete weitgehende Austauschbarkeit von modernen Antidepressiva der SSRI-Klasse gegen trizyklische Nachahmerprodukte lässt vollkommen außer Acht", so der Präsident der DGPPN, Professor Dr. Fritz Hohagen, "dass bei Weitem die Mehrzahl depressiver Patientinnen und Patienten vom Hausarzt behandelt werden. Der Einsatz dieser Psychopharmaka bringt wesentlich mehr Nebenwirkungen und Risiken mit sich. Ferner haben Studien mit trizyklischen Antidepressiva erheblich höhere Therapie-Abbruchraten belegt. Gerade bei der Behandlung von depressiven Patientinnen und Patienten muss alles vermieden werden, was mit einer erhöhten Suizidgefährdung einhergehen kann".

Nach Auskunft des DGPPN-Präsidenten ist eindeutig belegt, dass die so oft von den Ärzten beklagte Unterversorgung depressiver Patienten in den letzten Jahren vor allem durch den Einsatz der modernen SSRIs deutlich abgenommen habe. Wenn man schon diese Medikamente durch ältere Pharmaka ersetzen wolle, dann müssten die behandelnden Ärzte zumindest kontinuierlich die Blutplasmaspiegel ihrer Patientinnen und Patienten überprüfen, um entsprechend die jeweilige Dosis anpassen zu können. Ob dann allerdings noch die gewünschten Einsparungen, die man sich im Moment als Ziel gesetzt habe, möglich seien, das sei mehr als fraglich.

Die DGPPN unterstützt nach Aussage ihres Präsidenten nachdrücklich den Weg einer Kosteneinsparung im Gesundheitswesen. Allerdings dürfe dieser Weg nicht die betroffenen Patientinnen und Patienten benachteiligen. Diese Gefahr bestehe nun in eklatanter Weise. Wenn man bedenke, so Hohagen, dass mittlerweile in Deutschland die Depressionen zu den häufigsten Krankheitsursachen gehören und nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zu den Volkskrankheiten der Zukunft zu zählen sind, dann sei dieser Weg der Kosteneinsparung äußerst kontraproduktiv, weil auf lange Sicht deutliche Mehrkosten für unser Gesundheitswesen entstehen werden.


Kontakt:
Prof. Dr. Fritz Hohagen
Präsident der DGPPN
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde
c/o Hauptgeschäftsstelle Berlin
Reinhardtstraße 14
D-10117 Berlin-Mitte
Tel. 030 - 2809 6601 /02
Fax 030 - 2809 3816
Mail: t.nesseler@dgppn.de
Internet: www.dgppn.de

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