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Die schwer zu beantwortende Frage: Wer ist die Nummer 1?

25.07.2005 - (idw) Universität Trier

"Wer ist die Nummer 1?" - diese Frage war Thema der Abschiedsvorlesung des Romanisten Prof. Dr. Karl-Heinz Bender. Nach 34 Jahren erfolgreicher Lehr-, Forschungs- und Selbstverwaltungstätigkeit an der Universität und nach vielen Jahren ehrenamtlichen Engagements in der Deutsch-Französischen Gesellschaft wurde Bender zum Ende des Sommersemesters 2005 emeritiert. Der Hörsaal 1, in dem er seit Jahren seine Vorlesungen abhält, war zu der Abschiedsfeier am Mittwoch, den 6. Juli 2005, vollbesetzt. Die Frage nach der Nummer 1, die bereits im Vorfeld viele Spekulationen hervor rief bedurfte in diesem Kontext einer Antwort - und die blieb auch nicht aus: Mit romanistisch-historischem Wissen, Witz und Charme beantwortete Bender die gestellte Frage à la de Gaulle, wie im Text unten näher berichtet wird. Der Trierer Öffentlichkeit ist Prof. Dr. Karl-Heinz Bender als ständiger Vertreter des Präsidenten der Universität Trier im Vorstand der Deutsch-Französischen Gesellschaft und als Organisator einer viel beachteten Vortragsreihe zu den deutsch-französischen Beziehungen bekannt, welche bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft (Otto von Habsburg, August Graf von Kageneck, Alfred Grosser, André Glucksmann u.a.) nach Trier führte.

Wer aber ist die Nummer 1? - Die Beantwortung dieser Frage gab Bender selbst: Wie manche erwartet hatten, ging es dem Emeritus nicht darum, wer die Nummer 1 in der Romanistik weltweit, deutschlandweit oder in Trier sein soll, sondern seine Betrachtungen bezogen sich auf die historisch gewachsenen deutsch-französischen Beziehungen, gipfelnd in der deutsch-französischen Freundschaft seit Charles De Gaulle und Adenauer.
Bender erweiterte den Kontext zu der Frage "Wer ist die Nummer 1 in Europa?" Die in Bezug auf Frankreich und sein Verhältnis zu Deutschland aufgeworfene Frage stelle sich seit der definitiven Teilung des Karolingerreiches, so Bender. Den Fokus seiner Ausführungen legte er vor allem auf die Position des größten französischen Königs, des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Dabei ging der Emeritus nicht so sehr auf die Politik Ludwigs ein, sondern konzentrierte sich in erster Linie auf dessen persönliche Äußerungen in seinen Memoiren und Instruktionen. In einem ersten Fazit aus der Analyse der Memoiren stellte Bender heraus, dass "acht Jahrhunderte nach der karolingischen Reichsteilung, sieben Jahrhunderte nachdem die Kaiserkrone definitiv an das Ostreich gelangt war, ein halbes Jahrtausend nachdem ein französischer König zum erstenmal die Forderung des Kaisers, Nummer 1 zu sein in Europa, abgelehnt hat, der mächtigste aller französischen Könige diese Frage machtpolitisch zugunsten Frankreichs entscheidet." Viereinhalb Jahrzehnte nach der Abfassung der Memoiren korrigiert der Sonnenkönig wenige Monate vor seinem Tod jedoch seine ursprüngliche Position. In seinen Instruktionen ist nicht mehr die Rede von der Rivalität zwischen dem Kaiser und dem König von Frankreich um den ersten Platz in der Christenheit, denn der Sonnenkönig fordert eine "entente cordiale", das heißt eine gemeinsame Bewahrung ihrer beider Vorrangstellungen gegenüber neuen heraufdrängenden Mächten.
So kann man nach Meinung Benders in einer großangelegten Perspektive in dem gealterten Sonnenkönig einen Vorläufer der heutigen deutsch-französischen Zusammenarbeit sehen. In diesem Sinne bekennt sich Charles de Gaulle nach seiner Machtübernahme 1958 zum Modell des Sonnenkönigs, da er beide Staaten gemeinsam herausstellt: "L ´Europe, c´est la France et l´Allemagne! Les autres, c´est les légumes."
Bender selbst zieht hingegen den Kommentar des Literaten Ionesco dem aggressiv-provozierenden Satz des Generals vor: "Charles de Gaulle qui refit de la France un grand pays, qui n´est plus un grand pays depuis qu´il a disparu. Je dirai un jour pourquoi il est nécessaire que la France est un grand pays!" Kann ein Land also groß sein, auch ohne den ersten Platz allein einzunehmen?
Bender betonte in seiner Abschiedsvorlesung, dass die beiden größten französischen Staatschefs - der Sonnenkönig und der Begründer der V. Republik - bereit waren, den ersten Platz mit Deutschland zu teilen: Louis XIV bereits vor der Erbfeindschaft; Charles de Gaulle infolge der Erbfeindschaft, um diese definitiv zu beenden und durch jene Union zu ersetzen, die bereits Ludwig XIV. angestrebt hatte. Dies führte Karl-Heinz Bender zu dem Fazit, dass der Sonnenkönig den größeren Weitblick hatte; der General aber den größeren Erfolg.

Zur Vita
Nach einem Studium der Romanischen Philologie und der Geschichte an den Universitäten Heidelberg und Paris, das er mit der Promotion und dem Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien abschloss, führte ihn sein beruflicher Werdegang zunächst als Assistent von Hans-Robert Jauß an die Universitäten Münster, Gießen und Konstanz. Nach der Habilitation in Konstanz wurde Bender 1971 an die Universität Trier berufen, wo er sich tatkräftig am Aufbau der Fächergruppe Romanistik beteiligte. 1980 erhielt er einen Ruf an die Universität Lausanne in der Schweiz, den er aber zugunsten eines Verbleibs in Trier ablehnte. 1981 bis 1983 war er Dekan des Fachbereiches II "Sprach- und Literaturwissenschaften".

Forschungsschwerpunkte
Aus Benders Schwerpunkten in Lehre und Forschung - der romanischen Heldenepik, den deutsch-französischen Beziehungen und dem facettenreichen Beziehungsgeflecht zwischen Literatur und Macht - gingen zahlreiche Examensarbeiten, Promotionen und Publikationen hervor sowie zwei große Forschungsprojekte. Das erste Forschungsprojekt war der französischen Kreuzzugsepik gewidmet und führte 1984 zum ersten internationalen Kolloquium zur französischen Kreuzzugsepik, das zahlreiche Forscher des In- und Auslandes an die junge Universität Trier führte. Das zweite große Forschungsprojekt, das sich über rund zwei Jahrzehnte erstreckte, führte zu der dreibändigen Edition der Memoiren Johann Christian von Mannlichs, des Hofmalers und Baudirektors am Zweibrücker Hof und späteren Zentralgaleriedirektors in München.

Ehrungen in Frankreich
Seine Forschungen zu den deutsch-französischen Beziehungen bescherten Karl-Heinz Bender nicht nur das aufmerksame Interesse der deutschen und französischen Presse und Politik, sondern auch eine Reihe von Ehrenämtern und Ehrungen: 1988 erhielt er die "Palmes académiques", einen Orden, mit dem Frankreich seine akademischen Eliten auszuzeichnen pflegt. Im Jahre 1990 wurde Bender für seine Verdienste um die deutsch-französischen Beziehungen mit dem "Prix France - Allemagne" durch Alain Poher, den Präsidenten des Senates der Französischen Republik, ausgezeichnet und 2003 wurden Benders "Palmes académiques" mit dem Rang eines "Commandeurs" geschmückt.


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