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Improvisationstheater statt Heldendrama

12.08.2005 - (idw) Private Universität Witten/Herdecke gGmbH

"Forschungsoffensive", Teil 2: Der Wittener Soziologe Prof. Dr. Dirk Baecker empfiehlt der Politik und Organisationen mehr Improvisationsbereitschaft "Die Deutschen scheinen zu glauben, dass die Fähigkeit der Ablehnung und des korrigierenden Eingriffs eine der unverzichtbarsten Konstanten, wenn nicht gar Tugenden ihres Lebens ist." So skizziert Dirk Baecker, Professor für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke, das, was er das "Psycho- und Soziogramm der deutschen Misere" nennt. Viele Bundesbürger, so Baecker, verhielten sich wie ein Schauspieler, der beim Improvisationstheater seinen Einsatz nicht nur verpasst, sondern absichtlich verweigert. Der Wirtschaft, aber auch der Politik, rät der Soziologe zum Modell der "X-Organisationen", die mit "postheroischen" Managementstrukturen eine hohe Flexibilität ermöglichen. Seine jüngsten Forschungsergebnisse und Theorieansätze thematisiert er auch auf der "Biennale für Management und Beratung im System" vom 17. bis 19. November in Berlin.

Zu den Arbeitsschwerpunkten von Prof. Dr. Dirk Baecker gehört der Zusammenhang von Organisationsforschung und Managementlehre. Baecker ist Autor des Standardwerkes "Organisation und Management". Eines seiner aktuellen Forschungsprojekte beschäftigt sich mit den "Grundlinien einer systemischen Managementlehre". Bezogen auf die Kapitalismusdebatte und die Stimmungslage hierzulande verweist er auf eine deutsche Eigenart: "Wir sind nicht nur in Politik und Gewerkschaften, in den Massenmedien und in der Wissenschaft, sondern auch in den meisten Unternehmen gewohnt, den Siegeszug ökonomischer Prinzipien als endgültigen Sieg der Ökonomie über alles andere, die Politik, das Leben und die Menschlichkeit, zu interpretieren und dementsprechend alles dagegen zu mobilisieren, was wir aufbieten können."

Diese kategorische Abwehrhaltung, so Baecker, sei jedoch heutzutage "ohne jede Aussicht auf Erfolg." Welche Strategie bietet sich aber stattdessen an? Professor Baecker fragt, wie es wäre, "wenn wir ausnahmsweise einmal mitspielten und das ökonomische Prinzip nicht als Selbstzweck, sondern als Improvisationsregel für offene Spiele aller Art verstünden?" Zur Illustration seines Denkanstoßes zieht Baecker eine Parallele zwischen der Ökonomie und dem Improvisations-Theater, auch Impro-Theater genannt.

Beim Impro-Theater lassen die Schauspieler, ein Stichwort aus dem Publikum aufgreifend, in spontaner Rede und Erwiderung ein Theaterstück entstehen, wobei es, so Baecker, "alle Beteiligten schaffen, der Geschichte ihre jeweils eigene Wendung zu geben". Allerdings: Wer ein Thema oder einen Zuruf ablehne, zerstöre das Spiel. Für Dirk Baecker enthält das Beispiel vor allem eine Lehre: "Man kann auch Spiele dann mit eigenen Absichten und eigenen Zielen mitspielen, wenn man die Absichten und Ziele der anderen akzeptiert." Das könne man sich in Deutschland zwar schwer vorstellen, tatsächlich aber gebe es eine "schleichende Revolution der Organisationskulturen in Unternehmen und Behörden, Kirchen und Armeen, Orchestern und Krankenhäusern, die wir schon seit einigen Jahrzehnten erleben." Denn Management, so Baecker, habe schon heute mehr mit Improvisation gemeinsam, als viele meinten. "In jedem Unternehmen, in dem etwas nicht Geplantes aber gleichwohl Erfolgreiches, passiert, ist das Prinzip des Improvisationstheaters am Werk."

Fußend auf Beobachtungen wie dieser, entwickelte Baecker das theoretische Modell der "X-Organisationen". Diese Organisationen verfügen idealtypisch auf allen Entscheidungsebenen, vom kleinsten Mitarbeiter bis zum bedeutendsten Vorstandsmitglied, über exakt so viel Improvisationsspielraum, dass sie sich laufend neu und präzise auf Umstände und Chancen einstellen können, die sich wiederum laufend ändern. Hand in Hand mit dieser Flexibilität und Fähigkeit zur Selbstorganisation geht bei X-Organisationen eine "postheroische" Managementstruktur. Dirk Baecker: "Das postmoderne Management versteht sich nicht mehr als Held an der Spitze, der jederzeit den Überblick hat und das Wissen, was zu tun ist." Ein postheroisches Management gebe den verschiedenen Ebenen der Organisation vielmehr den Spielraum, nicht laufend auf Führung zu warten, sondern sich in vielen Belangen selbst zu führen.

Unter dem Aspekt, wie man mit Autonomiespielräumen fruchtbar umgehen kann, erörtert Dirk Baecker die Konzepte der X-Organisationen und des postheroischen Managements auch in seinem neuen Buch "Form und Formen der Kommunikation", das im Oktober erscheinen soll. Vor allem zu den Möglichkeiten einer praktischen Umsetzung referiert er auf einem Kongress, zu dessen Veranstaltern er als Mitarbeiter des Management Zentrum Witten gehört. Diese Einrichtung ist eine mit der Universität assoziierte Weiterbildungs- und Consultingfirma, die sich zum Ziel gesetzt hat, mithilfe der Systemtheorie pragmatische Management- und Beratungsansätze für Organisationen aller Art bereitzustellen. Der Kongress "X-Organisationen - 1. Berliner Biennale für Management und Beratung im System" findet vom 17. bis 19. November statt.


Weiter Infos: Prof. Dr. Dirk Baecker,
Lehrstuhl für Soziologie, 02302/926-500, dbaecker@uni-wh.de
www.x-organisationen.de, www.mz-witten.de (Management Zentrum Witten)
Weitere Informationen: http://www.x-organisationen.de - Kongress vom 17.11. bis 19.11.05 in Berlin http://www.mz-witten.de - Management Zentrum Witten
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