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Franz Josef Strauß: Opfer seiner selbst - oder der Medien?

23.08.2005 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Am 6. September wäre Franz Josef Strauß 90 Jahre geworden. Kaum ein anderer deutscher Politiker der Nachkriegszeit ist noch heute so umstritten. Zu seinem Geburtstag erscheint am 24. August das Buch "Franz Josef Strauß - Ein politisches Leben" des Politologen Dr. Stefan Finger von der Universität Bonn. Darin nimmt der Sohn des Strauß-Fahrers Otto Finger die zahlreichen Affären des CSU-Politikers unter die Lupe und beleuchtet die Rolle, die die Medien - allen voran "Der Spiegel" - dabei spielten. Seine provokante These: Eine über Jahrzehnte ebenso erbittert wie unfair geführte Medienkampagne habe die Kanzlerschaft des Bayern verhindert und ihn über den Tod hinaus diskreditiert. Das Buch basiert auf Fingers Dissertation, für die der Politologe neben Archiv- und Literatur-Recherchen mit mehr als zwanzig Zeitzeugen gesprochen hat - vor allem mit Mitarbeitern und Weggefährten von Franz Josef Strauß, aber auch mit politischen Gegnern wie Egon Bahr oder Hans-Dietrich Genscher. Zu Wort kommt auch Fingers Vater Otto Finger: In den frühen 60er Jahren war er Cheffahrer des damaligen Bundesverteidigungsministers, bis dieser im Zuge der "Spiegel"-Affäre zurücktreten musste.

Gerade das Politmagazin "Der Spiegel" habe schon seit den späten 50-er Jahren jede Chance genutzt, den oft poltrigen und polarisierenden Bayern als Feindbild aufzubauen, so der Politologe. Am 10. Oktober 1962 erschien im "Spiegel" ein Artikel mit dem Titel "Bedingt abwehrbereit" zur Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik. In der Folge wurden "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein und der Verfasser des Artikels Conrad Ahlers wegen des Verdachts auf Landesverrat verhaftet.

Die Öffentlichkeit sah dies als Versuch der Regierung, ein kritisches Magazin mundtot zu machen. Dieser Vorwurf blieb - auch wegen Intrigen in der Bundeswehr-Spitze und dem Bundesnachrichtendienst - vor allem am damaligen Verteidigungsminister Strauß hängen, der schließlich zurücktreten musste. Aus Fingers Sicht hatte Strauß bei der Verhaftung von Conrad Ahlers zwar seine Kompetenzen überschritten und seine Lage durch eine ungeschickte Verteidigungsstrategie verschlimmert. Seinen Rücktritt verdanke er aber vor allem dem gut organisierten "Kesseltreiben" der linksliberalen Presse, die auch danach jede Möglichkeit genutzt habe, ihm mangelnde Selbstkontrolle, korrupte Vetternwirtschaft, Geringschätzung demokratischer Prinzipien und kriegerische Angriffslust zu unterstellen.

Nicht ausreichend gewürdigt sieht Finger bis heute die Verdienste des CSU-Politikers: Während der großen Koalition 1966 bis 1969 war Strauß Finanzminister; in diesen drei Jahren gelang dem Bayern zusammen mit Wirtschaftsminister Karl Schiller das Kunststück, die Staatsverschuldung abzubauen. Auch in der Ostpolitik habe Strauß Akzente gesetzt: Er fädelte 1983 den legendären "Milliardenkredit" für die DDR ein und handelte in diesem Zusammenhang aus, dass Honnecker die Selbstschussanlagen an der deutsch-deutschen Grenze entfernen ließ.

Das oft kolportierte Bild vom angeblichen "Kommunistenfresser" sei absolut unbegründet, meint Finger: Strauß habe schon in den 60er Jahren für eine (wirtschaftliche) Annäherung an den Osten plädiert, dafür allerdings auch Gegenleistungen erwartet - eine Einstellung, die er beim politischen Gegner vermisst habe. Auch Egon Bahr bestätigt, dass Strauß die Substanz der sozialliberalen Ostpolitik "niemals wirklich in Frage gestellt oder für falsch gehalten" habe.

Was Strauß unbestritten fehlte, war Souveränität im Umgang mit den Medien, deren Angriffe er gerne in gleicher Münze heimzahlte. So schrieb Rudolf Augstein 1963 im "Spiegel": "Solange die CSU eine Führer-Partei ist, droht auch dem Staat von Bonn die Gefahr, ein Führer-Staat zu werden" - eine Äußerung, die Strauß nicht verzeihen konnte. Der "Spiegel" könne "mit Akten aus der NS-Zeit fast jeden Deutschen erpressen", konterte er. Das Magazin sei die "Gestapo unserer Tage."


Dr. Stefan Finger: Franz Josef Strauß - Ein politisches Leben. Olzog Verlag München 2005, ISBN 3-7892-8161-1

Kontakt:
Dr. Stefan Finger
Seminar für Politische Wissenschaft der Universität Bonn
Telefon: 0228/72-5078
E-Mail: stefan-finger@uni-bonn.de

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