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Studie: Bei Arbeitslosigkeit gedeiht Rechtsextremismus - "Ost-Sozialisation" als Sündenbock ungeeignet

23.08.2005 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

In Ostdeutschland gibt es jährlich dreimal so viel rechtsextreme Straftaten pro Einwohner wie im Westen - ein Effekt der unterschiedlichen Sozialisation, wie nicht nur Politiker immer wieder behaupten? Mitnichten: Schuld ist vor allem die höhere Arbeitslosenquote in den Neuen Ländern. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Universität Bonn, des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universität Zürich. Nachts in der Straßenbahn in Köln. Ein paar Leute dösen vor sich hin, darunter auch ein Afrikaner. Dann steigen zwei Skinheads ein und beginnen, ihn anzupöbeln. "Was machen die anderen? Schauen sie weg, oder helfen sie?", fragt Professor Dr. Armin Falk, Ökonom am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und der Universität Bonn. "Meine These: Das hängt unter anderem von der wirtschaftlichen Lage ab. Bei ökonomischen Problemen kommen versteckte rassistische Ressentiments an die Oberfläche, und die Bereitschaft, sich für ausländische Mitbürger einzusetzen, sinkt. In einem solchen Klima gedeihen rechtsextreme Straftaten."

Genau 44.403 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund wurden zwischen 1996 und 1999 offiziell vom Bundeskriminalamt registriert. Bei knapp sieben Prozent davon handelte es sich um gewalttätige Übergriffe, vor allem gegen Ausländer. Falk und sein Zürcher Kollege Professor Dr. Josef Zweimüller haben die Zahlen pro Monat und Bundesland mit den Arbeitslosenzahlen des entsprechenden Zeitraums verglichen. Dabei sind sie auf einen signifikanten Zusammenhang gestoßen: Je höher die Arbeitslosenquote war, desto mehr rechtsextreme Straftaten wurden verübt. Allerdings gilt diese Faustformel erst ab einer kritischen Mindestarbeitslosigkeit. Andere landesspezifische Faktoren wie der Anteil junger Männer an der Bevölkerung, die Pro-Kopf-Ausgaben für Jugend- und Sozialhilfe, der Anteil ausländischer Mitbürger oder die Aufklärungsrate von Verbrechen konnten die Unterschiede zwischen den Bundesländern nicht erklären.

Nicht die Arbeitslosen sind die Täter

"Unsere Studie sagt aber nicht: Rechtsextreme Straftaten werden vor allem von Arbeitslosen begangen", betont Professor Falk. "Der Zusammenhang ist viel komplexer." So erhöhe eine hohe Erwerbslosenquote die Existenzangst auch bei denen, die Arbeit hätten. "In einem solchen Umfeld sinkt dann die Bereitschaft, Zivilcourage zu zeigen und gegen rechtsextreme Ausschreitungen einzutreten. Und das wirkt wie eine zusätzliche Ermutigung für die eigentlichen Täter." Beispiel Hoyerswerda: 1991 wurden dort Ausländer mehrere Tage lang von Rechtsradikalen attackiert, ohne dass Augenzeugen versucht hätten, zu helfen. Mehr noch: Viele Zeugen unterstützten die Angriffe sogar noch mit Applaus oder zustimmenden Rufen.

"Ost-Sozialisation" als Sündenbock nicht zu halten

In den ostdeutschen Bundesländern war die Zahl rechter Straftaten pro Einwohner in den Jahren 1996 bis 1999 knapp dreimal so hoch wie im Westen. Viele Soziologen erklären das mit der erst kurzen demokratischen Tradition der Neuen Bundesländer. Allerdings lag im Untersuchungszeitraum die Arbeitslosenquote in den Neuen Ländern ebenfalls um satte 7,1 Prozent über der in Westdeutschland. Falk hat abgeschätzt, wie sich das auf die Statistik ausgewirkt hat: "80 Prozent der Differenz ist allein auf die unterschiedlichen Erwerbslosenzahlen in Ost und West zurückzuführen", resümiert er. "Die unterschiedliche Sozialisation als Sündenbock ist mit unseren Daten nicht zu halten."


Der Originalartikel findet sich im Internet unter
ftp://ftp.iza.org/dps/dp1540.pdf

Kontakt:
Professor Dr. Armin Falk
Universität Bonn / Institut zur Zukunft der Arbeit
Telefon: 0228/3894-112
E-Mail: Falk@iza.org
Weitere Informationen: ftp://ftp.iza.org/dps/dp1540.pdf - Der Originalartikel in englischer Sprache
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