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Bedeutende Funde im Marburger Lichtbildarchiv

15.09.2005 - (idw) Philipps-Universität Marburg

Fotografien von verschollenen Urkunden aus dem 9. Jahrhundert entdeckt - "Glücksfall" unter anderem für ein Bonner Forschungsprojekt über Ludwig den Frommen - Marburger Lichtbildarchiv ist international gefragt Als verschollen oder gar verloren gelten heute viele Originalurkunden aus der Zeit vor dem Jahr 1250, sodass in wissenschaftlichen Dokumentationen vielfach große Lücken klaffen. Häufig sind Forscher dann auf das Marburger Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden angewiesen. Weil man hier bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und damit noch vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Sammeln und Fotografieren der Originale begann, konnten zahlreiche Urkunden für die Nachwelt abgelichtet und festgehalten werden.

Jüngst nun kamen im Lichtbildarchiv, das von Professor Dr. Andreas Meyer vom Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Philipps-Universität Marburg geleitet wird, zwei besonders spektakuläre Exemplare aus den Beständen wieder zum Vorschein, unter anderem zum Nutzen von Theo Kölzer: "Ein ausgesprochener Glücksfall für uns", so der Bonner Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften und Leiter eines wissenschaftlichen Projekts, das die Urkunden Ludwigs des Frommen, des 840 gestorbenen Sohns von Kaiser Karl dem Großen, ediert. Die Urkunde Ludwigs hat besondere Bedeutung: Es ist das einzige erhaltene Stück, das der Kaiser für das Kloster Inden bei Aachen ausstellen ließ. Darin verlieh er dem von Abt Benedikt geleiteten Kloster - Benedikt stand Ludwig seit dessen Zeit als Unterkönig in Aquitanien besonders nahe - Zollfreiheit zu Wasser und zu Land. Die Marburger Abbildung wird nun die Textgrundlage der Bonner Edition bieten.

Der Glücksfall ist Francesco Roberg zu verdanken: "Ich war mit alltäglichen Aufräumarbeiten beschäftigt", sagt der Betreuer des Lichtbildarchivs, "als mir diese Fotografie in die Hände fiel." Roberg wandte sich sogleich an das Historische Seminar der Universität Bonn. Diese vermissten das Original schon länger: Die ursprünglich im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf gelagerte Urkunde war dort 1964/65 bei Umbaumaßnahmen verschwunden und ist seitdem nicht mehr aufgetaucht. Das Marburger Foto "muss daher als Primärquelle gelten", so der Bonner Forscher Kölzer. Weil die Urkunde gemeinsam mit einem Maßstab abgelichtet wurde, konnten seine Mitarbeiter zudem ermitteln, wie groß das Original war.

Noch spektakulärer ist ein zweiter Fund aus der jüngsten Vergangenheit. Wieder geht es um eine Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen, die eine regelrechte Irrfahrt durch halb Europa hinter sich hat. Sie datiert vom 5. Februar 832, in ihr verfügt der Kaiser weitreichende Landschenkungen an seinen Getreuen Aginulf. Auf bisher ungeklärte Weise gelangte sie zunächst in das Archiv des Klosters Inden und von da aus Jahrhunderte später in die Eremitage nach St. Petersburg. Von dort aus verschlug sie das Schicksal in den Besitz des Historikers Ignacy Onacewicz (1780 bis 1845), eines aus Weißrußland stammenden Professors der Universität Wilna, bevor sie um 1900 von "einem Russen", wie ein Gewährsmann zu berichten weiß, der Pariser Nationalbibliothek vergeblich zum Kauf angeboten wurde. Seitdem gilt sie als verschollen.

Die abenteuerliche Geschichte indes ist damit noch nicht am Ende. Im Jahre 1933 stellte der Lemberger Archivar F. Pohorecki dem Marburger Gelehrten Paul Fridolin Kehr eine Fotografie der Urkunde zur Verfügung, die offenbar in der Zwischenzeit gemacht worden war. Kehr (1860 bis 1944), der im Jahr 1894 das Institut für Historische Hilfswissenschaften in Marburg gegründet hatte, wo auch die Urkundenforschung beheimatet ist, nahm das Foto in seine Unterlagen auf. Im Zweiten Weltkrieg allerdings wurden diese in das Salzbergwerk von Neu-Staßfurt in Sachsen-Anhalt ausgelagert, wo sie 1945 verbrannten. "Damit wäre die Odyssee der Ludwigs-Urkunde und ihres Fotos eigentlich zu Ende und der Text für uns endgültig verloren", sagt Roberg, "wenn Kehr sie nicht zuvor dem Leiter des inzwischen gegründeten Lichtbildarchivs, Edmund Ernst Stengel, für die entstehende Sammlung zur Verfügung gestellt hätte. Stengel ließ ein Photo von demjenigen Photo herstellen, das später verbrannte, und rettete damit die Urkunde für die Nachwelt.

Auch unabhängig von den neuen Funden ist das Marburger Lichtbildarchiv für die Forschung "von enormem Wert", so Kölzers Mitarbeiter Jens Peter Clausen. "Hier befinden sich Fotos von etwa einem Drittel der Originale und gefälschten Originale der Urkunden Ludwigs des Frommen. Das hat uns Bonnern gerade in der Anfangsphase der Edition enorm geholfen". Das Lichtbildarchiv sei "ein absolutes Prestigeobjekt", erklärt auch Professor Dr. Andreas Meyer, an dessen Lehrstuhl das Archiv angebunden ist. "Wer immer sich mit mittelalterlichen Urkunden beschäftigt, ob im In- oder Ausland, kennt unsere Sammlung."

Hintergrundinformationen zum Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden

Das Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden sammelt, dokumentiert und erforscht mittelalterliche Urkunden der Zeit bis 1250, die für Empfänger des mittelalterlichen deutschen Reiches ausgestellt wurden und als Originale überliefert sind. Es ist mit seinen rund 16.000 Abbildungen von durchgehend guter bis sehr guter Qualität die größte Einrichtung dieser Art. Zu den mittelalterlichen Urkunden gehören alle "schriftlichen, unter Beobachtung bestimmter, wenn auch nach der Verschiedenheit von Person, Ort, Zeit und Sache wechselnder Formen aufgezeichnete Erklärungen, die bestimmt sind, als Zeugnisse über Vorgänge rechtlicher Natur zu dienen."

Im Mittelalter konnten nur die wenigsten Menschen lesen oder schreiben. Die Urkunden mussten also auch durch ihre äußere Erscheinung und durch ihr Layout wirken, weshalb man sie mit gutem Recht "Plakate des Mittelalters" genannt hat. Zu diesem Zweck nahm man große Stücke Pergament, auf die man den Text in einer feierlich wirkenden Schrift schrieb, unterschiedlich anordnete und mit verschiedenen graphischen Symbolen ausstattete. Das Siegel oder das königliche Monogramm, ein Gebilde, bei dem man die Buchstaben des königlichen Namens zu einem kunstvollen Zeichen ineinander verschränkte, verliehen den Urkunden Rechtskraft und Autorität. Diese Symbole haben alle ihren festen Platz und tragen eine bestimmte Bedeutung; sie sind für den Forscher also von höchstem Interesse.

Im Unterschied zu anderen Quellen ist es daher besonders wichtig, nicht nur den Text der Urkunde, sondern auch ihre äußere Gestaltung zu kennen, weil sonst ein erheblicher Teil ihrer Aussagekraft verlorengeht. Daher ist der Rückgriff auf die Originale oder sehr gute Photos oftmals unentbehrlich. Nur der Vergleich zwischen den Urkunden ebnet dabei den Zugang zu verschiedenen Fragestellungen der Urkundenwissenschaft: Wie sah eine Urkunde Karls des Großen aus? Was verrät das Siegel an der Urkunde Kaiser Barbarossas über die Selbstwahrnehmung des Kaisers? Welche hohen Geistlichen befanden sich zu welchem Zeitpunkt in der Umgebung des Papstes? Gerade für das Erkennen von Fälschungen sind solche vergleichenden Betrachtungen unerlässlich. Während die Originale allerdings in Bibliotheken von Uppsala bis Palermo und von London bis Moskau über Europa verstreut liegen, erlauben die umfassenden Bestände des Lichtbildarchivs eine systematische Untersuchung.


Ansprechpartner

Francesco Roberg M.A.: Institut für mittelalterliche Geschichte der Philipps-Universität Marburg, Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden, Wilhelm-Röpke-Straße 6c, Marburg, Tel.: (06421) 28 24552; E-Mail: roberg@staff.uni-marburg.de
Weitere Informationen: http://www.uni-marburg.de/lba/welcome.html Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden
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