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Binational promovieren: beschwerlich, aber lohnend

12.10.2005 - (idw) Universität Augsburg

Der Historiker Michael Hoffmann hat seinen Doktor gleichzeitig in Augsburg und an der Sorbonne gemacht.
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"Am Ende hat es sich gelohnt", resümiert der Augsburger Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte, Prof. Dr. Andreas Wirsching, die deutsch-französische Doppelpromotion seines Doktoranden Michael Hoffmann: "Er hat mit einer Dissertation zwei Doktortitel erworben - an der Sorbonne in Paris (Paris IV) und an der Universität Augsburg. Als deutscher Historiker, der über die Entstehung einer gemäßigten parlamentarischen Rechten in Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg forschte, hat er einen weiten Weg erfolgreich beendet. Sein unermüdlicher Einsatz ging eine glückliche Verbindung mit dem Interesse der Betreuer und dem durchgehenden Wohlwollen der Administrationen ein. Der zwischen Frankreich und Deutschland bereits seit längerem bestehende kulturpolitische Rahmen füllte sich so mit einem konkreten Bild. Im Ergebnis stehen neben der fachwissenschaftlichen Qualifikation des Kandidaten ein Zugewinn an interkultureller Kompetenz, eine Eintrittskarte in den akademischen Arbeitsmarkt in Frankreich wie in Europa und zuletzt auch ein kleiner Beitrag zur Verlebendigung der deutsch-französischen Beziehungen. Félicitation du jury à l'unanimité!"

Im Folgenden Michael Hoffmann selbst über den, wie er sagt, beschwerlichen, aber lohnenden Weg einer deutsch-französischen Doppelpromotion, den er erfolgreich gegangen ist: Am 17. Juni 2005 wurde ich nach der Verteidigung meiner Dissertation über die parlamentarische Rechte im Frankreich der 1920er Jahre - betreut vom Augsburger Neuhistoriker Professor Andreas Wirsching und seinem Pariser Fachkollegen Professor Georges-Henri Soutou - an der Universität Augsburg und an der Universität Paris-IV-Sorbonne gleichzeitig promoviert.

MEHRARBEIT FÜR DEN DOKTORANDEN

Dass eine solche "cotutelle de thèse" nach wie vor sehr selten durchgeführt wird, liegt an der notwendigen Harmonisierung zweier Promotionsordnungen unterschiedlicher nationaler Tradition und der damit verbundenen Mehrarbeit für den Doktoranden. Dies betrifft sowohl die administrativen Vorgaben und Verwaltungswege wie auch die Tatsache, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse der Arbeit in beiden Sprachen auf die eine oder andere Weise präsentiert werden müssen.

ZWISCHEN MAGISTER UND PROMOTION: DAS DEA

Für mich hieß dies konkret, dass ich nach einem Jahr Archivforschungen in Frankreich im Herbst 2003 zunächst ein sogenanntes DEA (diplôme des études approfondies) in französischer Sprache für die Sorbonne anfertigte, um überhaupt zum Doktorat zugelassen zu werden. Das DEA besitzt kein Äquivalent an deutschen Universitäten und ist eine Zwischenstufe zwischen dem Magister und der Promotion, in der vor allem die Thematik, das methodische Vorgehen, die empirische Basis und ein erstes Kapitel auf etwa 150 - 200 Seiten vorgestellt werden sollen. Erst danach wird man in das zentrale Register aller französischen Doktoratsprojekte aufgenommen und einer Ecole Doctorale der Universität zugeteilt.

COTUTELLE-VERTRAG

Der nächste Schritt war sodann die Übereinkunft der beiden Universitäten in einem Cotutelle-Vertrag, in dem das gemeinsame Promotionsverfahren festgelegt wurde. Entscheidend hierfür war die Tatsache, dass die Promotionsordnungen beider Universitäten eine Öffnungsklausel enthielten, die eine derartige Übereinkunft erlaubte und Spielraum für die konkreten Regelungen bei der Begutachtung und der mündlichen Prüfung gab. Der Cotutelle-Vertrag musste sowohl von den beiden Betreuern wie auch dem Präsidenten der Sorbonne bzw. dem Dekan der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg unterzeichnet werden. In meinem Fall sah er unter anderem vor, dass die Dissertation auf Deutsch geschrieben werden konnte, die soutenance der Arbeit (entspricht der deutschen Disputatio) aber auf Französisch in Paris erfolgen musste.

FÜNF GUTACHTER UND PRÜFER

Obwohl Einschreibung, Rückmeldung, die für Frankreich notwendige Krankenversicherung, verschiedenen Resümees etc. an beiden Universitäten über drei Jahre hinweg zeitraubend waren, lag die eigentliche Herausforderung schließlich bei der Bestellung der Gutachter, der Terminfindung und den Abgabemodalitäten. Laut Vertrag mussten zwei externe Gutachter, die nicht den beiden Universitäten angehören, ein befürwortendes Vor-Gutachten (pré-rapport) für die Sorbonne erstellen, damit überhaupt eine Zulassung zur soutenance erfolgen konnte. Neben diesen beiden Gutachtern, ein Deutscher und ein Franzose, und den beiden Betreuern der Arbeit musste ferner noch ein zweiter Gutachter von der Sorbonne bestellt werden, der den Vorsitz bei der mündlichen Prüfung übernahm. Schließlich galt es auch noch die Bedingung der Augsburger Fakultät zu erfüllen, wonach einer der mündlichen Prüfer "fachfremd" sein musste: In meinem Fall konnte man dies so legen, dass der zweite externe deutsche Gutachter gleichzeitig "fachfremd" war, so dass insgesamt also fünf Gutachter und mündliche Prüfer am Ende ausreichten.

... UND TAGS DARAUF IN PARIS

Es war erwartungsgemäß schwierig, einen Termin für die mündliche Prüfung zu finden, an dem alle Gutachter Zeit hatten, nach Paris zu kommen. Dieser wurde bereits im Januar 2005 auf den 17.6.2005 festgelegt, so dass die an beiden Universitäten vorgeschriebenen Fristen eingehalten werden konnten. Nach der Abgabe der Arbeit, die am 29.3. in Augsburg und am 30.3. in Paris persönlich erfolgte, mussten die zwei Vor-Gutachten mindestens zwei Monate vor der eigentlichen soutenance an der Sorbonne eingehen, alle Gutachten jedoch mindestens drei Wochen davor an der Universität Augsburg zur Auslage.

NEUN EXEMPLARE, AUSFÜHRLICHES FRANZÖSISCHES RESÜMEE, KURZE ENGLISCHE ZUSAMMENFASUNG

Was die Abgabemodalitäten betrifft, habe ich ebenfalls versucht, die beiden nationalen Traditionen und Standards zu harmonisieren, indem ich z. B. die in Deutschland übliche Zitierweise verwendet habe, jedoch den Aufbau der Arbeit der in Frankreich üblichen, sehr viel stärker strukturierten formalen Anlage nachempfunden habe. Es waren ferner auch insgesamt neun identische Exemplare der Dissertation ohne zeitlichen Verzug bei den beiden Universitäten und den fünf Gutachtern abzugeben, sowie für die Sorbonne auch ein französisches Resümee, eine Aufstellung der wissenschaftliche Erkenntnisse der Arbeit sowie eine kürzere englische Zusammenfassung. Nach Überprüfung der formalen Kriterien sowie nach Eingang der Gutachten an den jeweiligen Universitäten wurde ich dann förmlich zur Verteidigung meiner Arbeit am 17.6.2005 in Paris geladen.

GANZ IN FRANZÖSISCHER TRADITION CORAM PUBLICO

Die soutenance fand, ganz in französischer Tradition, im offiziellen Sitzungssaal der Sorbonne coram publico statt, wobei sich die Zuhörer aufgrund eines heißen Freitagnachmittags nicht allzu zahlreich einfanden. Das Procedere der etwa dreistündigen Verteidigung bestand im Vortrag der Gutachten durch die Prüfer, zunächst der beiden Betreuer, dann der beiden externen Gutachter und schließlich des Vorsitzenden der Jury. Im Anschluss an jedes Gutachten wurden vom Prüfer Fragen zu einzelnen Themen, zu Begrifflichkeiten oder zur Methodik gestellt, die in gebotener Länge von mir beantwortet werden mussten. Die gesamte Disputation fand ausschließlich in französischer Sprache statt, wobei aus dem Dialog Prüfer-Prüfling gegen Ende der Prüfung auch ein Colloquium aller Prüfenden wurde. Nach etwa drei Stunden zog sich die Jury dann zur Beratung zurück und erklärte mich, nach Wiedereintritt in den Saal, zum docteur en histoire.

ETABLIERTE VERWALTUNGSMÜHLEN

Alles in allem bin ich sehr froh, ein derartiges binationales Promotionsverfahren angegangen zu sein, obwohl es sicherlich auch Durststrecken auf dem Weg dahin gab, die aus dem notwendigen Kampf gegen etablierte Verwaltungsmühlen herrührten. Es war dabei sehr hilfreich, dass meine beiden Betreuer ein energisches Wollen zum Gelingen des Verfahrens zeigten und ihren Einfluss bei einigen Formalien geltend machen konnten. Die in Sonntagsreden gern zitierte deutsch-französische Zusammenarbeit lässt sich eben auf einer sehr konkreten, wissenschaftlichen Ebene auch nur mit Mühe durchführen, die sich am Ende jedoch lohnt.

GROSSE VORTEILE BEIM FORSCHEN

Obwohl das binationale Promotionsverfahren den geschilderten erheblichen Mehraufwand erfordert, bringt es dem Doktoranden auch große Vorteile bei seiner Forschung. Da ich für mein Thema ausschließlich in französischen Archiven und Bibliotheken arbeiten musste, war es von großem Nutzen, an der Sorbonne eingeschrieben zu sein und einen bekannten französischen Betreuer zu haben. Der Zugang zu Materialien wird erheblich erleichtert, wenn man ein offizielles Dokument einer französischen Universität vorzeigen kann. Außerdem gewinnt man gerade in den Provinzialarchiven enorm an Prestige, wenn man zum einen die Sorbonne als alma mater hat und zum andere sich überhaupt die Mühe macht, in einer fremden Sprache zu forschen und zu arbeiten.

HARTNÄCKIGKEIT STATT EUROPA-EUPHORIE

Die binationale Promotion mit einer französischen Universität über ein französisches Thema ist ein beschwerlicher, letztendlich aber lohnender Weg, einmal, weil mit der Vertiefung in die Geschichte eines anderen Landes - auch wenn es ein europäischer Nachbar ist - ein grundsätzlicher kultureller Transfer geleistet werden muss, der aus der besonderen Entwicklung Frankreichs seit 1789 resultiert. Zum zweiten müssen inhaltlich, formal und administrativ zwei Denktraditionen vereinbart werden, deren Unterschiede eben nicht einfach durch politische Deklarationen zur deutsch-französischen Zusammenarbeit hinweggewischt werden können. In dieser Hinsicht ist das Cotutelle-Verfahren ein Projekt, das gerade nicht durch eine übertriebene und substanzlose Europa-Euphorie, sondern allein durch Hartnäckigkeit und Mühe gelingen kann.

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KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:
Prof. Dr. Andreas Wirsching
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon 0821/598-2496
andreas.wirsching@phil.uni-augsburg.de

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