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Der Wechsel zwischen den Sphären

12.10.2005 - (idw) VolkswagenStiftung

Weitere vier Nachwuchskräfte aufgenommen ins "Brückenprogramm zwischen Wissenschaft und Praxis in der Transformation des Sozialstaates" Den Blick auf die andere Seite wagen - und dann mit neuen Erkenntnissen die eigene Arbeit fortsetzen: Ein Wechsel von der Wissenschaft in die Praxis oder umgekehrt, von der Praxis in die Wissenschaft, kann ein wichtiger Karrierebaustein sein. Mit dem "Brückenprogramm zwischen Wissenschaft und Praxis in der Transformation des Sozialstaates" gibt die VolkswagenStiftung Praktikern und Wissenschaftlern im Alter von etwa 30 bis 45 Jahren die Möglichkeit, die jeweils andere Arbeitssphäre in diesem Themenfeld kennen zu lernen. Damit möchte die Stiftung nachhaltig dazu beitragen, starre Karriereerwartungen und -muster aufzulockern.

Charakteristisch für das Programm ist, dass die "Brückenschläge" in beide Richtungen erfolgen können: Zum einen sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach thematisch einschlägigen Forschungsarbeiten Erfahrungen sammeln in geeigneten Organisationen der staatlichen und außerstaatlichen Praxis - auch im europäischen Ausland und bei internationalen Organisationen. Andererseits sollen sich entsprechend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solcher Organisationen, also "Praktiker", eine vertiefte Orientierung in der Grundlagenforschung erarbeiten können. Arbeitsgegenstand müssen jeweils Probleme der Sozialstaatstransformation in Deutschland und im internationalen Rahmen sein. Die von der Stiftung geförderte Dauer der Arbeitsaufenthalte liegt bei sechs bis zwölf Monaten.

Im Zuge der diesjährigen Ausschreibungsrunde hat die VolkswagenStiftung vier neue Personen in das Programm aufgenommen, von denen zwei bereits mit ihrer Arbeit begonnen haben. Die beiden anderen starten im Oktober und November. Wir stellen Ihnen die vier Projekte im Folgenden vor!

1. Mit 84.000 Euro fördert die Stiftung den einjährigen Arbeitsaufenthalt von Dr. Joachim Lange an der Universität Bremen im dortigen Zentrum für Sozialpolitik, Abteilung Theorie und Verfassung des Wohlfahrtstaates (Beginn am 1.11.2005). Joachim Lange ist Studienleiter für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Evangelischen Akademie Loccum. Sein Thema: "Sozialversicherung - auf dem Weg zum Regulierungsstaat? Stand und Perspektiven der deutschen Sozialstaatsreform anhand eines deutsch-britischen Vergleichs der Reformen der Arbeitslosen- und Rentenversicherung".

Über die Zukunft der Sozialversicherungssysteme wird seit Jahren intensiv diskutiert. Einst galt das deutsche Modell zur Absicherung existenzieller Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Unfall, Pflegebedürftigkeit oder Alter als weltweit vorbildlich. Doch steigende Kosten, eine höhere Arbeitslosigkeit und die demographische Entwicklung der Gesellschaft lassen zunehmend die Grenzen des Systems spürbar werden. Zudem sehen Experten als problematisch an, dass öffentliche Versicherungsträger, die das System beherrschen, durch ihre Monopolstellung weniger dynamisch und flexibel auf die aktuellen Entwicklungen reagieren. Inzwischen haben sich die Beitragszahler sogar darauf eingestellt, dass sie trotz steigender Beiträge in vielen Fällen mit sinkenden Leistungen rechnen müssen.

Ähnlich wie bereits vor Jahren bei der Energie- und Wasserversorgung, dem öffentlichen Personennahverkehr oder der Telekommunikation, stellen sich Fachleute wie Politiker zunehmend die Frage, ob - staatlich reguliert - mehr Wettbewerb und die Einbindung von privaten Anbietern auch bei der Sozialversicherung zu mehr Effizienz führen könnte. Hier setzt das Forschungsinteresse von Joachim Lange an. Als Beitrag zur sozialpolitischen Reformdebatte in Deutschland will er Potenziale und Risiken für den Übergang zum Regulierungsstaat verdeutlichen und mögliche Regulierungsansätze herausarbeiten. Dazu vergleicht er die Arbeitslosen- und Rentenversicherungssysteme von Deutschland und Großbritannien. Im ersten Schritt will er erfassen, welche staatlichen Leistungen reduziert werden und wo stattdessen privatwirtschaftliche Akteure einbezogen werden. Lange erhofft sich auch Hinweise darauf, welche der Regulierungsansätze Erfolg versprechen und welche Rahmenbedingungen deren Umsetzung fördern oder behindern.
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Kontakt
Dr. Joachim Lange
E-Mail: joachim.lange@evlka.de
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2. Mit 105.000 Euro unterstützt die Stiftung den einjährigen Arbeitsaufenthalt von Dr. Ursula Matschke am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement der Universität Stuttgart (Beginn: 15.10.2005). Ursula Matschke ist Gleichstellungsbeauftragte bei der baden-württembergischen Landeshauptstadt und trägt die Projektverantwortung für die kommunale Umsetzung von Hartz IV. Ihr Thema: "Flexibilisierung und Integration des Arbeitsmarktes durch Hartz IV: nationale Zielsetzung und kommunalpolitische Umsetzungsstrategien".

Große Ziele haben sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) im Frühjahr 2000 in Lissabon gesetzt: Die EU soll bis zum Jahr 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt werden. Mehr und bessere Arbeitsplätze, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum, ein größerer sozialer Zusammenhalt - so die Schlagworte. Die deutsche Bundesregierung versucht dieses Ziel im Rahmen der Agenda 2010 durch eine Reihe von Reformen zu erreichen. Wesentlicher Bestandteil ist dabei der Wandel hin zu einer aktiven Beschäftigungspolitik, die nicht nur die Erwerbstätigkeit erhöht und Arbeitslose und "Problemgruppen" in den Arbeitsmarkt eingliedert, sondern dem Bürger gleichzeitig mehr Eigenverantwortung auferlegt.

Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch die Hartz IV-Reform stellt insbesondere die Kommunen vor große Herausforderungen, da sie die passenden Organisationsstrukturen erst entwickeln müssen. Für die Umsetzung von Hartz IV gibt es derzeit zwei Möglichkeiten: mit der Bundesagentur für Arbeit im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft zusammenzuarbeiten - hierfür hat sich etwa die Stadt Stuttgart entschieden - oder, wie die Stadt Wiesbaden, die Leistungsträgerschaft im Rahmen der "kommunalen Optierung" in Eigenregie zu übernehmen.

Ursula Matschke wird im Rahmen ihres Arbeitsaufenthalts die diesbezüglichen Organisationsstrukturen beider Städte untersuchen und deren wirtschafts-, beschäftigungs- und gesellschaftspolitische Effizienz bewerten. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht neben der Prozessorganisation, der Kunden- und Mitarbeiterorientierung und der Wirtschaftlichkeit beider Modelle auch deren gesellschaftspolitische Dimension. Kriterien dafür sind Sozialstandards, Frauenförderung oder Chancengleichheit. Die Untersuchungsergebnisse sollen einen praktischen Beitrag leisten im Hinblick auf eine effektivere Zusammenarbeit von Arbeitsagenturen, Sozialämtern und Sozialhilfeträgern.
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Kontakt
Dr. Ursula Matschke
E-Mail: ursula.matschke@stuttgart.de
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3. Mit rund 39.000 Euro fördert die Stiftung den sechsmonatigen Arbeitsaufenthalt von Dr. Nils Schneider bei der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten in Berlin (Beginn: 1.07.2005). Nils Schneider kommt von der Medizinischen Hochschule Hannover, Abteilung für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitsforschung. Sein Thema: "Zielgruppenspezifische Strategien für alte und hoch betagte Menschen bei der Optimierung der Patientenorientierung im Gesundheitswesen".

Finanzielle Engpässe in der Gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland treffen besonders die alten Menschen. Viele leiden an chronischen Erkrankungen oder an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Die Gestaltung und der Ablauf der Gesundheitsversorgung dieser Patientengruppe sind häufig nicht auf deren spezifischen Anforderungen zugeschnitten. Hier besteht ein erheblicher Verbesserungsbedarf.

Mit dem Ziel, die Belange von Patientinnen und Patienten im Gesundheitswesen stärker zu berücksichtigen und die Patientenversorgung zu optimieren, wurde im Jahr 2004 beim Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung in Berlin das Amt einer Patientenbeauftragten eingerichtet. Ein Mitarbeiterstab, zu dem Juristen, Ärzte und Politikwissenschaftler gehören, beantwortet dort Anfragen von Patientinnen und Patienten und lässt daraus ersichtliche Themen in die politischen Gestaltungsprozesse des Gesundheitswesens einfließen. Nils Schneider arbeitet während seines Arbeitsaufenthalts im Team der Patientenbeauftragten mit und wertet Anfragen, die alte und hoch betagte Menschen betreffen, systematisch aus. Anhand seiner Ergebnisse sollen künftige Schwerpunkte der Arbeit der Patientenbeauftragten definiert werden, die es ermöglichen, die Gesundheitsversorgung "altengerechter" zu gestalten.
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Kontakt
Dr. Nils Schneider
E-Mail: schneider.nils@mh-hannover.de
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4. Mit rund 75.000 Euro fördert die Stiftung den achtmonatigen Arbeitsaufenthalt von Professor Dr. Welf Werner im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA), Abteilung Europapolitik, Internationale Beschäftigungs- und Sozialpolitik (Beginn: 1.06.2005). Welf Werner hat sich für Volkswirtschaftslehre habilitiert und ist Professor an der School of Humanities and Social Sciences der International University Bremen (IUB). Sein Thema: "Sozial- und beschäftigungspolitische Herausforderungen der Globalisierung".

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt - allen politischen Lösungsansätzen zum Trotz - seit dreißig Jahren kontinuierlich an. Zugleich bewegt sich das Wirtschaftswachstum auf niedrigem Niveau, obwohl deutsche Produkte, vor allem im Hochtechnologiebereich, weltweit Absatzmärkte finden. Die genannten Entwicklungen belasten die Sozialsysteme zunehmend. Kürzungen, wie zuletzt durch die Hartz-IV-Gesetze, sind die Folge. Durch die globale Vernetzung wächst zudem der Druck auf die nationalen Arbeitsmärkte, sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen. Doch während Deutschlands Wirtschaft stagniert, haben EU-Staaten wie Großbritannien oder Irland, die in den vergangenen Jahren andere arbeitsmarktpolitische Wege gegangen sind, eine hohe Wirtschaftsdynamik entfalten können. Hat Deutschland die falsche Strategie?

Um den Abwärtstrend zu stoppen, werden sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene Reformvorschläge erarbeitet. Aufgabe des BMWA ist es unter anderem, sie in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Professor Werner begleitet und bewertet die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Initiativen der Europäischen Union, der internationalen Arbeitsorganisation ILO, der großen Industriestaaten G8 und des Asia-Europe-Meeting (ASEM), und er analysiert deren Umsetzung in Deutschland. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den beschäftigungspolitischen Initiativen im europäischen Rahmen, aus denen sich auf der Grundlage der Europäischen Beschäftigungsstrategie Empfehlungen für Deutschland ableiten. Der Wissenschaftler stellt aber nicht nur die Inhalte der Initiativen und deren Sinn und Zweck für die deutsche Arbeitsmarktpolitik auf die Probe, sondern auch die Entscheidungsabläufe im Ministerium und deren Ergebnisse. Denn die geringen Erfolge der Arbeitsmarktpolitik könnten auch auf ein Umsetzungsproblem zurückzuführen sein. Die Ergebnisse vergleicht Werner mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und erfolgreichen arbeitsmarktpolitischen Strategien anderer Industriestaaten. Daraus lassen sich, so hofft der Forscher, wertvolle Hinweise für die deutsche Arbeitsmarktpolitik ableiten.
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Kontakt:
Professor Dr. Welf Werner
E-Mail: w.werner@iu-bremen.de
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Nähere Informationen zur Ausschreibung stehen auf der Homepage unter http://www.volkswagenstiftung.de/brueckenprogramm zum Download zur Verfügung. Das Merkblatt für Antragsteller und ein Informationsfolder können auch bei der Stiftung angefordert werden: bei Silvia Birck unter Telefon 0511 8381 246 oder birck@volkswagenstiftung.de.

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Kontakt

VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Christian Jung
Telefon: 0511 8381 380

E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt
Ausschreibung Brückenprogramm zwischen Wissenschaft und Praxis in der Transformation des Sozialstaates

VolkswagenStiftung
Dr. Alfred Schmidt
Telefon: 0511 8381 237
E-Mail: schmidt@volkswagenstiftung.de
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Der Text der Presseinformation steht im Internet zur Verfügung unter http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse05/12102005.pdf

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