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Heidelberger Forschungsmagazin "Ruperto Carola 3/2002": Wozu Rituale gut sind

16.12.2002 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Weiteres Themenspektrum: Rezepte "vor das Juckenn an haimlichen ortenn" - Mikrofinanzierung als Allheilmittel zur Armutsbekämpfung? - Heiße Quanten kalt erwischt - Die "RAGE-Hypothese": Ein neuer Schlüssel zum Verständnis chronischer Erkrankungen - Das Forschungsnetz "Bioquant"

Ob Taufen oder Hochzeitsfeiern, Jugendweihen, Pilgerfahrten oder Preisverleihungen - auch in modernen Gesellschaften schwinden Rituale nicht. Stattdessen entstehen, so zeigt das soeben erschienene Forschungsmagazin der Universität Heidelberg, überall neue Ritualisierungen mit atemberaubender Dynamik. "Ruperto Carola 3/2002" stellt einen einzigartigen Sonderforschungsbereich der Universität vor, in dem Wissenschaftler klären wollen, wozu Rituale in verschiedenen Kulturen, Zeiten und Regionen eigentlich notwendig sind. In das auf zwölf Jahre angelegte Projekt sind 15 Fächer von der Ägyptologie über die medizinische Psychologie bis zur Liturgiewissenschaft eingebunden. Axel Michaels, der Sprecher des Sonderforschungsbereiches, fasst in der Titelgeschichte des Magazins die Ziele des ehrgeizigen Vorhabens zusammen.

Das weitere Themenspektrum reicht vom "Juckenn an haimlichen ortenn" - Rezepten für den fürstlichen Hof aus dem Schatz der Universitätsbibliothek Heidelberg - bis hin zur Frage, ob Mikrofinanzierung wirklich Allheilmittel zur Armutsbekämpfung sein kann. Weiter geht es um magnetische Kalorimeter, die bei extrem tiefen Temperaturen betrieben werden, sowie die "RAGE-Hypothese", einen neuen Schlüssel zum Verständnis chronischer Erkrankungen. Das Forschungsnetz "Bioquant" stellt sich vor.

Prorektor Chaniotis kritisiert realitätsfremde Denkschrift des Landesrechnungshofes zur Slavistik

Im Editorial des neuen Heftes setzt sich Prorektor Prof. Dr. Angelos Chaniotis kritisch mit einer Denkschrift des baden-württembergischen Rechnungshofs auseinander, nach der mehr als die Hälfte der Studienplätze im Fach Slavistik gestrichen werden sollen und eine Konzentration auf ein, höchstens zwei Zentren befürwortet wird. In Anspielung auf "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" schreibt Chaniotis: "Dass eine Seifenoper das Klischee des faulen, auf seinen eigenen Gewinn bedachten Professors bedient und zudem das verzerrte Bild einer von der Forschung völlig abgekoppelten Lehre vermittelt, sollte die akademische Welt nicht erschüttern. Wenn aber eine ernstzunehmende Institution wie der baden-württembergische Rechnungshof das tut, kann darüber nicht hinweggesehen werden."

Bei der Berechnung der Auslastung des Faches Slavistik in den Landesuniversitäten berücksichtige der Rechnungshof nur die Lehre - nicht aber die für das Fortbestehen und die weitere Entwicklung des Faches notwendige Forschung. "Der Rechnungshof hat damit einen elementaren, auch im Universitätsgesetz des Landes verankerten Tatbestand außer Acht gelassen: Aufgaben der Universität sind Lehre und Forschung - und gerade die forschungsnahe Lehre ermöglicht es einer Universität, sich im nationalen und internationalen Wettbewerb zu bewähren", so Chaniotis.

Ein akademisches Fach sei Teil eines Netzwerkes von Disziplinen, die in Forschung und Lehre kooperieren. Es dürfe deshalb niemals isoliert betrachtet werden. Das Lehrangebot gerade des Faches Slavistik sei für ein breites Spektrum von Disziplinen wichtig, etwa die Betriebs- und Volkswirtschaft, osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaft oder die Literaturwissenschaften. "Die Forschungskontakte einer Universität nach Osteuropa - etwa die Partnerschaften der Universität Heidelberg mit den Universitäten in Krakau, Petersburg und Prag - hängen sehr wohl davon ab, ob an einer Universität Slavistik betrieben wird oder nicht." Das Fach Slavistik sei leider nicht das einzige Opfer einer derart realitätsfremden Betrachtung, kritisiert der Prorektor und wendet sich vehement gegen eine "Flurbereinigung" in den "kleinen Fächern" der Geisteswissenschaften.

"Vor das Juckenn an haimlichen ortenn"

Ein weiterer Hauptbeitrag des neuen Magazins thematisiert "das Juckenn an haimlichen ortenn". Nicht nur Kenner schätzen den Stolz der Heidelberger Universitätsbibliothek, Handschriften wie Codex Manesse, Sachsen-Spiegel, Rolandslied oder Parzival. Wer von der "Bibliotheca Palatina" spricht, denkt zuerst an Minnesang und prachtvoll illuminierte Manuskripte. Viele der in Heidelberg verwahrten Schriften sind jedoch keine schöne Literatur, sondern Fachprosa, vor allem aus dem medizinischen Bereich. Dieser Schatz an Schriften wird derzeit erschlossen. Karin Zimmermann, Matthias Müller und Wolfgang Eckart erläutern das Projekt in "Ruperto Carola 3/2002" und stellen einige bislang unbekannte, ihn ihrer Art einzigartige "Rezepte für den Hof" vor.

Mikrofinanzierung: Allheilmittel gegen Armut?

Die Mikrofinanzierung - Klein(st)kredite für Menschen, die wegen ihrer Armut normalerweise nicht von Banken bedient werden - gilt als "Allheilmittel" zur Armutsbekämpfung. Mittlerweile existieren weltweit Hunderte von Mikrofinanz-Institutionen, seit neuestem auch in Osteuropa und Zentralasien. Eva Terberger vom Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre der Universität Heidelberg betrachtet im nächsten Text kritisch, wie berechtigt die Hoffnungen wirklich sind, die in dieses Versprechen nicht zuletzt von den Armen selbst gesetzt werden.

Heiße Quanten kalt erwischt

Wissenschaftlern des Kirchhoff-Instituts für Physik der Universität Heidelberg ist es gelungen, magnetische Kalorimeter zu entwickeln, die bei extrem tiefen Temperaturen betrieben werden. Die neuen Werkzeuge stehen jetzt für eine breite Palette von Anwendungen zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe kann beispielsweise nach bislang unbekannten Elementarteilchen gesucht werden, aus denen möglicherweise ein Großteil der "dunklen Materie" und damit rund 90 Prozent aller Materie im Universum besteht. Christans Enss vom Kirchhoff-Institut erläutert anschaulich, wie die neuen Tieftemperaturdetektoren arbeiten - und was sie können.

Schlüssel zum Verständnis chronischer Erkrankungen

Die Suche nach den Ursachen von Alter und Krankheit und der Wunsch, diesen Prozessen entgegenzuwirken, beschäftigt Wissenschaftler und Ärzte schon seit Jahrhunderten. In jüngster Zeit wurde ein Rezeptor - eine "Antenne" auf der Oberfläche von Zellen - entdeckt, der offensichtlich Moleküle erkennen kann, die bei chronischen Erkrankungen und während des Alterns vermehrt auftreten. Angelika Bierhaus und Peter Nawroth aus der Medizinischen Klinik der Universität Heidelberg erläutern in einem weiteren Text die neue spannende "RAGE-Hypothese", die sich als Schlüssel für das Verständnis - und die künftige Behandlung - typischer Alterserkrankungen erweisen könnte.

"Bioquant" - ein neues Forschungsnetz

Zu Beginn des Jahres 2002 beschloss der Ministerrat Baden-Württembergs eine Reihe von Bauvorhaben für die lebenswissenschaftliche Forschung. Unter den bewilligten Neubauten ist ein zentrales Gebäude für das Forschungsnetz "Bioquant" der Universität Heidelberg mit einer Nutzfläche von 5000 Quadratmetern. Die "Ruperto Carola" sprach mit einem der Hauptakteure in Heidelberg, dem Virologen Hans-Georg Kräusslich. Was das Kompetenznetzwerk "Quantitative Analyse molekularer und zellulärer Biosysteme" - dafür steht "Bioquant" - erreichen will, skizziert Kräusslich im Gespräch mit Pressesprecher Michael Schwarz.

Die ständigen Rubriken runden das Forschungsmagazin ab. "Aus der Stiftung Universität Heidelberg" skizziert die Arbeiten der Träger des Ruprecht-Karls-Preises, in "Kurzberichte junger Forscher" geht es um die Ozonschicht und ihre Zukunft. Unter "Meinungen" setzen sich Jochen Tröger und Brigitte Tag mit dem Hagl-Urteil und seinen Folgen für die Forschung auseinander. Eine Übersicht über die am höchsten dotierten neuen Drittmittelprojekte vervollständigt das Heft.

Verlag des Forschungsmagazins ist der Universitätsverlag C. Winter Heidelberg. Ein Einzelheft kostet 5 Euro plus Versand. Es kann, ebenso wie das Förderabo für 30 Euro (vier Ausgaben), bestellt werden bei: Pressestelle der Universität Heidelberg, Postfach 10 57 60, 69047 Heidelberg. Kostenlose Ansichtsexemplare früherer Hefte liegen im Foyer der Alten Universität aus.

Weitere Informationen und Volltexte früherer Ausgaben der "Ruperto Carola":

http://www.uni-heidelberg.de/presse/publikat.html

Rückfragen bitte an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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