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Studium Generale Wintersemester 2005/2006: "Die (neue?) Kraft der Rituale"

19.10.2005 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Traditionsreiche öffentliche Vorlesungsreihe der Universität Heidelberg beginnt am 7. November - Diesmal in Zusammenarbeit mit dem Sonderforschungsbereich 619 "Ritualdynamik" - Jeweils montags 19.30 Uhr in der Aula der Neuen Universität (Am Universitätsplatz) Seit einigen Jahren hat sich die Diskussion um den Nutzen von Ritualen wieder belebt. Der Heidelberger Sonderforschungsbereich 619 "Ritualdynamik" der Deutschen Forschungsgemeinschaft beteiligt sich intensiv an dieser Diskussion, indem er vornehmlich die Dynamik von Ritualen in kulturvergleichender Perspektive untersucht. Dabei geht es um die Frage, inwieweit Rituale immer wieder neu belebt, teilweise sogar neu erfunden werden, aber auch inwieweit Rituale in bestimmten Lebensbereichen immer mehr als nötig beziehungsweise hinderlich empfunden werden oder wurden.

Zu den Ritualen der Politik wird Prof. Dr. Thomas Meyer von der Friedrich-Ebert-Stiftung sprechen und damit die Vortragsreihe eröffnen (7. November).

In der darauf folgenden Woche widmen sich Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger und Prof. Dr. Gerd Althoff von der Universität Münster dem Thema "Rituale der Macht im Mittelalter" (14. November).

Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte von der Humboldt-Universität Berlin präsentiert "Das Theater der Rituale" (21. November), gefolgt vom Heidelberger Theologen Prof. Dr. Gerd Theißen, der sich mit den "Ritualen der Kirche" befasst.

Auch drei Mitglieder des Sonderforschungsbereichs gehören zu den Referenten. Prof. Dr. William S. Sax spricht zum Thema "Heilen Rituale?" (5. Dezember), Prof. Dr. Axel Michaels, der Sprecher des SFB Ritualdynamik und Initiator der Vorlesungsreihe, über "Rituale des Übergangs" (16. Januar) und Prof. Dr. Jan Assmann über "Ritual und Kunst: Mozarts Zauberflöte" (23. Januar).

Um die "Rituale der Liebe" geht es im Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Neumann aus München am 12. Dezember.
Weitere Vorträge halten Prof. Dr. Christoph Wulf von der Freien Universität Berlin am 30. Januar ("Die Erzeugung des Sozialen in und durch Rituale") und Prof. Dr. Michael Oppitz vom Völkerkundemuseum Zürich am 6. Februar.

Zum Abschluss der Vortragsreihe wird Prof. Dr. Uwe Schneede von der Kunsthalle Hamburg sich dem Thema "Ritual als Werk: Beuys' Aktionen" widmen.

Weitere Informationen, auch über andere Ringvorlesungen, Vorträge und Konzerte finden Sie unter
http://www.uni-heidelberg.de/presse/kalwi0506/index.html

Rückfragen bitte an:
Monika Conrad M.A.
Studium Generale
der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542370, Fax 543705
studiumgenerale@urz.uni-heidelberg.de

Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

Irene Thewalt
presse@rektorat.uni-heidelberg.de

Die neue Kraft der Rituale

Konzeptpapier von Axel Michaels zur Ringvorlesung WS 2005/06 im Studium Generale der Universität Heidelberg

Die Literatur zum Thema "Ritual" ist kaum noch zu überblicken, aber die Literatur zur Dynamik der Rituale beginnt erst langsam anzuschwellen. Daran ist der Heidelberger SFB 619 nicht unbeteiligt. Aber worum geht es dabei?

Einflussreich für die Arbeit am Paradigma "Ritualdynamik" waren Impulse gewesen, die in den Kulturwissenschaften von dem so genannten "performative turn" ausgingen. Die Vorstellung, dass sich Kultur nicht nur statisch in Monumenten und Dokumenten, sondern in Prozessen und Performanzen äußert, dass also neben den Arte- und Mentefakten (z.B. Texten und Bildern) auch die handelnden und betroffenen Personen einzubeziehen und die jeweiligen Wechselwirkungen zu berücksichtigen sind, musste für Wissenschaften, die es maßgeblich mit Ritualen zu tun haben, eine Herausforderung bilden. Haben sie doch dabei mit einer Reihe von nachhaltigen Verkennungen der Ritualdynamik zu kämpfen, die wissenschaftshistorisch vor allem im (britischen) Spannungsverhältnis von Theologie und Ethnologie bzw. Religionswissenschaft begründet sind.

So wurde und wird Ritualen im Allgemeinen eher Statik zugeschrieben. Je nachdem, ob das Beharrende im Glauben oder im Ritus gesucht wird, argumentiert man seit ehedem für oder gegen Rituale. Für Andrew Lang etwa ("Myth, Ritual and Religion", 1887) waren Rituale gerade deshalb wichtig, weil sie besonders wenig zu ändern schienen und ihm daher Rückschlüsse auf religiöse Vorstufen ermöglichten. William Robertson Smith nahm sogar an, dass in antiken Religionen Rituale fixiert, Mythen hingegen variabel gewesen seien. Gerade deshalb seien solche Institutionen und Praktiken vorzuziehen. Solche Thesen bestimmen nach wie vor viele Analysen von Ritualen, die daraufhin immer wieder unter Verkennung ihrer Dynamik als starr, rigide, stereotyp oder unveränderlich dargestellt werden.

Die Geschichte des Begriffs "Ritual" ist denn auch eine Geschichte seiner Emanzipation. Im Grimmschen Wörterbuch (1893) taucht das Lexem noch nicht auf, aber auch nicht in einschlägigen religionswissenschaftlichen Lexika, bis und mit der dritten Auflage der Religion in Geschichte und Gegenwart (dort aber "Kultus" und "Ritus"). Zu negativ war der Begriff besetzt, die Beschäftigung mit Ritualen wurde eher als Last empfunden. Rituale galten als "äußerlich" und wurden gegenüber der "inneren Handlung", dem Glauben oder Gebet, abgewertet. Rituale waren etwas für die anderen, die "Wilden" oder "Primitiven". Rituale galten als konservativ, traditionsbewahrend und eben nicht fortschrittlich. Erst etwa Mitte der siebziger Jahres des vergangenen Jahrhunderts, nicht zuletzt angestoßen durch die Jahrestagung der American Academy of Religion 1977, änderte sich die Einstellung, indem das kreative Potential von Ritualen zunehmend erkannt wurde. Zunehmend wurde die Beschäftigung mit Ritualen zu einer Lust, Kraftquelle und besonders auch zu einem angemessenen Einstieg in Fremdrituale.

Mit der positiveren Sichtweise wurden zunehmend auch westliche Handlungskomplexe als Rituale gesehen und analysiert. Beispielsweise erkannte man die Parallelen zwischen Ritual und Drama, interessierte sich für Interaktionsrituale (I. Goffmann) und für die zum Teil versteckte Macht der Rituale (Kapferer, Bourdieu) oder bestimmte die Klasse der Alltagsrituale (Soeffner). Rituale wurden mehr und mehr als kulturelle (Sub-)Systeme gesehen, und immer mehr Handlungskomplexe wurden als Rituale gesehen. Der Boom der Ritualstudien gipfelte in der Gründung der Zeitschrift "Journal of Ritual Studies", die 1987 mit einem vielbeachteten Artikel von Richard Schechner ("The Future of Ritual") herauskam. Vorbereiter dieser Wende waren unter anderem Victor Turner und Mary Douglas. Turner erkannte früh die Kreativität, Douglas die kommunikative Funktion der Rituale. Turner (1995) beschrieb, wie er sich geradezu gegen sein eigenes Vorurteil gegen Rituale durchzusetzen hatte. Douglas (1986) wendete sich gegen die "weltweite Revolte gegen alle Formen des Rituals" und die verbreitete Ritualkritik.

Der SFB 619 sieht sich in der Tradition dieses offenen Ritualbegriffs, allerdings ohne die von beiden betonten Aspekte der Symbolik überzubewerten. Er ist vor allem an den Bewegungen interessiert, d.h. an Prozessen, Performanzen und Strukturveränderungen. Er fragt unter Einbeziehung der ganzen Kulturen nach Variationen, Modifikationen, Autorschaft (Agency), Transfers und Transformationen von Ritualen. Dabei zeigt sich, dass offenbar der Wechsel in und durch Rituale ebenso konstant ist wie die rituelle Identität, dass das Neue konstitutiv zu Ritualen gehört, dass Rituale keine klaren Ränder haben.

Dies gilt es nach wie vor zu testen, auch durch die bevorstehende Ringvorlesung und besonders in jenen Bereichen und in jenen Begriffsfeldern, die sich, wie es scheint, beharrlich den Ritualisierungen entziehen: etwa in bezug auf den Glauben, die Liebe oder die Kunst. Ritualisierter Glaube (Liebe, Kunst), so scheint es, verliert das Einmalige, die Authentizität, die Individualität. Diese Bereiche artikulieren sich daher offenbar eher als Ritualkritik denn als durch Rituale.

Aber es gilt auch nach wie vor herauszufinden, inwieweit besonders kreative bzw. schnelllebige Bereiche, z.B. der Alltag oder die Politik, zu mehr Wechseln und Veränderungen führen, als man gemeinhin annimmt. Was aber macht, wenn die Dynamik die Statik überwiegt, dann die Beständigkeit der Rituale aus?

Und es gilt zu fragen: Führen womöglich erst Rituale zur Entstehung des Sozialen? Oder ist das alles nur "Theater", was im Ritual aufgeführt wird? Wie hängen Kraft und Macht der Rituale zusammen, nicht erst jetzt, sondern schon seit dem Mittelalter, nicht nur in Europa, sondern auch in außereuropäischen Kulturen? Gibt es gar eine heilende Kraft der Rituale? Helfen Rituale tatsächlich in kritischen Situationen, z.B. bei den (lebenszyklischen) Übergängen?


Schließlich gilt es zu schauen, wie sehr der Ritualforscher, vornehmlich der Ethnograph, in der Betrachtung von Ritualen an Grenzen stößt. Wie reflexiv muss Ritualforschung angegangen werden?

Kurz also gefragt: Gibt es tatsächlich eine neue Kraft der Rituale? Oder ist es nur die alte, die wir wiederentdecken? Oder sehen wir die Kraft nur neu, weil um uns alles flüchtiger geworden ist? Sehnen wir uns gerade nach dem Halt, den Rituale vielleicht geben oder geben sollen?

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