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Studierende in Stuttgart verlieren Vertrauen in Kirche, Gewerkschaften und Parteien

16.12.2002 - (idw) Universität Hohenheim

UNIVERSITÄT HOHENHEIM

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16. Dezember 2002
khg/s

PRESSEMITTEILUNG

Die "letzte Instanz" als "erste Instanz"
Studierende in Stuttgart verlieren Vertrauen in Kirche, Gewerkschaften und Parteien.

Die Jungakademiker setzen viel Vertrauen in die Justiz und Familie, haben aber kaum Vertrauen in die politischen Parteien und die staatliche Altersvorsorge. Das Bundesverfassungsgericht, Mittelstand und Hochschulen schneiden gut ab, schlecht dagegen Gewerkschaften, Kirche und das System der Gesundheitsvorsorge. Das hat eine repräsentative Erhebung unter rund 500 Studierenden der Universität Hohenheim ergeben.

"Die Ergebnisse waren in dieser Form nicht vorhersehbar, zum Teil sind sie sogar überraschend", sagt der Projektleiter Prof. Dr. Eugen Buß vom Fachgebiet Soziologie an der Universität Hohenheim. Die zunehmende Distanz zu den zentralen gesellschaftlichen Institutionen spiegelt die wachsende Verunsicherung der Studenten in der Gesellschaft wider.

Besonders auffallend sind Vertrauensdefizite in politische Parteien, in Kirche, Gewerkschaften und Großunternehmen. "Offenbar sind diese Institutionen nicht länger in der Lage, die existentiellen Probleme in der Gesellschaft zu lösen", sagt Buß. Besonders die Politik und ihre Institutionen rangieren ganz am Ende der Vertrauensskala. Dagegen ist das Bundesverfassungsgericht, die bekanntlich letzte Instanz, die erste Instanz, wenn es um das Vertrauen geht. Auch Ehe und Familie genießen einen hohen und unantastbaren Vertrauenswert. Offenbar suchen die Studenten in traditionellen Institutionen Halt, wo die öffentlichen Institutionen versagen.

Interessant ist ein weiterer Aspekt: Vor allen genießen jene Institutionen eine hohe Wertschätzung, die deutlich zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse unterschei-den. Denn es erstaunt, daß das Gerichtswesen, Universitäten und Polizei einen Ver-trauensvorschuß genießen, dagegen die Parlamente und Interessenvertretungen ganz unten im Vertrauen der Studenten rangieren.

Eine detaillierte Auswertung der Ergebnisse offenbart interessante Details: Männliche Stu-dierende bewerten politische, juristische und wirtschaftliche Institutionen generell höher als Frauen. Diese haben mehr Vertrauen in "vorsorgende" Institutionen wie das Gesundheitssystem und die Altersvorsorge sowie Wohlfahrtsinstitutionen (beispielsweise Diakonie oder Caritas) und kulturelle Einrichtungen im allgemeinen.

Ist ein Student Mitglied in einer christlichen Kirche (und das sind fast vier Fünftel der Befragten), bringt er Nachbarschaft und Vereinen mehr Vertrauen entgegen als sein konfessionsloser Kommilitone. Die konfessionslosen Studierenden (knapp 15 Prozent) sehen Verbraucherverbände, Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder Amnesty International und kulturelle Einrichtungen als wichtig an. Offensichtlich scheinen diese Gruppierungen bis zu einem gewissen Grad die Funktion von religiösen Institutionen zu übernehmen: Wer nicht mehr in der christlichen Lehre Halt findet, sucht Orientierung im Engagement bei Nichtregierungsorganisationen oder in der Kultur. Besonders auffallend ist das weitaus geringere Vertrauen von konfessionslosen Studierenden in Großunternehmen gegenüber ihren Kommilitonen aus christlichem Hause.

Einen großen Einfluss auf die Beurteilung von Institutionen hat die gewählte Fachrichtung. Angehende Wirtschaftswissenschaftler bringen Großunternehmen und dem Euro deutlich mehr Vertrauen entgegen als ihre Kommilitonen aus der Fachrichtung Agrarwissenschaf-ten, die Kommunikationswissenschaftler sehen Massenmedien auf der persönlichen Bedeutungsskala weit vorne, geben aber den Printmedien einen deutlichen Vertrauensbo-nus gegenüber dem Fernsehen - trotz der bewegten Bilder, die generell für einen Glaub-würdigkeitsvorsprung gegenüber dem gedruckten Wort genießen.
"Wir haben eine zerklüftete Vertrauenslandschaft bei Studierenden. Alle Institutionen, die eher am unteren Rand der Vertrauensskala zu finden sind, sollten sich Gedanken machen, wie sie vertrauensvolle Beziehungen zu Studierenden aufbauen können, egal ob dies Parteien, Gewerkschaften, das Fernsehen oder die Kirche sind", fasst Prof. Dr. Eugen Buß die Ergebnisse zusammen. "Vertrauen muss mühsam erworben und gepflegt werden - dass der Bundeswehr mehr Vertrauen entgegengebracht wird als Großunternehmen sollte in einigen Vorstandsetagen zum Nachdenken anregen".

Abdruck honorarfrei; um ein Belegexemplar wird gebeten.

Kontaktadresse (nicht zur Veröffentlichung):

Universität Hohenheim
Institut für Sozialwissenschaften
Fachgebiet Soziologie und empirische Sozialforschung
Dipl. oec. Andreas Bunz
70593 Stuttgart
Telefon: 0711-459-3418
E-Mail: bunz@uni-hohenheim.de

Die gesamte Studie "Hohenheimer Online-Monitor: Institutionen" finden Sie online unter http://www.soziologie-hohenheim.de
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