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Unerkannt durch Freundesland

28.12.2005 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Sporthistoriker der Universität Münster untersucht Funsportarten in der DDR "Schon das Wort Fun klingt nicht unbedingt nach DDR", meint Kai Reinhart. In der Hierarchie ihrer Ideologen standen Eigenschaften wie Organisiertheit, Disziplin und "Parteilichkeit" mit der SED ganz oben. Ist seine Dissertation zum Thema "Funsportarten in der DDR" also zum Scheitern verurteilt? Keineswegs, denn der Doktorand am Fachbereich Sportwissenschaft der Universität Münster hat in mühsamer Recherche, bei der er rund 50 Zeitzeugen befragte, herausgefunden, dass auch zu DDR-Zeiten Szenen existierten, die unabhängig vom staatlich überwachten Sportsystem ihren Lebenstraum auslebten.

Ob Windsurfen oder Skateboarden - Funsportarten waren in der DDR nicht gerne gesehen. Deshalb wurde versucht, sie als "Stehbrett-Segeln" oder "Rollbrett-Fahren" umzudeuten und in das System zu integrieren. Der DDR-Slogan "Brettsegeln - ein Sport, der individuelles Können, aber nicht unbedingt Individualisten verlangt" verdeutlicht das Dilemma dieser Versuche. Denn ebenso wie im Westen waren die Trendsportarten nicht einfach nur körperliche Bewegung, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls - eines Lebensgefühls, das nicht unbedingt den sozialistischen Ideen entsprach. "Bei meinen Recherchen hat sich gezeigt, dass sich die meisten schon in der DDR deutlich vom 'Durchschnittsarbeiter und -bauer' abhoben und auch heute oftmals kein typisch bürgerliches Leben führen. Das waren nicht unbedingt politischen Köpfe, aber sie wollten mit dem Staat nichts zu tun haben", so Reinhart.

Während die Kletterer bereits eine vorsozialistische Tradition aufzuweisen hatten, in kleinen Clubs gut organisiert waren, aber seit Ende der 1940er Jahre gezwungen wurden, sich den staatlichen Betriebssportgemeinschaften (BSG) anzuschließen, entwickelte sich die Skateboard-Szene jenseits solcher Bevormundung. Jugendliche schraubten Bretter auf alte Rollschuhe und die ersten richtigen Skateboards kamen Ende der 70er Jahre in Westpaketen in die DDR. "Die Leute wussten zuerst überhaupt nicht, was damit alles geht", berichtet Reinhart. "Dass eine ganze Sportart und ein sehr eigener Lebensstil dahinter steht - diese Erkenntnis ist erst langsam im Laufe der 80er Jahren durchgedrungen und wurde begeistert aufgenommen." Christian Rothenhagen aus Ost-Berlin fasste es folgendermaßen zusammen: "Das hatte was von Punkrock, so irgendwie." Kurz vor der Wende kam auch das einzige Skateboard aus DDR-Fabrikation auf den Markt, "Germina Speeder" genannt. Das offizielle "Rollbrett" wurde von den Skatern allerdings kaum ernst genommen. Das Deck wurde abgebaut und weggeschmissen, die Achsen und Räder für die in Eigenbau gebastelten Skateboards aus Backbrettern wieder verwendet. Man habe damals mindestens so viel an den Bretter geschraubt, wie man damit gefahren sei, erinnern sich Zeitzeugen. Liebevoll wurden Logos und Aufkleber nachgemalt, um den westlichen Vorbildern nachzueifern.

Die größte Skater-Szene gab es in Ost-Berlin. Eines ihrer Mitglieder, John Haak, besaß einen finnischen Pass und konnte ungehindert nach West-Berlin fahren. Dort sammelte er in Skateboard-Läden altes Material ein, um es in Ost-Berlin zu verteilen. "Es gab damals so eine Art ,Altkleider-Sammlung', Kartons, in denen die West-Berliner Skater für ihre ostdeutschen Kollegen altes Material sammelten", berichtet Reinhart. Die standesgemäße Kleidung wurde selbst geschneidert und im westlichen Stil bemalt.

Teilweise, so berichten, ehemaligen Skater habe es Probleme mit der Polizei gegeben. "Aber das gab und gibt es im Westen natürlich auch, wenn beispielsweise öffentliche Plätze zu Skaterbahnen umfunktioniert werden", so Reinhart. "Ansonsten blieben die Skater relativ unbehelligt, wenn sie nicht gerade eine inoffizielle DDR-Meisterschaft mit Skatern aus dem Westen organisierten wie 1988 in Ost-Berlin. Der Staat wusste einfach nicht, wie er mit dieser jungen Szene umgehen sollte", vermutet er.

Anders dagegen viele der extremen Kletterer. Die Sächsische Schweiz bei Dresden war ihr bevorzugtes Klettergebiet. Hier lebten sie im Sommer mitunter wochenlang in Hütten oder den so genannten "Boofen", behaglich gemachte Höhlen im Elbsandstein. Falk Schelzel, ein Spitzenkletterer der 70er und 80er Jahre erinnert sich: "Man sollte schon noch ein Arbeitsverhältnis nachweisen, damit nicht irgendetwas untergeschoben werden konnte, asozialen Lebenswandel zum Beispiel. Ich war als Grabpfleger auf dem Friedhof, als Alibi. Da war man halt drei Tage die Woche, aber man hatte seine Ruhe und den Rest hat man in der Sächsischen Schweiz gelebt." Dort stand dann auch mal ein fremdes Auto vor der Hütte und es sei klar gewesen, so wurde Reinhart berichtet, dass das die Stasi gewesen sei. "Es waren echte Aussteigernaturen in der Szene, die nur für das Klettern gelebt haben und sich innerlich völlig aus der DDR verabschiedet hatten", weiß Reinhart.

Eine weitere DDR-typische "Funsportart" nahm nach 1989 ein abruptes Ende: Die bunte Szene der Abenteuer-Touristen. Besonders aktiv war eine kleine Gruppe von Leuten rund um Jena, die sich "UDFler" ("Unerkannt durch Freundesland") nannten und sich einen Sport daraus machten, ohne Ausweis, aber dafür mit schlitzohrigen Ausreden und gefälschten Papieren ins Ausland zu reisen. Mit selbst gezeichneten Karten - exaktes Kartenmaterial wurde unter Verschluss gehalten - die auf eigenen Erfahrungen und zum Teil auf Material aus den 20er Jahren beruhten, ging es zum Beispiel in den Kaukasus, ins Pamir, an die Behringstraße oder ins gesperrte Königsberg. Karsten König und Reinhard Tauchnitz schafften es im Sommer 1990 mit minimaler finanzieller und materieller Ausstattung als erste und letzte DDRler sogar auf einen 8000er im Himalaya. Zunächst als spektakuläre Flucht geplant, konnten die beiden in ein anderes Deutschland zurückkehren. Der Geist der Unabhängigkeit und Freiheit hatte Schule gemacht.


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