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Kein Hort des Widerstands: Die Medizinische Fakultät der Uni Bonn im "Dritten Reich"

10.01.2006 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Noch vor wenigen Jahren war die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Geschichte der Medizinischen Fakultäten in Deutschland ein absolutes Tabu. Nun ist ein Buch erschienen, das diese Lücke zumindest für die Universität Bonn schließt: Auf mehr als 750 Seiten zeichnet der Bonner Historiker Dr. Ralf Forsbach die Geschehnisse in den Bonner Kliniken und Instituten zur NS-Zeit nach. Sein Fazit: Auch wenn es Opposition gegeben habe - ein Hort des Widerstandes sei die Medizinische Fakultät nicht gewesen. Am Freitag, 27. Januar, wird Forsbachs Buch um 11 Uhr c.t. im Stucksaal des Poppelsdorfer Schlosses in Bonn vorgestellt. Interessenten sind dazu herzlich eingeladen. Die Liste der Unrechtstaten ist lang: In der Psychiatrie behandelte man Patienten zwangsweise mit Elektroschocks. In der Chirurgischen Klinik und der Frauenklinik wurden psychisch Kranke, Homosexuelle und "Fremdarbeiter" gegen ihren Willen sterilisiert und Zwangsarbeiterinnen zur Abtreibung gezwungen. Im Anatomischen Institut arbeitete man mit den Leichen Hingerichte-ter. Juden mussten auf die Menschlichkeit der Ärzte und des Pfle-gepersonals hoffen, woll-ten sie behandelt werden. Bisweilen wurden sie vom Personal oder von Mitpa-tienten übel beschimpft. Strafgefangene und Ver-schlepp-te wurden zur Zwangsar-beit herangezogen, vor allem zur Beseitigung von Trümmern nach Fliegerangriffen im Krieg.

"Es gab zwar auch Opposition", erklärt Dr. Ralf Forsbach, seit 1999 Mitarbeiter am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. "Doch die richtete sich meist nicht gegen das in Bonn verübte Unrecht, sondern wurde erst laut, wenn der Betriebsablauf gefährdet war - etwa bei Finanzangelegenheiten oder bei Personalfragen im Zusammenhang mit der Kündigung konfessionell gebundener Schwestern." Dann hätten einige immerhin den Mut gefunden, umfassende Protestschreiben zu verfassen und Gegenkonzepte zu entwerfen.

Schon 1933 war jeder dritte Fakultätsangehörige Mitglied der NSDAP. Bis 1945 wuchs der Anteil auf knapp 70 Prozent. Bei den Studierenden sei die Bonner Situation dagegen untypisch gewesen. "Bei freien Astag-Wahlen konnten die Nationalsozialisten nie wesentlich mehr als ein Viertel der Stimmen auf sich vereinen", sagt Forsbach. "Andernorts erzielten sie oft doppelt so hohe Ergebnisse." Dennoch habe sich nach 1933 die Mehrzahl der Studierenden den neuen Verhältnissen angepasst, auch wenn einige von ihnen in Oppositions- und Widerstandsgruppen aktiv gewesen seien.

767 Seiten umfasst das Werk "Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im 'Dritten Reich'". Es dokumentiert, dass das Ausmaß an Schuld, die die Fakultätsmitglieder auf sich luden, individuell höchst unterschiedlich war: Auch unter den Klinikdirektoren habe es neben glühenden Nationalsozialisten und Mitläufern "mutige Nichtangepasste" wie Erich von Redwitz, damals Chef der Chirurgischen Klinik, gegeben. Doch selbst dieser habe Zwangssterilisierungen an seiner Klinik zugelassen.

Zugute halten könne sich die Fakultät immerhin, dass fünf von 14 während der NS-Zeit nach Bonn berufenen Professoren, allesamt Exponenten des NS-Systems, gegen den erklärten Willen der Fakultät (oder zumindest ohne ihre Zustimmung) einen Lehrstuhl in Bonn erhielten. "In ihrer übergroßen Mehrheit arbeiteten die Bonner Mediziner jedoch Hitler nicht entgegen, sondern waren die 'Durchführer' dessen, was in Berlin angeordnet wurde."


Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich". 767 Seiten, gebunden. Oldenbourg-Verlag 2006

Kontakt:
Dr. Ralf Forsbach
Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn
Telefon: 02241/57538
E-Mail: Ralf.Forsbach@t-online.de

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