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"Jüdische Volksschulen von 1820 bis 1942": ein vergessenes Kapitel deutscher Schulgechichte

10.01.2006 - (idw) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Die Geschichte der Jüdischen Volksschule in Deutschland wurde bisher so gut wie nicht erforscht. Ein Projekt am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sucht hier Lücken zu schließen. "Das Thema ist bildungs-, kultur- und gesellschaftsgeschichtlich hoch interessant! Einmal, weil diese Schulen natürlich Teil der deutschen Schulgeschichte wie auch der Gesellschaftsgeschichte der Juden in Deutschland sind. Zum anderen mit Blick auf die aktuellen, Schulgründungen der Jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik", so Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Carolin Huber M.A. versucht die Bildungshistorikerin nun, die Geschichte der jüdischen Volksschule im Regierungsbezirk Düsseldorf zu rekonstruieren, "ein Regierungsbezirk der in gewisser Weise repräsentativ für ganz Deutschland ist, denn er ist regional sehr differenziert, hat z.B. ein Industriegebiet, aber auch ländliche Gegenden, weist evangelische und katholische und gemischte konfessionelle Bevölkerungslagen auf."
Das von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Projekt umfasst den Zeitraum von der Gründung der ersten jüdischen Volksschule in Wuppertal 1820 bis zur Schließung der letzten acht Schulen 1942.
Zunächst ist Quellenarbeit angesagt. "Dafür kommen zuerst die regionalen Archive in Frage, das sind insgesamt 31 Stadt- und Gemeindearchive und fünf Kreisarchive", so Prof. Miller-Kipp. Deren Bestände werden nun erstmals komplett erschlossen. "Nach einem ersten Überblick zeichnet sich eine außerordentlich diskontinuierliche Geschichte zwischen Neugründung und Schließung ab. Sie folgt einerseits dem allgemeinen Prozess gesellschaftlicher Modernisierung und bürgerlicher Emanzipation durch Bildung, weist aber andererseits deutliche Brüche auf, etwa in der soziokulturellen Funktionszuweisung zwischen Assimilation und Identitätsstiftung. Die gängigen Kategorien der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Juden in Deutschland scheinen für die Schulgeschichte zu groß und nicht anwendbar. "
Institutionell ist die Schulentwicklung von der Schulgesetzgebung abhängig. Die tatsächlichen Verhältnisse, darauf weisen die Quellen bereits jetzt hin, sind "bunt", Schulraum und Unterrichtsmaterial, Lehrpersonal und Schülerschaft variieren erheblich. "Fest steht jedenfalls, dass die Schulausstattungen und das Niveau von elementarer Ärmlichkeit waren. Trotzdem hat diese Volksschule eine zentrale gesellschaftliche Anschlussfunktion gehabt. Die Schule ist eben für diese 6- bis 10jährigen Kinder der entscheidende Ort zur Herausbildung einer kulturellen und gesellschaftlichen Identität", so Prof. Miller-Kipp.
Träger der Schulen waren im Regelfall die jüdischen Gemeinden, vielfach befand sich das Schulhaus neben der Synagoge. Die Schulgründer und Lehrer waren keine Profis, sie hatten lediglich gelegentlich Unterrichtserfahrung und wurden im übrigen beim Rabbi geprüft; ab 1824 war jedoch eine staatliche Konzessionierung erforderlich. "Wir wollen dabei nicht nur die Geschichte der jüdischen Volksschule schreiben, uns geht es auch um das Alltagsleben der Kinder", umreißt Prof. Miller-Kipp das Fernziel der Untersuchung.

Und natürlich spielt die aktuelle Entwicklung eine Rolle: Durch die starke Zuwanderung aus dem Osten kam es in Deutschland wieder zu Gründungen jüdischer Volksschulen. Steht in ihnen die ethnische Identität im Vordergrund oder die Assimilation? Und wie stellte sich diese Thematik zwischen 1820 und 1942 dar? Gibt es eine Kontinuität des Bildungsauftrages?
Das Projekt soll in diesem Jahr abgeschlossen sein.

Kontakt,:
Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp, Erziehungswissenschaftliches Institut, Historische Bildungsforschung, Tel. 0211- 81-12369, e-mail: miller@phil-fak.uni-duesseldorf.de

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