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Neuanfang oder Schuldspruch: Historiker organisieren weltweite Befragung von Sklaven- und Zwangsarbeitern

23.02.2006 - (idw) FernUniversität in Hagen

Im Projekt "Sklaven- und Zwangsarbeit" organisieren Dr. Alexander von Plato und sein Team im Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen die Befragung von gut 600 ehemaligen Zwangsarbeitern. Finanziert wird das Projekt von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, die gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen weltweit Entschädigungen für ehemalige Zwangsarbeiter auszahlt. Aus ganz Europa haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Menschen verschleppt und zur Arbeit gezwungen. Heute leben diese ehemaligen Zwangsarbeiter in der Welt verstreut; über ihre Lebenswege weiß man wenig. Die Historiker möchten herausfinden: Wie beschreiben sie ihre Erlebnisse in Deutschland, wir verarbeiten sie ihre Erfahrungen, wie sehen sie Deutschland heute? Bekamen die ehemals Gezwungenen eine Chance auf ein freies, selbstbestimmtes Leben nach dem Krieg, auf einen Neuanfang? Oder wurden sie für ihre erzwungene Arbeit geächtet, gar bestraft, Landesverräter genannt?

Die meisten ehemaligen Zwangsarbeiter leben heute in Polen, Russland, Weißrussland, Tschechien und der Ukraine, einige stammen auch aus Westeuropa. Viele von ihnen haben sich nach dem Krieg eine neue Heimat gesucht, sie müssen in den USA, in Israel oder auch in Südafrika aufgespürt werden. In 27 Ländern fanden die Koordinatoren Interview-Teams; im Oktober 2004 haben sie Verträge mit den Interviewern geschlossen: "Die administrativen Arbeiten für das Projekt sind enorm", berichtet von Plato.

Und an solchen Dingen kann man sich ewig aufhalten, dabei ist doch wichtiger die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Die Interviewer in aller Welt sind gestandene Historiker. Ihr Fachwissen, die Erfahrung, die vielen Sprachen und Methodentraditionen unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach. Aber es gelingt: Inzwischen sind 36 Interview-Teams in der ganzen Welt unterwegs. Fast 300 Gespräche haben sie bereits geführt und verschriftlicht. Bis zum Spätsommer sollen alle Interviews vorliegen; im nächsten Frühjahr wird ein umfangreicher Band erscheinen. Erste Thesen wagen die Historiker schon jetzt: "Die Unterschiede in den Erinnerungskulturen zwischen Ost- und Westeuropa, den USA und Israel sind groß. Was außerdem zu Tage kommt", sagen die Koordinatoren, "sind die Schicksale von Familienverbänden." Waren bisher zwar Namen und Daten erfasst, wird nun erst aus den Gesprächen deutlich, was aus Geschwistern, Eltern, Kindern wurde, die getrennt, verschleppt, vielleicht wieder zusammengeführt wurden - und was dies für ihre weiteren Leben bedeutete.
Die UDSSR beispielsweise bestrafte ehemalige Zwangsarbeiter für Landesverrat: Sie hätten sich erschießen sollen, statt für die Deutschen zu arbeiten. Jemand, der nach dem Krieg in die USA ausgewandert war, konnte dagegen ein neues Leben beginnen, in der sicheren Gewissheit, immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Auch in Israel wurden Zwangsarbeiter als Verfolgte anerkannt und erhielten entsprechende Hilfen. "Ob jemand so aufgenommen oder ins Unrecht gesetzt wurde, hatte natürlich massiven Einfluss auf weitere Chancen, aber auch auf die Sicht auf sich selbst und das eigene Leben", sagen die Historiker. Und nach der fragen sie jetzt, bevor es zu spät ist.


Weitere Informationen:
FernUniversität in Hagen
Institut für Geschichte und Biographie
Dr. Alexander von Plato
Liebigstraße 11
58511 Lüdenscheid
Telefon 02351 - 24580
E-Mail: Alexander.vonPlato@fernuni-hagen.de

Anemone Schlich; Pressereferentin
FernUniversität in Hagen
Tel.: 02331/987-2421
E-Mail: anemone.schlich@fernuni-hagen.de

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