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14. Hochschultage in Bremen über "Berufliche Bildung, Innovation und soziale Integration"

08.03.2006 - (idw) Universität Bremen

Die Berufliche Bildung sollte im Kindergarten beginnen und mit dem Eintritt ins Rentenalter abschließen. Doch das ist nicht der Fall. Für hunderttausende Jugendliche beginnt sie gar nicht erst. Änderungen sind also erforderlich. Über Lösungen diskutieren 1500 Fachleute vom 15.-17. März 2006 bei den 14. Hochschultagen "Berufliche Bildung" an der Universität Bremen. Vor 26 Jahren von der Universität Bremen ins Leben gerufen, finden die Hochschultage nun erstmals wieder in Bremen statt. Ausrichter ist das Institut Technik und Bildung (ITB) der Universität. Mehr als 500 zumeist namhafte Referentinnen und Referenten berichten in gut 50 Veranstaltungen aus Praxis und Forschung. Doch nicht nur wegen der Größe gelten die Hochschultage als wichtigster Berufsbildungskongress im deutschsprachigen Raum. Immer wieder gehen die interdisziplinären Expertenrunden drängende und bisweilen brisante Themen an. So auch in diesem Jahr. Der Titel der Hochschultage: "Berufliche Bildung, Innovation und soziale Integration".

Kompetenzentwicklung ist mehr als "Versorgung" mit Ausbildungsplätzen

Lernschwache Schülerinnen und Schüler, Migranten, Mädchen und Jungen aus schwierigen Verhältnissen, junge Mütter - unter anderem sie gelten als benachteiligte Jugendliche und haben ohne fachkundige Hilfe kaum Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg in das Berufsleben. Schon die Allgemeinbildenden Schulen sollten den Nachwuchs auf die Arbeitswelt vorbereiten. Doch wie werden Lehrer darauf vorbereitet, mit den besonderen Anforderungen umgehen? Eine Frage, die während der Hochschultage vielfach erörtert wird.

Auch das Lehrpersonal an den Berufsbildenden Einrichtungen braucht dringend neue Konzepte, um benachteiligte junge Menschen adäquat unterrichten zu können. Schon lange weisen die Schulen auf die dramatische Situation hin und finden dafür Beschreibungen wie "Sprengsatz" oder "Zündstoff". Volle Zustimmung und Unterstützung erhalten sie dabei von den Wissenschaftlern. Sie wünschen sich einen Perspektivenwechsel. Entsprechend intensiv wird das Thema während der Hochschultage behandelt - fast in allen Veranstaltungen und von Experten aller Branchen und Fachbereiche.

"Bei der Eingliederung benachteiligter Jugendlicher ins Arbeitsleben, geht es nicht nur um die Versorgung mit Ausbildungsplätzen, sondern um eine viel weiter greifende Kompetenzentwicklung", greift Professor Georg Spöttl das Problem auf und stellt die aktuelle Förderpolitik in Frage. Unübersichtlich seien die zahlreichen Programme, zu kleinteilig und aus vielfältigsten Interessen an zu viele Zuständigkeiten gebunden, sagt der Leiter des ITB. "Immense Summen fließen in diese Förderungen - bei recht mäßigem Erfolg", kritisiert er. Derzeit würden mehr als 450.000 Jugendliche in Förderprogrammen betreut, die vielfach eher den Trägern nutzten als den jungen Menschen. Der Bremer Bildungsexperte spricht hier von "Maßnahmenkarrieren".

Lösungen für eine wirklich Kosten sparende Personal- und Qualifizierungspolitik

Ebenso unerfreulich wie kostenträchtig sind die Karrieren vieler langjährig Beschäftigter. Jenseits ihres 45. Geburtstages gelten Arbeitnehmer in Deutschland heute als alt. Statt adäquater Weiterbildungsangebote bekommen diese jungen Alten allzu häufig ihre Kündigung. Die Gründe: Kostenminimierung und Produktivitätssteigerung durch Verjüngung der Belegschaft. "Ein fataler Fehler - schon allein wegen des Fachkräftemangels, der uns schon in wenigen Jahren erwartet", meint Spöttl. Mit jeder Entlassung gehe Wissen verloren. Nach Schätzungen des ITB entstehen in Deutschland dadurch jährlich Kosten in Milliardenhöhe.

"Die Einstellung eines neuen Mitarbeiters, der auch noch ein Trainee-Programm zu durchlaufen hat, kostet ein Unternehmen wenigstens 35.000 Euro", rechnet Spöttl vor. Fließe dieses Geld in die Weiterqualifizierung älterer Mitarbeiter, könnten diese ihre Arbeit auch weiterhin auf höchstem Niveau erledigen - und der Erfahrungsschatz bliebe dem Betrieb erhalten. Trotzdem müssen natürlich auch die Nachwuchskräfte in das Arbeitsleben integriert werden. Zur Sicherung der Kontinuität in einem Unternehmen raten Wissenschaftler zu einer auf Know-how-Erhalt ausgerichtete Personal- und Qualifizierungspolitik, die auf die Weiterqualifizierung älterer Mitarbeiter und die Integration jüngerer Mitarbeiter setzt. "Aber solche Strategien werden kaum ausgewogen angewandt - in kleinen und mittleren Unternehmen schon gar nicht", sagt Spöttl. Auch hier bieten die Wissenschaftler Lösungen. Sie haben inzwischen vielfältige Modelle entwickelt, um Arbeiten und Lernen zu integrieren. "So lassen sich zum Beispiel die Abwesenheitszeiten der Mitarbeiter für die Weiterbildung reduzieren", sagt Spöttl und weist darauf hin: Man suche Betriebe als Partner, um solche Modelle zu implementieren.

Arbeitsprozessorientierte Berufsausbildung als Erfolgsmodell

Auch das ist Thema während der Hochschultage: Die Berufsausbildung in Deutschland. Sie wurde in den vergangen zehn Jahren erheblich reformiert. So entwickelte das ITB das Konzept der Geschäftsprozessorientierung. Ziel sei es, neben dem Fachwissen auch Sozial- und Handlungskompetenz zu vermitteln, erklärt Spöttl. "Derart ausgebildete Arbeitnehmer verrichten nicht mehr einfach nur ihren Job, sondern sie sehen ihr Tun im gesamten Kontext. Sie betrachten ganze Arbeitsabläufe und Prozesse, erkennen Potenzial zur Optimierung und fördern so zur Effizienz des Unternehmens."

Diese Konzeption trage erheblich zur Qualitätsverbesserung der Berufsausbildung bei und zeige bereits große Erfolge: "Einige ausbildende Unternehmen profitierten bereits davon, zum Beispiel EADS und die Stahlwerke in Bremen", sagt der Bildungsfachmann. "Die arbeitsprozessorientierte Berufsausbildung ist auf dem Weg, das neue Erfolgsmodell deutscher Berufsausbildung zu werden", ist er überzeugt. Zu den Hochschultagen kommen Delegationen aus China, Malaysia und einigen arabischen Staaten, um genau dieses Modell kennen zu lernen.


Förderer der Hochschultage:

Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bundesinstitut für Berufsbildung, Universität Bremen, Festo Didactic GmbH & Co. KG, Bremer Sparkasse, Keller GmbH, Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe - Zentralverband
Weitere Informationen und Ansprechpartner für die Medien:
Universität Bremen
Institut Technik und Bildung
Prof. Dr. Georg Spöttl
Tel. 0421 218-46 48
E-Mail: spoettl@uni-bremen.de
Peter Kaune
Tel. 0421 218-46 32
E-Mail: pkaune@hochschultage-2006.de
>www.hochschultage-2006.de>

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