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Von der Kunst, aus alten Zeichen Weltgeschichte zu lesen

30.03.2006 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Altorientalist der Universität Jena PD Dr. Markus Hilgert erhält Heisenberg-Stipendium Jena (30.03.06) "Es reicht nicht, nur die Sprache zu beherrschen. Um einen Text zu verstehen, muss man versuchen, sich seinem Inhalt zu nähern. Da hilft es sehr, wenn man zum Beispiel weiß, wie eine Schafsleber aussieht", sagt Dr. Markus Hilgert. Die Texte, von denen der Privatdozent von der Universität Jena begeistert erzählt, sind keineswegs einfach zu lesen oder zu verstehen: Es handelt sich um Keilschrifttafeln aus Mesopotamien - dem heutigen Irak -, die bis zu 5.000 Jahre alt sind. Für Laien sehen sie aus, als hätten winzige Hühner auf nassem Ton nach einer Partitur getanzt - Hilgert offenbaren diese Scherben Geschichte. Vor ihm auf dem Schreibtisch im Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Universität Jena liegt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von einem Tontäfelchen. Er liest daraus in fremd klingenden Lauten flüssig vor und erklärt: "Dies hier ist ein Gebet in sumerischer Sprache, ein Klagelied, das bei Kulthandlungen rezitiert wurde. Man sieht in der jeweils oberen Zeile den sumerischen Text. Direkt darunter haben babylonische Gelehrte versucht, diesen Text in das Akkadische - eine semitische Sprache - zu übertragen."

Für seine Forschungsleistungen, v. a. für seine im Jahr 2004 eingereichte Habilitationsschrift zur altorientalischen Textsammlungstypologie, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) dem Jenaer Nachwuchswissenschaftler eines der renommierten Heisenberg-Stipendien gewährt. Das auf maximal fünf Jahre ausgelegte Stipendium, das am Samstag (1. April) offiziell beginnt, ermöglicht es Hilgert, sich der Publikation einer wissenschaftlichen Sensation zu widmen: In Kooperation mit einem irakischen Kollegen wird er zum ersten Mal eine systematische Dokumentation und Analyse der ältesten, nahezu vollständig erhaltenen Bibliothek der Menschheitsgeschichte aus dem späten 7. und frühen 6. Jahrhundert v. Chr. vorlegen können. Die neubabylonische Tempelbibliothek war 1986 bei Ausgrabungen südlich von Bagdad entdeckt worden. Hilgert erklärt: "Das Traurige ist, dass die Tontafeln zwar in das Irak-Museum nach Bagdad transportiert worden sind, aber gerade auch durch die Folgen des Wirtschaftsembargos nicht ausreichend konserviert werden konnten. Wir wissen nicht genau, wie viel von dem ursprünglichen Bestand der Bibliothek noch erhalten ist - der Forschung steht in erster Linie eine fotografische Dokumentation der Tafeln zur Verfügung".

Hilgert wurde 1969 in Koblenz geboren, ist in Limburg an der Lahn aufgewachsen, studierte in Marburg, München und Chicago. Für den Alten Orient hat er sich schon als Kind begeistert. "Ich glaube, mit dem Ende der Grundschulzeit stand fest, in welche Richtung meine Interessen gehen würden. Die Entscheidung für das Fach Altorientalistik war für mich die einzig Richtige." Aufgrund der Kriege und politischen Unruhen im Irak ist es Hilgert aber bislang nicht gelungen, die Originalschauplätze zu besuchen.

Die Publikation der neubabylonischen Tempelbibliothek ist nur eines von mehreren Projekten, die der Jenaer Altorientalist während seiner Stipendiatenzeit verfolgen will: "Allgemein gesprochen möchte ich Keilschrifttexte aus unterschiedlichen Epochen und Genres in ihrem jeweiligen soziohistorischen Kontext betrachten und verstehen lernen. Denn das Faszinierende an der Altorientalistik ist, dass wir es mit schriftlichen Kulturzeugnissen aus beinahe allen Lebensbereichen zu tun haben - von einfachen Quittungen bis hin zu literarischen, kultischen, wissenschaftlichen oder magischen Texten. Am Oriental Institute der University of Chicago arbeite ich zum Beispiel an Verwaltungsurkunden aus dem späten 3. Jahrtausend v. Chr., der so genannten Ur III-Zeit. In meiner Dissertation habe ich diese und ähnliche Quellen dazu benutzt, einen Abschnitt der frühen akkadischen Sprachgeschichte zu erforschen. Mich interessiert jedoch gleichermaßen das zeitgenössische Buchführungs- und Verwaltungssystem, das sich anhand derselben Texte rekonstruieren lässt."

Wenn Hilgert erzählt, was er vorhat, klingt Altorientalistik nicht nach einem verstaubten "Orchideenfach", im Gegenteil: "Wir suchen in allen Bereichen Gesprächspartner - ob in der Wirtschaft oder in der Medizin." Hilgert selbst setzt seinen Anspruch bereits in die Tat um: Am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin beteiligt er sich an einer Forschungsinitiative zur Wissensgeschichte der Architektur. "Eine 'Öffnung' des Faches bedeutet nicht zuletzt auch, dass eine breitere Öffentlichkeit erfährt, wie viel Interessantes wir zu bieten haben."


Kontakt:
PD Dr. Markus Hilgert
Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Universität Jena
Fürstengraben 6, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944873
E-Mail: markus.hilgert@uni-jena.de

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