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Europa braucht Heimat: Grazer Studie zeigt Beziehung zwischen nationaler und europäischer Identität auf

04.04.2006 - (idw) Karl-Franzens-Universität Graz

Nationalismus macht der Europäischen Union das Leben schwer - scheint es. Eine Vermutung, die nahe liegt, einer näheren Prüfung jedoch nicht standhält. O.Univ.-Prof. Dr. Max Haller vom Institut für Soziologie der Uni Graz und seine "Studiengruppe international vergleichende Sozialforschung" untersuchten die Beziehung zwischen lokal-regionaler und nationaler Identität sowie einer europäischen Orientierung - die Ergebnisse überraschten die ForscherInnen. Multiple Identität
Anders als erwartet, erwiesen sich eine starke Bindung zur Heimat und die Identifikation mit einer größeren Einheit nicht als unvereinbare Gegensätze. Die Befragung von tausend ÖsterreicherInnen über 18 Jahre - durchgeführt vom Institut für empirische Sozialforschung IFES - zeigte, dass Menschen, die sich in ihrer Region, ihrem Staat mehr engagieren, auch die Europäische Union eher positiv bejahen. Personen hingegen, die generell politisch weniger interessiert sind, kümmern sich weder besonders um ihr Land noch um die EU. "Nationalismus und eine kosmopolitische Gesinnung müssen einander nicht ausschließen. Leute mit einer ,modernen Einstellung' entwickeln gleichzeitig mehrere, einander ergänzende Identitäten, eine nationale und eine europäische", erklärt Haller. Die Autonomie der Nationalstaaten zu wahren und lokal-regionale Einheiten durch weit reichende Autonomie zu stärken könne daher für die EU nur von Vorteil sein.

Kommunikations-Defizit
Auf die Frage, was die wichtigsten Dinge seien, "um wirklich ein Österreicher, eine Österreicherin zu sein", gaben die Menschen hierzulande folgenden Antworten insgesamt die meisten Punkte: "Deutsch sprechen zu können", gefolgt von "die österreichischen politischen Institutionen und Gesetze zu achten". Das Ergebnis war in allen anderen europäischen Ländern das gleiche.
"Der hohe Stellenwert der Sprache ist ein wichtiges Indiz für die maßgebliche Rolle der Kommunikation zur Schaffung einer gemeinsamen Identität und des Gefühls der Zusammengehörigkeit", ist Haller überzeugt. Das mangelnde Vertrauen in die Politik der Europäischen Union sieht der Soziologe wesentlich im Fehlen einer lebendigen, europaweiten Kommunikation über gemeinsame politische Themen begründet.

Internationaler Vergleich
Die vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderte Studie ist Teil des 1985 gegründeten "International Social Survey Program" (ISSP), eines der größten vergleichenden Forschungsprogramme in den Sozialwissenschaften, an dem mittlerweile bereits vierzig Länder weltweit teilnehmen. Das ISSP ermöglicht es, Forschungen mit einer nationen- und kulturüberschreitenden Perspektive durchzuführen.
Die Grazer WissenschafterInnen haben die österreichischen Ergebnisse mit denen der anderen Länder verglichen, vor allem mit jenen aus den EU-Staaten, und stellten dabei fest: Selbst im Zeitalter der Globalisierung bleiben Nationalstaaten die mächtigsten Akteure auf der internationalen Bühne, eine Rolle, die ihnen auch die Großkonzerne nicht streitig machen.

Personale Identität
Im Zusammenhang mit dem Konzept der personalen Identität sollte die nationale Komponente aber auch nicht überschätzt werden. Denn wie Mag. Bernadette Müller im Rahmen ihrer Dissertation herausfand, definieren sich die Menschen in erster Linie über ihre soziale Identität in ihrem täglichen Umfeld. Ganz oben steht dabei die Position in der Familie, gefolgt vom Beruf und der Rolle als Mann beziehungsweise Frau. Erst dann kommen Staatsbürgerschaft, nationale und ethnische Herkunft. Den zuletzt genannten Aspekten wird lediglich in jenen Ländern vorrangige Bedeutung zugeschrieben, wo nationale oder ethnische Probleme besonders virulent sind. "So zeigt sich im weltweiten Vergleich von 36 Staaten, dass in Israel und von SüdafrikanerInnen die ethnisch-nationale Zugehörigkeit am häufigsten als wichtigster Aspekt der Persönlichkeit angesehen wird", berichtet Müller.


Kontakt:
O.Univ.-Prof. Dr. Max Haller
Institut für Soziologie der Universität Graz
Tel. 0043 (0)316/380-3541
E-Mail: max.haller@uni-graz.at

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