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"Martin Walser gehört geradewegs zum Inventar der Universität Heidelberg"

13.01.2003 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Rektor Prof. Dr. Peter Hommelhoff stellte heute im Studium Generale Dr. Martin Walser vor, dessen eindrucksvolle Rede zu "Vokabular und Sprache" mehr als 1000 Zuhörer anzog

"Martin Walser bedarf im allgemeinen und in Heidelberg im besonderen im Grunde keiner Einführung. Jeder weiß, wer er ist, was er geschrieben hat - und nicht zuletzt werden viele sich an seine wiederholten Auftritte in der Universität Heidelberg seit seiner glanzvollen Poetik-Dozentur im Jahre 1992 gerne erinnern." Mit diesen Worten eröffnete Rektor Prof. Dr. Peter Hommelhoff heute seine Einführung und Vorstellung Dr. Martin Walsers, der im Studium Generale der Universität Heidelberg "Vokabular und Sprache" eindrucksvoll thematisierte. Die öffentliche Vortragsreihe, jeweils montags um 19.30 Uhr in der Neuen Universität, stellt in diesem Wintersemester provokativ die Frage: "Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker?".

Hommelhoff weiter: "Martin Walser gehört geradewegs zum Inventar der Universität Heidelberg, nicht nur als immer wieder bei uns freudig begrüßtes Subjekt, sondern auch als Objekt. Die zwölfbändige Ausgabe seiner Werke ist hier entstanden, auch manche Studie über ihn, und gerade in jüngster Zeit sind es Kollegen unserer Universität gewesen, die ihn in seinem kritischen Umgang mit dem Zeitgeist unterstützt haben."

Martin Walser, 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, gehört - wie Günter Grass (1927), Hans Magnus Enzensberger (1929) und "wie sein zu unserer Trauer unlängst verstorbener Verleger und Heidelberger Honorarprofessor Siegfried Unseld (1924) - der so genannten FLAKhelfergeneration an: also jenen Jahrgängen, die ihre Kindheit im Dritten Reich erlebten, als Heranwachsende den Krieg und die katastrophale Schlussphase der NS-Herrschaft sehr bewusst wahrnahmen und am Ende meist noch in die Kriegsmaschinerie miteinbezogen wurden, sei es als Helfer an den Flug-Abwehr-Kanonen, sei es in den regulären Kampfeinheiten, die damals mit sehr jungen Männern aufgefüllt wurden. Das ist Walsers Schicksal; er hat es in seinem großen autobiographischen Roman 'Ein springender Brunnen' 1998 detailliert beschrieben" (Hommelhoff).

"Walser hatte das Glück, heil davonzukommen, und er hatte zudem das Glück, dank seines Vaters zum Leser zu werden. Dies bestimmte seine weitere Entwicklung: Nach kurzer Kriegsgefangenschaft machte er das Abitur und studierte dann in Tübingen Literatur, Geschichte und Philosophie. In Tübingen wurde er aufgrund einer Arbeit über Franz Kafka 1951 promoviert, zu einer Zeit mithin, als der große jüdische Autor aus Prag noch kaum bekannt war und im Lehrbetrieb der Germanistik noch keine nennenswerte Rolle spielte."

"Schon während des Studiums wurde Walser Mitarbeiter des Süddeutschen Rundfunks in dessen Ressort 'Politik und Zeitgeschehen'. Das war sicher kein Zufall, jedenfalls ist es kennzeichnend für Walsers weitere Existenz: Er wurde zum unermüdlichen und kritischen Beobachter des Zeitgeschehens, einschließlich der politischen Rahmenbedingungen, und er nutzte seine früh schon entdeckten und reichen literarischen Fähigkeiten dazu, das Zeitgeschehen - oder wie man auch sagen kann: die politisch-kulturelle Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland - in literarischer Formenvielfalt zu reflektieren: in großen Romanen und Erzählungen, in denen er das Lebensgefühl der Menschen in Deutschland erkundete, die Zumutungen des rapiden Modernisierungsprozesses sichtbar machte und einfühlsam die Reaktionen der betroffenen Menschen darstellte; erinnert sei nur an den Roman 'Ehen in Philippsburg', 1957, nach dem Urteil der Fachkollegen das beste literarische Porträt der 'modern' und 'westlich' werdenden Wirtschaftswundergesellschaft, oder an die berühmt gewordene Novelle 'Ein fliehendes Pferd', 1978, in der die Emanzipationsversessenheit jener Zeit in ihrer Äußerlichkeit entlarvt wird, indem sie zur Kollision gebracht wird mit einem etwas reflektierteren Bewusstsein."

Nach Hommelhoffs Worten bilden die Romane, Erzählungen, Dramen und Hörspiel den Hauptteil von Walsers Werk. "Sie sind aber nicht alles. Von Anfang an wurden die literarischen Arbeiten begleitet und oft auch grundiert durch Essays, die sich der deutschen Gesellschaft, ihrer Geschichte und ihrer Kultur in großer Breite und Intensität widmeten. Martin Walsers Essays füllen in der zwölfbändigen Werkausgabe von 1997 zwei stattliche Bände von bald 2000 Seiten. Darunter sind Essays, die zu den Zentraltexten des politisch-kulturellen Diskurses der alten Bundesrepublik gehören, so etwa der berühmte - unter dem Eindruck der von Walser persönlich miterlebten Auschwitz-Prozesse entstandene - Aufsatz 'Unser Auschwitz', 1965, oder die im unmittelbaren Vorfeld der Wiedervereinigung gehaltene hellsichtige Rede 'Über Deutschland reden', 1988 - : Essays oder Vorträge, in denen die spezifischen Erfahrungen der Flak-Helfer-Generation fruchtbar gemacht wurden für die Reflexion der politischen und kulturellen Situation. Einige dieser Essays oder Vorträge sind allerdings nicht nur auf Zustimmung gestoßen; mit einigen hat Martin Walser auch Verstörung oder gar Empörung ausgelöst - aber das ist uns allen wohl erinnerlich und muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Was aber gern übersehen wird - weil es in das Bild nicht passen will, das manche sich von ihm in jüngster Zeit gemacht haben -, ist die Tatsache, dass eines der bewegendsten Lebensdokumente aus der Zeit des Dritten Reichs, das sich in den vergangenen Jahren so tief in die Gemüter eingegraben hat: die Tagebücher des jüdischen Romanisten Viktor Klemperer, von ihm entdeckt und ans Licht der Öffentlichkeit gebracht worden sind."

"Der Ruprecht-Karls-Universität ist Martin Walser, wie schon angedeutet, dadurch besonders verbunden, dass er 1992 die erste Heidelberger Poetik-Dozentur ausübte und dieser Veranstaltungsreihe, ein Gemeinschaftsunternehmen von Universität und Stadt, zu eindrucksvollem Beginn verhalf. Zum Abschluss dieser ersten Poetik-Dozentur hat Herr Walser damals in der voll besetzten Neuen Aula einen vielbeachteten Vortrag über 'Des Lesers Selbstverständnis' gehalten. Er räumt darin dem Leser viel Recht im Umgang mit Texten ein, in der Art und Weise, persönlich oder privat von Texten Gebrauch zu machen für die Reflexion des eigenen Lebens. Das enthebt die Leser, zumal wenn sie öffentlichen Gebrauch von Texten machen wollen, nicht der Pflicht, sorgfältig darauf zu achten, was genau gesagt wird. Vielleicht ist diese Sorgfalt, auf die jeder Schreibende oder Redende Anspruch hat, während der letzten Jahre in den Auseinandersetzungen mit Martin Walser allzu leichtfertig preisgegeben worden. Die Universität und in ihr vor allem anderen die Philologie - der schon von ihrem griechischen Namen her die Liebe zum Wort, das genaue Hinhören auf das, was gesagt und geschrieben wird, aufgegeben ist - hat hier eine hohe Verantwortung. Und so sind wir gespannt - und werden genau hinhören -, was Martin Walser uns heute über Vokabular und Sprache zu sagen hat, in der Hoffnung, ja Gewissheit, dass unser - des Hörers - Selbstverständnis dadurch bereichert wird" (Hommelhoff).

(Im Wortlaut erscheint Walsers Rede im Laufe des Sommers im Sammelband des Studium Generale bei Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg.)

Rückfragen von Journalisten bitte an:

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de

Rückfragen zum Studium Generale:
Dr. Heiner Must, Monika Conrad
q02@ix.urz.uni-heidelberg.de
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