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Wie wir Wege und Anerkennung finden - und uns ohne Worte verstehen

25.04.2006 - (idw) VolkswagenStiftung

Stiftung fördert drei neue "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" Die VolkswagenStiftung bewilligt insgesamt 2,3 Millionen Euro für drei neue Projekte in ihrer Förderinitiative "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften". Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen sind hier aufgerufen, Projektthemen zu definieren, die aktuelle, in der Gesellschaft diskutierte Fragestellungen aufgreifen; Fragestellungen, die sich darüber hinaus nur im interdisziplinären Verbund bearbeiten lassen - nach Möglichkeit unter Einschluss naturwissenschaftlicher Fächer. Mit diesem Konzept will die Stiftung dazu beitragen, die Geisteswissenschaftler in ihren Forschungsaktivitäten zu vernetztem und übergreifendem Arbeiten anzuregen. Bewilligt wurden die folgenden Projekte, die sich als die besten unter zwölf Vorschlägen durchsetzen konnten:

1.) 575.000 Euro für das Vorhaben "Visuelle Navigation. Entwicklung und Kritik schematischer Karten" von Professor Dr. Ulrik Brandes vom Fachbereich Informatik und Informationswissenschaft, Algorithmik der Universität Konstanz - in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Albert Kümmel, Juniorprofessor für Digitale Medien / Digitale Kunst der Universität Konstanz und Professor Dr. Felix Thürlemann vom Fachbereich Literaturwissenschaft, Kunstwissenschaft / Kunstgeschichte der Universität Konstanz;

2.) 750.000 Euro für das Vorhaben "Strukturwandel der Anerkennung im 21. Jahrhundert" von Professor Dr. Axel Honneth vom Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt am Main - in Zusammenarbeit mit fünf Partnern an zwei Standorten;

3.) 975.000 Euro für das Vorhaben "Towards a Grammar of Gesture: Evolution, Brain, and Linguistic Structures" von Priv.-Doz. Dr. Cornelia Müller vom Institut für Deutsche Philologie / Linguistik des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften an der Freien Universität Berlin - in Zusammenarbeit mit Priv.-Doz. Dr. Hedda Lausberg von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Mainz sowie der Klinik und Poliklinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie der Charité Berlin, Dr. Ellen Fricke von der Arbeitsstelle für Semiotik am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin sowie Dr. Katja Liebal vom Department of Psychology, Evolutionary Anthropology der University of Portsmouth;

Im Folgenden stellen wir Ihnen diese drei Vorhaben kurz vor; im Anschluss finden Sie in der Übersicht das bewilligte Abschlussvorhaben.

zu 1: Schon seit langer Zeit bedienen sich Menschen grafischer Hilfsmittel, um sich im Raum zu orientieren und zu bewegen. Hierfür können schematische Karten äußerst hilfreich sein wie etwa die U-Bahn-Pläne von Hannover oder London; ebenso mittelalterliche Itinerare, also zusammenfassende Darstellungen von Verkehrswegen und Straßen. Diese Karten bilden, anders als topografische Karten, nicht den Raum an sich ab. Sie skizzieren vielmehr die Entscheidungssituation, vor der eine Person steht, die von Ort A nach Ort B möchte. Wie nun lässt sich die lange Tradition dieser Kulturtechnik in unserer modernen, technisierten Welt anwenden? Wie kann sie für die Analyse und Weiterentwicklung aktueller automatisch erstellter Systeme nutzbar gemacht werden?

An der Schnittstelle von Kunstgeschichte, Informatik und Medienwissenschaft setzt sich ein dreiköpfiges Forscherteam der Universität Konstanz mit diesen Fragen auseinander. Dabei stellen die Wissenschaftler die Begriffe "Ikon" und "Index" ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Beide Begriffe beschreiben Grundcharakteristika schematischer Karten. Eine schematische Karte ist zum einen ein Ikon - ein stilisiertes Abbild -, weil sie Orte und Entscheidungswege sichtbar macht. Die Linien der Karte stellen dabei mögliche Bewegungen im Raum dar, während Kreuzungspunkte für die Möglichkeit stehen, sich für die eine oder andere Alternative zu entscheiden. Eine schematische Karte ist aber zugleich auch Index, da das, was auf der Karte verzeichnet ist, auch im Steuerungsraum umgesetzt werden können soll. Der eigene Standort und das Wegziel müssen mit einer Position auf der Karte verbunden werden. Dieser Umsetzungsaspekt stellt die operative Ausführung ins Zentrum. Das Neue am Forschungsansatz des Teams liegt nun darin, die abbildende Dimension von Kartierungen mit einer operativen Dimension zu verbinden. Dies ermöglicht es auch, Kulturtechniken der Orientierung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verbinden.

Mit drei Teilprojekten möchten sich die Forscher diesem Ziel annähern: Im Projektbereich Kunstgeschichte werden die Wissenschaftler eine Kulturgeschichte schematischer Karten und Diagramme vom Mittelalter bis in die Gegenwart ausarbeiten. Dabei sollen exemplarisch ausgewählte Beispiele kultur- und kunsthistorisch interpretiert werden. Im Projektbereich Informatik befassen sich die Forscher mit den Möglichkeiten und Beschränkungen der automatischen Herstellung von schematischen Karten auf der Basis von Algorithmen. Wie lassen sich Netzwerke sinnvoll visualisieren? Hier geht es ganz handfest auch darum, die automatische Umsetzung zu erproben. Im Zentrum des dritten Projektbereichs Medienwissenschaft steht vor allem die Frage, wie die Navigation von Mediendifferenzen abhängt. An aktuellen Beispielen wird untersucht, was die schematische Karte als visuelles Abbild des Steuerungsraumes leistet. Zentraler Untersuchungsgegenstand sind aktuelle virtuelle Wissensräume, wie sie auf der Website www.pastperfect.at umgesetzt werden. Diese versuchen, eine ganze Epoche mit Hilfe aufwändiger Diagramme navigierbar zu machen.

Kontakt zu Projekt 1

Universität Konstanz
Fachbereich Informatik & Informationswissenschaft
Prof. Dr. Ulrik Brandes
Telefon: 07531 884433
E-Mail: ulrik.brandes@uni-konstanz.de
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zu 2: Ist der Mensch nur ein rein eigennütziges Wesen? Nach Auffassung eines sechsköpfigen interdisziplinären Forscherteams aus Frankfurt am Main und Bielefeld ist er das nicht. Die Wissenschaftler sehen als gleichermaßen zentralen Handlungsantrieb neben im engeren "materiellen" Sinne eher nutzenorientierten Motiven auch das Bedürfnis des Einzelnen, als Person Anerkennung zu erlangen. Fast jeder wünsche sich emotionale Zuwendung, Achtung, Respekt und individuelle Wertschätzung. Bei ihrem Forschungsansatz gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es drei sich ergänzende "Anerkennungssphären" gibt: den Bereich Politik und Recht, die Arbeitswelt und die Familie. Jede dieser Lebenswelten ist durch verschiedene so genannte "Anerkennungsmodi" charakterisiert - im Umfeld Partnerschaft und Familie etwa strebt jeder danach, als unverwechselbarer Einzelner gesehen zu werden. Die Arbeitsthese der Forscher ist, dass die Balance zwischen den unterschiedlichen Sphären, zwischen generalisierter und individualisierter Anerkennung, heute in Auflösung begriffen sei. Stattdessen werde innerhalb jeder Anerkennungssphäre gesondert um eine neue Austarierung generalisierter und individualisierter Ansprüche gekämpft.

Diesen Wandel der Anerkennung im 21. Jahrhundert betrachten die Forscher aus verschiedenen Perspektiven: Im historischen Teilprojekt zur "Sozialgeschichte der Anerkennung" etwa verfolgen sie die Wandlungen des Ehrbegriffs zwischen 1750 und der Gegenwart. Ein weiteres Teilprojekt setzt den Fokus auf das Heute, dort gehen die Wissenschaftler dem Strukturwandel der Anerkennungssphären zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach. So wird zum Beispiel aus rechtswissenschaftlicher Sicht gefragt, wie sich für "Opfer" der Kampf um Anerkennung heute darstellt. Die Position des Opfers wurde im modernen Strafrecht lange Zeit ausgeblendet. Zurzeit ist jedoch, so die These, eine schrittweise Umkehrung dieses Prozesses zu beobachten. Des Weiteren wird der Bereich Wirtschaft und Arbeit fokussiert, der ebenfalls einem starken Strukturwandel unterworfen ist. Die Stichworte hier lauten: Organisations- und Berufswandel, Wandel der Unterscheidung zwischen Arbeits- und Privatleben, Wandel der Erwerbsbiographien. Wie können die herkömmlichen institutionalisierten Anerkennungsverhältnisse unter diesen Bedingungen noch wirken? In einem weiteren Projektbereich soll letztlich ein moral-philosophischer Rahmen entwickelt werden, der dann die Diskussion der Frage erlaubt, mit welcher Berechtigung sich Anerkennungsansprüche in dem jeweiligen Kontext erheben lassen.

Kontakt zu Projekt 2

Universität Frankfurt am Main
Institut für Sozialforschung
Prof. Dr. Axel Honneth
Telefon: 069 7561 8318
E-Mail: honneth@em.uni-frankfurt.de
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zu 3: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" lautet ein Sprichwort. Aber selbst wenn wir schweigen, kommunizieren wir. Ein großer Teil der menschlichen Kommunikation verläuft jenseits der gesprochenen Sprache - etwa über Gesten. Für dieses spannende Thema interessieren sich Neurologen und Sprachwissenschaftler ebenso wie Forscher aus der evolutionären Anthropologie, der kognitiven Psychologie und der Semiotik. Gesten, darin sind sich alle einig, scheinen ihren ganz eigenen kommunikativen Regeln zu gehorchen.
Ein Wissenschaftlerinnenquartett aus Berlin, Mainz und Portsmouth hat sich jetzt vorgenommen, die in der Forschung vorhandenen Defizite aufzuarbeiten und eine stimmige und umfassende Darstellung der strukturellen Eigenschaften von Gesten zu erarbeiten - eine "Grammatik der Gesten" sozusagen. Die Projektbeteiligten gehen dabei davon aus, dass Gesten hochgradig strukturierte Zeichen sind, die sich in einer eigenen Grammatik verbinden. Diese Auffassung stellt das traditionelle Konzept von Sprache als ein in sich geschlossenes System lautlicher Zeichen in Frage und betont die multimodale Natur von Sprache.

Geplant sind linguistische und semiotische Analysen, die von neuropsychologischen Untersuchungen begleitet werden. So fokussiert ein Teilprojekt die spezifischen Prozesse der Gestenproduktion, und es wird dabei versucht herauszufinden, was analog auf neuronaler Ebene abläuft und welchen Beitrag die beiden Gehirnhälften leisten. Dies lässt sich an Patienten untersuchen, bei denen die Verbindungen zwischen den Hirn-Hemisphären durchtrennt sind. Ziel ist es zu zeigen, dass gestische Strukturen - zumindest zu einem gewissen Grad - im Gehirn lokalisierbare Einheiten sind. Gelingt dieser Nachweis, so stellt dies die kognitive Fundierung der Sprache infrage: Gestik würde dann nicht nur ihrer Erscheinung nach, sondern auch kognitiv ein Teil von Sprache sein. Ergänzend gehen die Wissenschaftlerinnen in mehreren vergleichenden Untersuchungen bei Menschen und Affen der Frage nach, über welche Formen der gestischen Strukturbildung bereits Affen verfügen: Welche Teile der menschlichen "Grammatik der Gesten" sind also bei unseren nächsten Verwandten vorhanden, welche gestischen Strukturen andererseits entstanden erst mit der Entwicklung der Lautsprache? In der evolutionären Anthropologie wird eine Theorie der Evolution von Sprache, die Gestik als eine Vorstufe von Sprache begreift, bisher strittig diskutiert. Die Ergebnisse dieser Studien können einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion leisten.

Kontakt zu Projekt 3

Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Priv.-Doz. Dr. Cornelia Müller
Telefon: 030 838544 39
E-Mail: cmuell@zedat.fu-berlin.de
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Kontakt
VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Dr. Christian Jung
Telefon: 0511 8381 380
E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Förderinitiative "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften"
Dr. Vera Szöllösi-Brenig
Telefon: 0511 8381 218
E-Mail: szoelloesi@volkswagenstiftung.de
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Der Text der Presseinformation steht im Internet zur Verfügung unter http://www.volkswagenstiftung.de/service/presse.html?datum=20060425

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