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USA verlieren international ihr Monopol als Großmacht - Nur Minderheit der Deutschen sieht die Bundesrepublik noch als G

02.06.2006 - (idw) Bertelsmann Stiftung

Deutsche sind Anwälte für EU, UNO und multilaterale Zusammenarbeit - Auffällige Unterschiede zwischen der deutschen und internationalen Wahrnehmung Berlin, 2. Juni 2006. Die Mehrheit der Deutschen sieht das eigene Land weder heute noch in Zukunft als globale Macht. Gleichzeitig glauben sie aber, dass die EU in Zukunft diese Rolle einnehmen wird und sprechen sich mehrheitlich für eine multilaterale Weltordnung unter Führung der UNO aus. Dies ist das Ergebnis einer weltweiten, repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung. Danach betrachten gegenwärtig 40 Prozent der befragten Deutschen das eigene Land als Weltmacht, ebenso viele sehen diesen Status für Deutschland auch in den nächsten 15 Jahren gegeben. Unangefochtener Global Player Nummer 1 aus deutscher Sicht sind aber heute die USA. 90 Prozent der Deutschen teilen diese Einschätzung. An zweiter Stelle wird mit 75 Prozent die EU genannt. Es folgen China mit 68 Prozent, die UNO mit 66 Prozent, Japan mit 57 Prozent und Russland mit 50 Prozent.

Für das Jahr 2020 erwarten die Deutschen nur eine leichte Verschiebung zugunsten von China. Dann sehen nur noch 82 Prozent von ihnen die USA als Weltligisten, dicht gefolgt von China mit 75 Prozent. Die Bedeutung von EU, UNO, Japan und Russland wird gleich blei­bend geschätzt.

Die weltweite Erhebung der Bertelsmann Stiftung, bei der insgesamt über 10.000 Menschen befragt wurden, zeigt eine deutliche Abweichung der deutschen Einschätzung über die Be­deutung der Weltmächte von den Befragten in den meisten anderen Ländern. Denn im inter­nationalen Durchschnitt wird die Bewertung der EU als globalem Akteur von nur 32 Prozent der Befragten geteilt. Auch im Jahr 2020 sehen nur 30 Prozent die EU als weltpolitischen Akteur. Vergleichsweise hohe Werte erzielt die EU dabei noch in den USA, Russland und Japan. Keine Weltmachtchancen geben ihr dagegen Chinesen, Inder oder Brasilianer. Deutschland selbst sehen im Durchschnitt nur 26 Prozent als Weltmacht mit abnehmender Tendenz, wobei es die höchsten Werte noch bei den Befragten in Großbritannien und Russ­land erzielt.

Als wirkliche Weltmächte werden heute international die USA mit 81 Prozent angesehen, gefolgt von China (45 Prozent), Japan (37 Prozent) und Großbritannien (32 Prozent). Für das Jahr 2020 erwarten nur noch 57 Prozent die USA als Weltmacht, aber 55 Prozent auch China, gefolgt von Japan (32 Prozent), Russland (26 Prozent) und Indien (24 Prozent). Die UNO schätzen im Unterschied zu den Deutschen international nur 26 Prozent der Befragten als Global Player ein, im Jahr 2020 sogar nur noch 21 Prozent.

Befragt nach den notwendigen Eigenschaften einer Weltmacht nennen die meisten Menschen politische Stabilität, wirtschaftliche Stärke sowie leistungsfähige Bildung und Forschung. Militärische Stärke ist für die Mehrheit als Machtfaktor immer weniger bedeutsam. Diese Eigenschaft weltweit wird nur noch von 20 Prozent der Befragten als wichtig eingeschätzt. In Deutschland fällt dieser Wert mit sieben Prozent am geringsten aus. Als wichtigste Herausforderung der Großmächte gelten der Internationale Terrorismus, Armut und Klimawandel.

Die Mehrheit der Bevölkerung in den wichtigsten Staaten der Erde erwartet zudem offen­sichtlich in Zukunft keine gemeinsame Weltagenda. Sie gehen vielmehr von einer multipola­ren Weltordnung ohne einen gemeinsamen Ordnungsrahmen aus. Und obwohl sich viele Menschen von der UNO zukünftig eine größere Rolle wünschen, wird sie als zentrale Ord­nungsmacht nur auf dem siebenten Platz gesetzt. Eine wichtigere Rolle bei der Friedenssi­cherung und der Stabilität in der Welt wird zukünftig weltweit vor allem von den USA (55 Prozent) erwartet. 38 Prozent erwarten diese Aufgabe von der UNO. In Deutschland wünschen sich dies dagegen 83 Prozent.

Gefragt nach dem geeigneten Ordnungsmodell, in dem sich Frieden und Stabilität in der Welt am besten verwirklichen lassen, nennen 68 Prozent der Deutschen die UNO. Im welt­weiten Durchschnitt sagen dies mit 42 Prozent aber weniger als die Hälfte. In Indien, Japan, Russland und den USA meint dies sogar nur jeder Dritte. Mit Ausnahme der Chinesen setzt die Mehrheit der weltweit Befragten außerhalb Europas dagegen auf die Führung durch eine Weltmacht oder durch verschiedene regionale Mächte. In den USA meinen dies beispiels­weise 58 Prozent.

Die Politikforscher der Bertelsmann Stiftung folgern aus der Befragung, dass es zu einer Rückbesinnung auf die jeweilige nationale Stärke eines Landes und verhängnisvolle klassi­sche Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts kommen könnte, wenn diese Bevölkerungsmei­nung politikbestimmend wird. Hierfür spricht auch, dass die Stärke und Bedeutung des eige­nen Landes in fast allen Ländern höher eingeschätzt wird, als von den Befragten in allen anderen Ländern. Besonders ausgeprägt war dies bei den Befragten in Indien, Russland, Großbritannien und Brasilien.

Professor Werner Weidenfeld, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung: "Die Menschen sehen die heutige Vormachtstellung der USA in Zukunft schwinden, aber sie erwarten auch kein harmonisches Gleichgewicht der Weltmächte, das etwa von der UNO moderiert wird. Sie setzen vielmehr auf eigene Stärke im globalen Wettbewerb und wünschen sich für das jeweils eigene Land eine bedeutsamere Rolle für Stabilität und Frieden. Wenn diese Per­spektive und Erwartung für die Politik weltweit bestimmend wird, birgt es die Gefahr eines nationalistischen Wettlaufs zwischen den heutigen und zukünftigen Weltmächten, bei dem alle nur verlieren."

Betrachtet man das Meinungsbild der Europäer insgesamt, so zeigt sich, dass sie die Ver­schiebung der weltpolitischen Gewichte bemerkt haben. Sie kompensieren ihren nationalen Bedeutungsverlust durch große Hoffnungen auf die EU. Die Stimmungslage wird dabei aber weiterhin gleichzeitig durch nationale Wahrnehmungsmuster geprägt. Professor Werner Weidenfeld: "Die Umfrage spiegelt auch das europäische Dilemma. Ohne herausragende Führungsleistung wird sich Europa danach in den gewohnten Bahnen bewegen. Der Konti­nent bleibt eine Weltmacht im Werden mit großen Potenzial zur Weltmachtbildung aber ohne Kraft der politischen Bündelung seiner Ressourcen."

Für die Studie der Bertelsmann Stiftung waren durch das Meinungsforschungsinstitut Gal­lup/TNS-EMNID weltweit 10.000 Menschen zur Rolle und Funktion der Weltmächte heute und im Jahr 2020 befragt worden. Die Untersuchung fand in den USA, Russland, Brasilien, China, Indien, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien statt.


Die Ergebnisse wurden in Berlin zum Auftakt einer internationalen Konferenz der Bertelsmann Stiftung mit dem Titel "Wer regiert die Welt - Die Zukunft der Großmächte im 21. Jahrhundert" vorgestellt.

Rückfragen an: Stefani Weiss, Bertelsmann Stiftung, Telefon: 0 52 41 / 81-81 317, E-Mail: Stefani.weiss@bertelsmann.de
Weitere Informationen: http://www.bertelsmann-stiftung.de
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