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"Der zwölfte Mann auf dem Platz"

07.06.2006 - (idw) Europa Fachhochschule Fresenius

Physiotherapie-Professor Christian Grüneberg von der Europa Fachhochschule Fresenius (EFF) nimmt Stellung zur Rolle von Sportphysiotherapeuten bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Idstein. England bangt um Stürmer Wayne Rooney, Tschechiens Star Vladimir Smicer muss sich von der Fußball-WM verabschieden und Italiens Abwehr-As Gianluca Zambrotta laboriert an einer Oberschenkelverletzung. Auch die deutsche Nationalelf ist vom Verletzungspech nicht verschont: Sebastian Deisler musste absagen, Philipp Lahm schleppt noch eine Ellenbogenverletzung mit sich herum und Michael Ballack klagt über eine Verhärtung des Wadenmuskels. Christian Grüneberg, Professor für Physiotherapie an der Europa Fachhochschule Fresenius (EFF) in Idstein, nimmt Stellung zu Möglichkeiten und Grenzen der Sportphysiotherapeuten bei der Fußball-WM.

Wie kann es sein, dass Philipp Lahm gut zwei Wochen nach der Operation wieder ein Länderspiel bestreiten konnte?

Prof. Dr. Christian Grüneberg: Die Operation ist offensichtlich geglückt. Jetzt kommt es darauf an, dass die Armschiene hält und der Ellbogen möglichst wenig belastet wird.

Das wird im Zweikampfverhalten wohl schwierig. Könnte Lahm als Abwehrspieler nicht eine "Beißhemmung" entwickeln?

Grüneberg: Das wird sich zeigen. Lahm muss auf den Ernstfall vorbereitet sein, zum Beispiel auf einen Sturz. Deshalb gehört zu seinem Übungsprogramm möglichst schonendes Fallen auf den Unterarm.

Ellbogenverletzungen sind ja eher selten. Welches sind typische Fußballerverletzungen?

Grüneberg: Fußball ist ein Ganzkörpersport, besonders belastet werden naturgemäß die Beine. Muskel-, Bänderverletzungen und Brüche kommen immer wieder vor. Das Knie ist der neuralgische Punkt bei Fußballern. Knieverletzungen sind häufig der Grund, warum Fußballer ihre Karriere beenden müssen oder WM-Träume platzen - siehe Sebastian Deisler.

Warum ausgerechnet das Knie?

Grüneberg: Beim Fußball wird das Knie in einer Weise beansprucht, die nicht seiner Funktion entspricht. Das Knie ist ein Scharniergelenk. Bei Innen- oder Außenristschüssen wird es quer zur vorhergesehenen Bewegungsrichtung belastet, ebenso bei schnellen Richtungswechseln oder - was eher selten vorkommt - bei einem Pressball. Ganz kritisch wird es natürlich bei Fouls. Da kann schon mal die "unhappy triad" auftreten, also ein gleichzeitiger Riss von Kreuzband, Meniskus und Innenband.

Jens Nowotny hat vier Kreuzbandrisse hinter sich und fehlte auch aus diesem Grund bei der WM 2002. Was kann er aus sportphysiotherapeutischer Sicht tun, um eine erneute Verletzung zu vermeiden?

Grüneberg: Auf der Bank bleiben. Aber im Ernst: Jeder Briefträger wäre nach so einer Verletzungsgeschichte berufsunfähig. Andererseits widmen sich Leistungssportler auch tagtäglich dem muskulären Aufbau, der vor einer Verletzung schützen kann. Hieran wird Nowotny in der Vorbereitung sicher hart gearbeitet haben. Während der WM ist da nichts mehr zu machen.

Jan Ullrich hat seine eigene Sportphysiotherapeutin, die ihn während der Tour de France täglich zwei Stunden betreut. Auch die körperliche Belastung bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist enorm. Welche Rolle spielt hier die Physiotherapie für die Regeneration?

Grüneberg: Sportphysiotherapeuten können durch gezielte Übungen wesentlich dazu beitragen, dass ein verletzter oder überlasteter Spieler möglichst schnell wieder fit wird. Ebenso wichtig ist jedoch die präventive Arbeit: Physiotherapeuten sind daher auch in der Vorbereitungsphase auf große Sportereignisse wichtige Teammitglieder.


Entspannung des Körpers führt auch zur Entspannung der Seele. Frisöre gelten gemeinhin als nebenberufliche Psychologen. Gilt das auch für Sportphysiotherapeuten?

Grüneberg: Das mag in Einzelfällen gelten, würde ich aber generell nicht unterschreiben. Bezogen auf die Fußball-WM würde ich es eher so ausdrücken: Der Sportphysiotherapeut ist der zwölfte Mann auf dem Platz!

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Weitere Informationen: http://www.fh-fresenius.de/DE
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