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Die Menschenmasse als Modell der Gesellschaft

03.07.2006 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Tagung an der Universität Münster zu Massenritualen im Sport Der Philosoph Peter Sloterdijk hat die olympische Bewegung zu einer der wichtigsten Gestalterinnen von Menschenmassen im 20. Jahrhundert erklärt - neben Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus und Kommunismus. Der Olympismus kann dabei pars pro toto für die gesamte Turn- und Sportbewegung stehen. Die zweite Tagung des Carl-Diem-Projektes, ausgerichtet von dem Historiker Dr. Frank Becker und dem Sportwissenschaftler Prof. Michael Krüger, am 7. und 8. Juli 2006 im Franz-Hitze-Haus beschäftigt sich in diesem Jahr folgerichtig mit "Massenritualen. Sport, Öffentlichkeit und politische Kultur im 20. Jahrhundert". Als Organisator der Olympischen Spiele von 1936 und als einer der wichtigsten Sportfunktionäre im Nachkriegsdeutschland werden damit zentrale Aspekte im Leben von Carl Diem beleuchtet.

In der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Forschung spielt die Frage nach Bedeutung und Funktionsweise von "symbolischer Kommunikation" eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund verdienen auch die Masseninszenierungen der Turn- und Sportbewegung neues Interesse - zumal deshalb, weil die Übergänge von den Masseninszenierungen des Sports zu den Masseninszenierungen der Politik oft fließend waren. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Medien, mit denen über die Zehntausende, die direkt an einer Veranstaltung teilnahmen, Millionen von Menschen erreicht werden konnte.

Bei den Massenveranstaltungen ging es aber nicht nur darum, möglichst große Menschenmengen in dasselbe kommunikative Geschehen einzubinden. Die Masse wurde nicht nur adressiert, sie wurde auch gestaltet. Sie erhielt eine bestimmte Struktur, die auf den ideellen Gehalt verwies, in dessen Zeichen sie versammelt worden war. Die Masse spiegelte mithin soziale Ordnungsvorstellungen. Die Form, in der sich Menschen bei den Massenveranstaltungen aufstellten, verhielten und miteinander umgingen, fungierte als Modell für die Gesellschaft insgesamt.

Die Ordnungsvorstellungen, die in den Massenritualen zum Ausdruck kamen, konnten die unterschiedlichsten Bereiche des menschlichen Zusammenlebens betreffen. Die politischen Botschaften, die auf den Feldern des Turnens und des Sports vermittelt wurden, waren keineswegs - bis 1945 - notorisch mit
der Idee der Nation und ihrer jeweiligen Ausgestaltung verknüpft. Auch die Geschlechterordnung etwa wurde thematisiert. Das Arrangement der Körper von Männern und Frauen bei den Massenveranstaltungen zeigte an, welche sozialen Rollen den beiden Geschlechtern insgesamt zugedacht waren. Massenrituale lassen sich deshalb auch aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive lesen.

Die Massenveranstaltungen, die von Carl Diem organisiert wurden, erhalten bei der Tagung einen wichtigen Platz, sollen aber nicht allein im Mittelpunkt stehen, sondern vielfältig kontextualisiert werden. Nur das macht ihren Stellenwert in der Geschichte der symbolischen Kommunikation im Medium der Menschenmasse deutlich. Außerdem können Austauschprozesse in den Blick kommen, von denen Diem profitiert hat, die aber auch andere von Diem profitieren ließen. Die Tagung wird diesen Kontextualisierungen in zwei Sektionen nachgehen. Die erste dieser beiden Sektionen untersucht andere gesellschaftliche Felder, auf denen die Präsentation und Aufstellung von Massen eine große Rolle spielt: vor allem Politik, Religion und Militär. Die zweite Sektion stellt Bezüge zu den Massenveranstaltungen von Turnen und Sport her. Hier sind jene Veranstaltungen gemeint, die von Diem beobachtet wurden, an denen er aber nicht selbst als Organisator beteiligt war. Die dritte Tagungssektion wird dann den von Diem (mit-)gestalteten Massenritualen gewidmet sein: einerseits den Deutschen Kampfspielen der Weimarer Jahre (1922 in Berlin, 1926 in Köln, 1930 in Breslau), andererseits den Olympischen Spielen von Berlin 1936.


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