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Akupunktur bei Kniearthrose besser als Standardtherapie, aber es muss nicht TCM sein

10.07.2006 - (idw) Universitätsklinikum Heidelberg

In der soeben publizierten gerac-Gonarthrosestudie* - eine von vier kontrollierten Studien des gerac-Modellprojekts** - linderte eine Akupunkturbehandlung Schmerzen und Funktionseinschränkung bei Kniearthrose signifikant besser als die Standardtherapie mit Medikamenten und Krankengymnastik. Dabei war allerdings eine "Schein"-Akupunktur mit oberflächlicher Nadelung an Punkten, die nicht als Akupunkturpunkte definiert sind, ebenso wirksam wie die Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), betont Prof. Norbert Victor vom Institut für Medizinische Biometrie und Informatik (IMBI) der Universität Heidelberg.

Die dreiarmige Studie an über 1000 Patienten wurde von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg geplant, durchgeführt und ausgewertet. Alle Patienten erhielten die Standardversorgung mit Medikamenten nach Bedarf und Krankengymnastik. In allen drei Behandlungsgruppen gab es zehn Arztbesuche. In den beiden Akupunkturgruppen erhielten die Patienten zusätzlich entweder 10 Behandlungen mit einer TCM-Akupunktur nach Lehrmeinungen der Deutschen Akupunkturgesellschaften bei Knieschmerzen, oder eine "Schein"-Akupunktur. Hierbei wurden insgesamt zehn Nadeln oberflächlich und ohne Stimulation an ausgewählten Punkten gestochen, die nicht definierten Akupunkturpunkten entsprachen und nicht unmittelbar am Knie, sondern im Bereich des Knöchels, der Oberschenkel und am Arm lagen.

Als Erfolg definierte man eine mindestens 36%ige Verbesserung auf einer international anerkannten Bewertungsskala (WOMAC-Score), die sowohl Schmerz, Funktionalität als auch Gelenksteifigkeit erfasst. Die Messung erfolgte nach 26 Wochen. Die Erfolgsraten betrugen 29% für die Standardtherapie, 53% für die TCM-Akupunktur und 51% für die Sham-Akupunktur. Beide Akupunkturtechniken waren deutlich wirksamer als die Standardtherapie, ein merklicher Unterschied zwischen den beiden Akupunkturbehandlungen zeigte sich nicht. Neben der langfristigen Verbesserung des Befindens der Patienten war auch der wesentlich geringere Verbrauch an Schmerzmedikamenten in den beiden Akupunkturgruppen gegenüber der Standardtherapiegruppe bemerkenswert.

Die beobachtete gleiche Wirksamkeit beider Akupunkturschemata zeigt, dass für eine erfolgreiche Behandlung die Punktauswahl nicht zwingend nach den Kriterien der TCM erfolgen muss und außerdem ein oberflächliches Stechen ausreicht. Da diese Aussage streng genommen nur für die in der Studie gewählten Therapieschemata zutrifft, kann daraus nicht gefolgert werden, dass es gleich ist, wie und wohin man sticht, betont Prof. Victor. Somit kann die gerac-Studie keinen Beweis für oder gegen eine spezifische Wirksamkeit einer TCM-basierten Akupunktur bieten. Vermutlich tragen drei Komponenten zur Wirkung bei:
- Das Stechen "an sich",
- die intensivere Zuwendung der behandelnden Ärzte, und
- die Erwartungshaltung der (von etablierten Therapien enttäuschten) Patienten.

Auf der Basis der Ergebnisse dieser Studie hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am 18.04.2006 empfohlen, dass (neben Rückenschmerzen) Akupunktur - als Teil einer multimodalen Behandlung - bei chronischen Knieschmerzen zukünftig Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen wird. Grundlage des Beschlusses der GBA war die in den gerac-Studien festgestellte Überlegenheit der Akupunktur über die Standardtherapie in den Indikationen Knieschmerz und Rückenschmerz. Dies war bei Migräne und Spannungskopfschmerz nicht der Fall, weshalb die Akupunktur für diese beiden Indikationen nicht als Kassenleistung anerkannt wurde.

Fazit:
* Die derzeitige Standardversorgung von Patienten mit chronischen gonarthrosebedingten Schmerzen ist unzureichend, daher ist weitere Forschung im Bereich Patientenversorgung dringend notwendig.
* Durch Einbeziehung einer Akupunkturbehandlung in ein multimodales Behandlungskonzept kann das Befinden der Patienten und die Wirksamkeit deutlich verbessert werden.
* Gleichzeitig kann der Bedarf an Schmerzmitteln (und das damit verbundene Risiko unerwünschter Nebenwirkungen) reduziert werden.
* Wesentliche Unterschiede in der Wirkung einer TCM-Akupunktur und einer "Schein"-Akupunktur mit oberflächlichem Stechen an Nicht-TCM-Punkten existieren nicht; die Notwendigkeit eines Stechens tiefer als 0.5 cm ist daher zu hinterfragen. Offenbar wurde auch die Bedeutung der Punktspezifität der Akupunktur bislang überschätzt.
* Bei dem für die Studie definierten "Schein"-Akupunkturschema handelt es sich wahrscheinlich um eine "echte" Akupunktur im Sinne einer Minimalakupunktur und nicht um eine Placebo-Akupunktur, bei der - für die Patienten nicht ersichtlich - gar nicht gestochen wird.
* Die Kritiker der Akupunktur werden durch die Ergebnisse aufgefordert, ihre ablehnende Haltung zu dieser Therapieform kritisch zu überdenken.
* Die Vertreter der Akupunktur nach Regeln der TCM sind durch die Ergebnisse aufgefordert, ihre Akupunkturschemata zur Behandlung chronischer Knieschmerzen im Sinne eines wirksamen minimal-invasiven Vorgehens zu optimieren.
* Patienten mit chronischen Knieschmerzen können in Zukunft (wahrscheinlich ab dem 1.Oktober 2006) Akupunkturtherapie auf Kassenkosten beanspruchen, allerdings nur einmal pro Jahr und nur bei qualifizierten Ärzten (dies wären momentan lediglich 1.400 im gesamten Bundesgebiet!). An einer Akupunkturbehandlung interessierte Patienten sollten sich deshalb umgehend bei ihrer Kasse über in Frage kommende Ärzte und Behandlungsmethoden informieren.

* Hanns-Peter Scharf, Ulrich Mansmann, Konrad Streitberger, Steffen Witte, Jürgen Krämer, Christoph Maier, Hans-Joachim Trampisch and Norbert Victor: Acupunture and Knee Osteoarthritis. A three-armed randomized trial; Ann Intern Med 2006; 145: 12-20.

**gerac = German Acupuncture Trials

Kontakt:
Dr. Alexander Kurz, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 305, 690120 Heidelberg, Tel. 06221/ 56-4141,
Fax: 06221/ 56-4195, E-Mail: kurz@imbi.uni-heidelberg.de, Internet: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Startseite-Institut-fuer-Medizinische-Biometrie-und-Informatik.5459.0.html.


Weitere Informationen erhalten Sie von:
Prof. Dr. Norbert Victor, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 305, 690120 Heidelberg, Tel. 06221/ 56-4140,
Fax: 06221/ 56-4195, E-Mail: victor@imbi.uni-heidelberg.de, Internet: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Startseite-Institut-fuer-Medizinische-Biometrie-und-Informatik.5459.0.html.

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