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Eine Maßstäbe setzende Theologin aus Rostock: Marie-Louise Henry

18.07.2006 - (idw) Universität Rostock

Heute unvorstellbar, welche Sensation es vor nur 50 Jahren noch war: Eine Frau, Marie-Louise Henry erhält 1956 die Berufung auf eine Theologie-Professur in Leipzig. 1959 übernimmt damit erstmals in der deutschsprachigen alttestamentli-chen Bibelwissenschaft eine Frau das akademische Lehramt. An dieser Dame von französischem Charme, einer scharfsinnigen und weit blickenden Analytikerin, reich an geistiger Kraft und sensibler Neugier bis ins hohe Alter, die am 29. Juni 2006 in Hamburg starb, war noch mehr außergewöhnlich.

In Brüssel 1911 geboren, wuchs sie in Wismar auf. Nach dem Theologiestudium in Rostock erkannte man ihre vielseitige Begabung und Flexibilität: Die junge Absol-ventin wurde 1942-1945 nach Hamburg gerufen und arbeitete wissenschaftlich in der Luther-Gesellschaft. Dies mündete 1948 in Rostock in einer kirchengeschicht-lichen Doktorarbeit. Schon kurz vorher wurde an der Rostocker Theologischen Fakultät jemand gesucht, der in einem anderen Fach, dem Alten Testament, hebräi-schen Sprachunterricht erteilt. Professor Gottfried Quell vertraute der jungen Theologin aus dem fremdem Fach die Aufgabe an. Frau Dr. Henry fand sich so schnell in das neue Gebiet, dass sie bereits 1952 eine alttestamentliche Habilitati-onsschrift vollendete. Ein Jahr später wurde sie zur Dozentin ernannt. Verständ-lich, dass man in Leipzig bald auf die junge Wissenschaftlerin aufmerksam wurde.

Die Spannungen zwischen Staat und Kirche in der DDR um 1953 sind bekannt. Die kleine, zierliche Theologie-Professorin in Leipzig machte sich bei den DDR-Behörden durch unerschrockene Meinungsäußerung verdächtig und unbeliebt. So rieten 1961 Mitarbeiter der belgischen Botschaft ihr als Inhaberin zweier Staatsbür-gerschaften, einer Verhaftung zuvorzukommen. An der Leipziger Theologischen Fakultät blieb bis heute, wie erzählt wird, ihre Tabakspfeife zurück. Sie selbst fand Aufnahme als Gastdozentin in Wien. Schon 1963 wurde sie an die Hamburger Theologische Fakultät berufen, wo sie bis 1976 lehrte.

Kreativität und hohe analytische Intelligenz bewies Marie-Louise Henry auf ihrem wissenschaftlichen Gebiet. Ihr Gespür für wichtige Themen, lange bevor sie in das Bewusstsein der Öffentlichkeit traten, war bemerkenswert. Ihr Buch über Tiere im religiösen Bewusstsein des Menschen erschien lange, bevor es eine "grün-ökologische Bewegung" gab. Andererseits ermöglichte es ihr eine umfassende Bil-dung, begründete Auffassungen auch gegenüber Modetrends in glasklare und ein-fache Worte zu kleiden. Dabei war ihre Kritik nie verletzend oder herabwürdigend, sondern - bei sachlichem Ernst - eher liebenswürdig und konstruktiv. Als Profes-sorin erlebte sie in Hamburg die 68er Studentenbewegung, "unter den Talaren den Muff von 1000 Jahren". Bei differenzierender Beurteilung und Würdigung der An-liegen der Studenten, aber auch Kritik der anarchischen Auswüchse griff sie das gesellschaftskritische Anliegen konstruktiv durch eine Studie zum Problem "Glau-be und Gesellschaft" auf.

In einem Buch stellte sie sich 1990 der Frage nach Verletzungen derer, die z.B. in Konzentrationslagern litten, der Frage "Gott im Leiden? Gott in Auschwitz?" und der Frage nach Sinn und Wirkung von Gebet im Umfeld des Unmenschlichen. In ihrem 81. Lebensjahr veröffentlichte sie "Alttestamentliche Überlegungen zum Problem der Feministischen Theologie". Die in der Bibel dargestellte menschliche Gemeinschaft beruhe zwar - wie jede menschliche Gesellschaft - auf Auseinander-setzungen. Aber der in der Bibel bezeugte Wille Gottes schließe eine Unterdrü-ckung des Menschen, natürlich auch der Frau, kategorisch aus. Nur so könne eine demokratische Rechtsgemeinschaft wachsen und gedeihen.

Dankbar erinnert man sich in Rostock an ihren Festvortrag "Überlegungen zum Auftrag und zur Verantwortung der Theologie im 20. Jahrhundert" beim 560. Stif-tungsjubiläum der Theologischen Fakultät 1992. Ihre sensible Rück- und Voraus-schau ist auch heute wichtig. "Wenn der Mensch sich nicht mehr über sich selbst hinausgewiesen weiß, verantwortungsschwer gebunden an eine Größe, die mehr ist als er, dann begibt er sich auf den Weg zum Unmenschen". Religiöse Grund- und Menschheitserfahrungen, wie sie die Bibel aufbewahrt, haben Theologie und Kir-che für die Gegenwart zur Sprache zu bringen. Genau dies hat Frau Professor Henry ihr Leben lang mit ungeschminkter Klarheit, sachlichem Ernst, überzeu-gender persönlicher Haltung und großem Charme gelehrt und vorgelebt.


Professor Dr. Hermann Michael Niemann
Dekan der Theologischen Fakultät
Tel. ++49-(0)381-498 8410/-00
Fax ++49-(0)381-498 8402
E-mail: hmn@uni-rostock.de

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