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Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung nimmt zum Abschuss des Bären Stellung

19.07.2006 - (idw) Forschungsverbund Berlin e.V.

Stellungnahme des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) zum Abschuss des Bären JJ1 in Bayern und den Rechtfertigungen der dafür Verantwortlichen Der Todesort des Bären JJ1 "Bruno" wird zur Gedenkstätte mit Kreuzen und Blumen. Große Teile der Bevölkerung und auch die Medien nehmen nach wie vor Anteil am Schicksal des erschossenen "Problembären". Und die Politiker, die die Tötung anordneten, stehen weiterhin unter Rechtfertigungsdruck. Wenn sich die Verantwortlichen jedoch auf den Standpunkt zurückziehen, der Abschuss sei aufgrund einhelliger wissenschaftlicher Meinung erfolgt, dann kann das nicht unwidersprochen bleiben.

Nach Ansicht des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung ist vor dem Abschuss nicht die gesamte wissenschaftliche Expertise eingeholt worden. Weder wurden maßgebliche Wildtierärzte aus Bayern konsultiert, noch ausgewiesene Fachleute aus anderen Teilen Deutschlands oder von dem Bären-Auswilderungsprojekt in Italien zu Rate gezogen. So ist zum Beispiel der Direktor des Münchener Tierparks, Prof. Henning Wiesner, ein international ausgewiesener Spezialist zur tierschutzgerechten Betäubung von Wildtieren und verwilderten Haustieren. Auch das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung verfügt über mehrere erfahrene Experten, die regelmäßig große Säugetiere betäuben und nachweislich über 150 Bärennarkosen durchgeführt haben.
Wir fragen uns, wozu es eine ausgefeilte Immobilisationstechnik in der Wildbiologie gibt, wenn sie gerade in solchen Situationen nicht eingesetzt wird. Das Tier hat sich oft so verhalten, dass eine Annäherung auf 50 Meter und somit eine Betäubung möglich gewesen wäre. Wir wären gemeinsam mit Kollegen aus Bayern und anderen Teilen Deutschlands bereit gewesen, ein Mini-Netzwerk und Krisenteam von Wildtierärzten zu etablieren, das dann entsprechend rasch hätte reagieren können. Deutschland hat viele Experten in der Wildtierforschung. Es ist das Mutterland der modernen Entwicklung von Blasrohr und Betäubungsgewehr; Professor Wiesner hatte übrigens dabei einen erheblichen Anteil.

Das IZW hält es nicht für nachvollziehbar, dass der Bär - es war der erste frei lebende Bär in Deutschland seit rund 170 Jahren - erschossen wurde. Die ganze Aktion ist ungeschickt gelaufen; sie entspricht nicht unserem Verständnis vom Umgang mit Wildtieren und spiegelt nicht die internationale Erfahrung im Umgang mit Problembären wider. Wie gefährlich war JJ1? Der Bär hat zwar Schafe und Hühner getötet, solche Schäden sind aber nicht vergleichbar mit einem potenziellen Angriff auf den Menschen. JJ1 hat nie Menschen attackiert; er ist im Gegenteil vor den Spurensuchern geflüchtet. Alle Untersuchungen aus Nordamerika zeigen, dass Bären erzogen werden können, sie sind sehr intelligente Tiere.

Unserer Ansicht nach hätte es auch andere Strategien gegeben, die zum Teil in Österreich versucht wurden. Zum Beispiel hätte man wie folgt vorgehen können: Immobilisieren, Halsbandsender anlegen, Beschuss mit Gummimunition bei Annäherung an menschliche Siedlungen. Andere Länder in Westeuropa (Österreich, Italien, Spanien) haben schließlich auch Wege gefunden, mit Bären umzugehen. Man muss gar nicht so weit gehen, um Vorbilder im Umgang mit potenziell gefährlichen Tieren zu finden. Die Akzeptanz von Wölfen in der Niederlausitz in Sachsen und Brandenburg ist beispielhaft. Dort hat das gemeinsame Vorgehen von Biologen, Schäfern und örtlicher Administration dazu geführt, dass Schafrisse weitgehend unterbunden wurden.

So wirft dieser Fall die grundsätzliche Frage auf, ob unsere moderne Gesellschaft wirklich bereit ist, im eigenen Lebensraum Artenschutz in die Tat umzusetzen. JJ1 zeigte kein arttypisches Verhalten, aber welche Signalwirkung hat ein Abschuss? Entspricht diese "Lösung" eines "Landnutzungskonfliktes" wirklich unserem Verständnis und gesellschaftlichen Auftrag eines modernen Arten- und Naturschutzes? Mit zunehmenden Erfolg der Wiederansiedelung von Bären in unseren Nachbarländern ist in Zukunft mit ähnlichen Situationen zu rechnen. Wollen wir jeden Bären, der über die Grenze kommt, abschießen? Bei Landnutzungskonflikten ist die Haltung der örtlichen Bevölkerung besonders wichtig. In Bayern war ein Großteil der örtlichen Bevölkerung nach dem Abschuss traurig - und zeigt dies nach wie vor durch Blumen.

Für die Zukunft schlagen wir daher vor, die Expertise von international ausgewiesenen Wildtierärzten und Biologen umfassend einzubeziehen. Ein langfristig angelegtes, mit den Nachbarländern abgesprochenes, wissenschaftlich gestütztes Konzept für das Management von Wildtieren wäre da sicher hilfreich. Dann könnten in Zukunft die Landnutzungskonflikte auch so zufriedenstellend gelöst werden, wie wir dies von anderen Ländern bei ähnlichen Problemen erwarten. Ein solches Konzept sollte auch die langfristigen Auswirkungen berücksichtigen - dazu gehört neben den Folgen für den Natur- und Artenschutz übrigens nicht nur die mögliche Gefährdung der Bevölkerung durch einzelne Wildtiere, sondern auch die Folgen für Image und Tourismus naturnaher Regionen. Das ist beim Abschuss von Bruno nicht geschehen.

Berlin, im Juli 2006

Gez.: Prof. Dr. Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, PD Dr. Dr. Kai Frölich, Leiter der Forschungsgruppe Wildtierkrankheiten, Dr. Frank Göritz, Leitender Tierarzt des IZW.

Ansprechpartner: Prof. Heribert Hofer, 030 / 5168-100
PD Dr. Dr. Kai Frölich, 030 / 5168-225

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