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Bochumer Altphilologen geben wiederentdeckte Handschrift heraus: "Vergil im Schauspielhaus" von Michael Maitta

30.08.2006 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Durch Zufall stießen vor einigen Jahren Altphilologen der Ruhr-Universität um Prof. Dr. Reinhold F. Glei auf einen Hinweis auf eine Dramenbearbeitung von vergilischen Texten durch den englischen Gelehrten Michael Maittaire (1668-1747). Nach einiger Suche entdeckten sie das handschriftlich erhaltene Werk in der Bodleian Library in Oxford. Die Freude war groß, die Arbeit noch größer: In einem Workshop im Wintersemester 2002/03 machten sie sich daran, die oft unleserliche und fehlerhafte Handschrift zu entziffern, zu rekonstruieren und zu übersetzen und dokumentierten ihre Arbeit in einem kritischen Apparat für den späteren Leser. Jetzt ernten sie die Früchte ihrer Arbeit: Das Werk "Vergil im Schauspielhaus" ist im Gunter Narr Verlag Tübingen erschienen. Bochum, 30.08.2006
Nr. 284

Lateinische Stücke vom Staube befreit
Bochumer Altphilologen geben wiederentdeckte Handschrift heraus
"Vergil im Schauspielhaus" von Michael Maittaire

Durch Zufall stießen vor einigen Jahren Altphilologen der Ruhr-Universität um Prof. Dr. Reinhold F. Glei auf einen Hinweis auf eine Dramenbearbeitung von vergilischen Texten durch den englischen Gelehrten Michael Maittaire (1668-1747). Nach einiger Suche entdeckten sie das handschriftlich erhaltene Werk in der Bodleian Library in Oxford. Die Freude war groß, die Arbeit noch größer: In einem Workshop im Wintersemester 2002/03 machten sie sich daran, die oft unleserliche und fehlerhafte Handschrift zu entziffern, zu rekonstruieren und zu übersetzen und dokumentierten ihre Arbeit in einem kritischen Apparat für den späteren Leser. Jetzt ernten sie die Früchte ihrer Arbeit: Das Werk "Vergil im Schauspielhaus" ist im Gunter Narr Verlag Tübingen erschienen.

Handschriftliches Regieexemplar

Der englische Gelehrte Michael Maittaire (1668-1747) war von 1695-99 Lehrer an der Westminster School in London. In dieser Zeit verfasste er drei lateinische Tragödien ("Der Untergang Trojas", "Dido" und "Die Reise in die Unterwelt"), vermutlich zur Aufführung durch seine Schüler. Das handschriftliche 'Regieexemplar', mit dem in der Hand er vermutlich die Proben leitete, ruhte mehr als 250 Jahre in der Oxforder Bodleian Library, bis die Bochumer Forscher es entdeckten.

Der Autor wurde immer besser

Die drei Tragödien entstammen stofflich der Aeneis Vergils (den Büchern 2, 4 und 6). Sie behandeln die Einnahme Trojas durch die Griechen mithilfe der List des Hölzernen Pferdes, die tragische Liebesgeschichte zwischen Dido und Aeneas, die mit dem Selbstmord Didos endet, sowie den Gang des Aeneas in die Unterwelt, wo er u.a. verstorbene Gefährten, Dido und seinen toten Vater wieder trifft. Maittaire hat diese Stoffe für die Bühne umgestaltet: So hat er etwa verschiedenen Personen, die bei Vergil nicht oder nur am Rande erwähnt sind, wichtige Bühnenrollen zugewiesen (z.B. Kassandra), originelle Chorlieder eingefügt und auch auf die im zeitgenössischen englischen Drama so beliebten Geisterszenen zurückgegriffen. In der Einzelanalyse der drei Tragödien zeigt sich, dass Maittaire sich kontinuierlich gesteigert hat, was die dramatische Komplexität der Stücke angeht: Ist das erste Drama noch einfach und anspruchslos strukturiert und mit 331 Versen auch das kürzeste, so finden sich im zweiten (466 Verse) und dritten Drama (481 Verse) komplexere Szenenfolgen. Zwar sind alle drei Tragödien fünfaktig, doch enthalten die Akte des ersten Stückes lediglich ein bis zwei Szenen, während die der beiden anderen Stücke jeweils bis zu fünf Szenen aufweisen. Auch die Verwendung von Chorliedern und lyrischen Partien ist in den beiden späteren Tragödien sehr viel häufiger und pointierter eingesetzt als in der ersten.

Umgangssprache im Theaterstück

Ähnliches gilt auch für die Metrik: Sie orientiert sich an den Tragödien Senecas, weist jedoch eine Reihe von Freiheiten sowie eine nicht unerhebliche Zahl von Fehlern auf. Sowohl an den Sprechversen als auch an den lyrischen Versen lässt sich ablesen, dass Maittaire seine metrischen Fähigkeiten von Stück zu Stück verbessert, jedoch nicht die Virtuosität anderer neulateinischer Dramatiker erreicht hat. Die Sprache der Tragödien orientiert sich weitgehend an der vergilischen Vorlage, übernimmt aber auch Versatzstücke aus Tragödien Senecas; darüber hinaus finden sich allerdings auch zahlreiche Einflüsse der Umgangssprache, was vielleicht auf die Produktionssituation und das intendierte Publikum zurückzuführen ist, wie die Übersetzer vermuten.

Entziffern und verbessern

Die Übersetzer haben den Text nach den Methoden der Klassischen bzw. Neulateinischen Philologie kritisch ediert, d.h. es wurde kein diplomatischer Abdruck der Handschrift vorgenommen, sondern die vom Autor intendierte Textgestalt rekonstruiert. Keine leichte Arbeit, denn Maittaire hat seine Texte offenbar häufig überarbeitet. Durchstreichungen und Korrekturen zeugen davon, oft hat er sogar Altes und Neues ineinander geschrieben. Alle Varianten, Verbesserungen und Ergänzungen sind im textkritischen Apparat dokumentiert. Rechtschreibung und Zeichensetzung - im Original manchmal falsch oder verwirrend - haben die Forscher zugunsten der Lesbarkeit vereinheitlicht.

Anhang mit Informationen zur Einordnung

Im Anhang haben die Übersetzer alle bisher bekannten lateinischen Bühnenbearbeitungen der Aeneis aufgelistet und besprochen. Dadurch ist es möglich, die drei Tragödien Maittaires in die Geschichte der Aeneisdramatisierungen einzuordnen und zu beurteilen; darüber hinaus wird so ein Stück Theatergeschichte dokumentiert, das bisher völlig unerschlossen war. Die Recherchen haben insgesamt 38 Stücke zutage gefördert, deren zeitlicher Rahmen nahezu vier Jahrhunderte (von 1515 bis 1898) umfasst. Viele dieser Dramen, die verstreut in ganz Europa (eines auch in den USA) entstanden sind, waren bisher unbekannt und harren noch weiterer Erschließung.


Titelaufnahme

Glei, Reinhold F.: Virgilius Cothurnatus - Vergil im Schauspielhaus. Drei lateinische Tragödien von Michael Maittaire (= NeoLatina 12) Gunter Narr Verlag Tübingen, 2006, ISBN 13: 978-3-8233-6238-8, ISBN 10: 3-8233-6238-0

Weitere Informationen

Prof. Dr. Reinhold F. Glei, Seminar für klassische Philologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-22761/-28761, GB 2/62, E-Mail: reinhold.f.glei@rub.de

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