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Wissenschaftler fordern Kultur der Innovation in NRW

08.09.2006 - (idw) Institut für angewandte Innovationsforschung e.V.

Die Wahl Essens zur Kulturhauptstadt Europas 2010 hat viel Euphorie im Ruhrgebiet aufkommen lassen. Die "Förderung kreativen Schaffens" - eines der EU-Kriterien für die Wahl der Kulturhauptstadt - wird in der öffentlichen Wahrnehmung aber allzu oft auf zweifelsfrei wichtige Felder wie Künstlersiedlungen, Theaterlandschaften oder Industriedenkmäler reduziert. Wichtige kulturprägende Impulse kamen immer wieder aus technischen Innovationen und ihrer Verwertung. So ist etwa die Industriekultur im Ruhrgebiet Ergebnis technischer Entwicklungen rund um Kohle und Stahl - begründet in einer Zeit, in der Unternehmer mutig neue Wege gegangen sind. Die Förderung kultureller Milieus, die einen derartigen Aufbruch zu Neuem ermöglichen, ist in den letzten Jahren - so scheint es - aus dem Blick geraten. So wundert man sich über die diagnostizierte Innovationsschwäche und sucht die Erklärungen in Risikokapitalmangel, Überregulierung oder "ungünstigen" Rahmenbedingungen. Wie man Innovation kultivieren kann, stand im Zentrum einer Fachtagung des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) an der Ruhr-Universität Bochum in der rewirpower-Lounge des Ruhrstadions in Bochum. Mit einer Veranstaltung anlässlich seines 20-jährigen Bestehens greift das Institut für angewandte Innovationsforschung (IAI) einen Aspekt der Kulturdebatte auf, der bislang wenig Beachtung findet: Wie kann man Innovation kultivieren? Die Notwendigkeit, sich dieser Frage zu stellen, liegt auf der Hand. Nur über Innovationen lassen sich Wachstum, zukunftsfähige Arbeitsplätze und Lebensqualität sichern. Um die Innovationskultur in Nordrhein-Westfalen scheint es aber nicht zum Besten bestellt. So diagnostiziert Prof. Dr. Christoph M. Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), eine erhebliche Forschungslücke für Nordrhein-Westfalen: Während im Bundesdurchschnitt 2003 2,56% des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung aufgewendet wurden, waren es in Nordrhein-Westfalen gerade einmal 1,8%.
Grund genug für Innovationsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart, hier gegenzusteuern: "Wir müssen schnell eine Trendwende am Innovationsstandort NRW erreichen. Ziel der Innovationsstrategie der Landesregierung ist unter anderem die Stärkung der Spitzenforschung, die Verbesserung des Technologietransfers, eine abgestimmte Clusterstrategie und eine Intensivierung des Marketings für den Standort. So kann NRW bis 2015 zum Innovationsland Nummer 1 in Deutschland werden." Forschung und Entwicklung - darin ist man sich einig - sind zwar Basis für technische Innovationen, aber erst ihre Umsetzung schafft zukunftsfähige Arbeitsplätze. "Bei durchaus beachtlichen Forschungserfolgen auch in Nordrhein-Westfalen ist die Umsetzung technisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns rückläufig" warnt Prof. Dr. Bernd Kriegesmann, Leiter des IAI. Der Anteil von Unternehmen, die in den letzten Jahren mit echten Marktneuheiten erfolgreich waren, ist zurückgegangen. Gerade in Nordrhein-Westfalen, einem Bundesland mit der kulturellen Prägung eines Produktionsstandortes, schmerzt diese Umsetzungslücke besonders - wie auch die jüngsten Arbeitsmarktdaten für das Ruhrgebiet einmal mehr schmerzlich belegen. Die Arbeitsplatzwirksamkeit von Innovationen schlägt sich in der Breite nicht in einer erfolgreichen Forschung nieder, sondern greift erst, wenn es gelingt, Spitzenforschung in marktgängige Produkte und Dienstleistungen zu überführen und am Markt durchzusetzen.
So erfordert eine echte Innovationskultur immer die Schaffung neuen Wissens und seine Umsetzung. Eine vielschichtige Aufgabe, indem Bestehendes in Frage gestellt, lieb Gewonnenes aufgegeben, bestehende Kompetenzen entwertet und neue Strukturen aufgebaut werden müssen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, den Viele meiden und den kurzfristig bequemeren Weg der Besitzstandswahrung vorziehen. "Innovationen werden allzu oft verschoben, so lange es geht", so Prof. Kriegesmann. "Aber es gibt auch Ausbrüche aus gewohnten Bahnen - immer dann, wenn der Leidensdruck groß genug ist oder Einzelne sich auf den Weg machen, den strukturellen Wandel zu gestalten." Ein beispielgebendes Engagement für Innovationen in der Region skizzierte Hans-Jürgen Chmielek, Personalleiter und Mitglied des Managementteams der BP Gelsenkirchen GmbH. So hat sich am oft als schwierig bezeichneten Standort Gelsenkirchen eine von weltweit nur zwei so genannten "Super Sites" der global tätigen BP-Gruppe entwickelt, in der modernste Technologien getestet und etabliert werden, bevor sie als weltweiter Standard in anderen BP Raffinerien zum Einsatz kommen.
Ein Beispiel, das verdeutlicht: "Überall wo es gelingt, Menschen zum Aufbruch zu Neuem zu ermutigen und zu befähigen, entstehen Innovationen - Innovationen werden von Menschen gemacht", so Prof. Kriegesmann. Die Aktivierung der personellen Potenziale sieht auch Kurt Hay, Vorsitzender des Landesbezirksvorstandes der IGBCE, Landesbezirk Westfalen, als wichtiges Element einer Innovationskultur. Auch Prof. Dieter Gorny, Executive Vice President MTV Networks Europe, mahnt die ungenutzten Chancen der Kreativwirtschaft an, die die Vermarktung von Ideen zum Gegenstand hat.
Nimmt man die diskutierten Einsichten wird deutlich, dass Innovationskultur etwas Aktivierendes ist und nicht auf einem "gouvernantenhaften" Ansatz des Füllens vermuteter Lücken im Innovationsgeschehen beruhen kann. Das Programm für die Innovationspolitik des Landes sieht Innovationsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart entsprechend als Herausforderung und Verpflichtung unter der Leitlinie "Kreativität freisetzen und Kräfte bündeln".

Erst wenn es gelingt, den Umgang mit Innovationen am Standort Nordrhein-Westfalen zu kultivieren, besteht die Option, nicht nur über Neues zu reden, sondern über Innovation zu wachsen und neue zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen.
Weitere Informationen: http://www.iai-bochum.de
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